Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 11 (7.6.1892)
- Date
- 1892-06-07
- Page
- Seite 105 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbst-Emancipation Seite 105. _9ir. ll. ihn von ihren Rockschößen abschütteln wollen, weil ihnen der große Prophet mit seiner wilden Phantasie sehr unangenehm, ja cckelhaft geworden. Was half cs jedoch? Die wüthende Menge jubelte dein „Märtyrer" zu, so dass die Antisemiten sich gezwungen sahen, ihn in Ehren wieder anfzunehmen. Und so oft es jetzt heisst, dass Ahlwardt sprechen wird, gibt es keinen Saal, der btc herbeiströmende Menge fassen möchte, wobei nicht einmal das Stadtviertel in Betracht kommt. Er ist so tonangebend geworden, dass auch andere Jndcnhetzer mit seinen Themen sich beschäftigen und dadurch Erfolge erringen, wie cs z. B. eben erst der bekannte Dr. Förster gethan, der ebenfalls wegen der „Judcnflinten" die größten Beschuldigungen gegen die Inden erhoben. Es hat darum nicht geringe Verwunderung hervorgerufen, dass der „Reichs-Anzeiger" erst vor Kurzem die ganze Angelegenheit mit ziemlicher Entschiedenheit dcmentirt hat. Dieses wird jedoch der agitatorischen Thätigkeit von Ahlwardt eben so wenig Abbruch thnn, wie die sensationelle Broschüre „Der große Prophet" eines seiner früheren Gesinnungsgenossen, welcher ihn noch während des letzten Processcs vertheidigt hat, und nun sehr viele Enthüllungen gegen ihn veröffentlicht. Charakteristisch für die Kühnheit von Ahlwardt ist das Gespräch, welches er am Abend vor der ersten Verhandlung gegen ihn mit seinem Bertheidiger geführt: „Herr Rechtsanwalt," sagte er, „wenn ich morgen freigesprochen werde, bin ich der König in Preußen." Immer mächtiger fühlen sich die Antisemiten, immer herausfordernder werden sie in ihrem ganzen Auftreten, so dass sie die conservative Partei nach sich reißen. Vor wenigen Tagen hat nämlich dieselbe den einstimmigen Beschluss gefasst, die Judenfragc als einen Punkt in ihr Programm aufzunehmen. Kaum ahnen noch die Juden, ivie wichtig für sie diese Thatsache werden kann, indem sie nunmehr eine ganze Partei des Abgeordnetenhauses gegen sich haben werden. , . . Das Bedrohliche ihres gegenwärtigen Zustandes fangen die Juden zu empfinden an; weswegen sie sich von der alten Taktik lossagen, von jener Taktik des Jgnorirens oder Schmühens. Die Bekämpfung des Antisemitismus hat eine etwas würdigere Form angenommen. Früher betrog man nicht nur die Anderen, indem man die Existenz einer Judenfrage negirte, sondern auch sich selbst, was viel traurigere Folgen nach sich zog, jetzt aber ist der Kampf mit aller Macht aufgenommen, die deutsche Jndenheit hat jetzt zwei Vereine, nämlich den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" und die unbedeutendere „Vereinigung zur Bekämpfung der Raccnhetze", zu ihrer Verteidigung, welche zwei fpccifisch anti - antisemitische Zeitschriften herausgcbcn, nämlich die sachlich gehalteneil „Mittheilnngen alls dem Verein zur Abwehr' des Antisemitismus" und die Halbmonatsschrift „Schmach des Jahrhunderts", welche einen gewissen Eifer, einigen Witz und genügende Schärfe an den Tag legen. Offenbar sind die Juden zu der Uebcrzeugung gekommen, dass die Judenhetze kein Spass, keine Laune ist, über die man achselzuckend hinwegsehen kann; besonders muss ihnen diese Lehre einleuchtend geworden sein, seitdem der Antisemitismus vergeblich von den Regierungen angefeindet wird. Pflegte man vor einigen Jahren die lästige ^Angelegenheit als eine Mache einzelner hochstehender Persönlichkeiten anzusehen, so kann man nunmehr beim größten Optimismus nicht umhin, der Sache eine gewisse Volksthümlichkeit z„zuschreiben. .Treten doch wahrlich jetzt die Machthaber selbst sehr scharf der Racenfragc entgegen; so hat z. B. der Großherzog von Hessen vor wenigen Wochen einer Deputation hessischer Lehrer gegenüber die Aeußerung gethan, dass er die antisemitische Bewegung aufs Tiefste bedauere und sie, gleich Kaiser Friedrich, als eine Schmach unseres Jahrhunderts betrachte. So weit es in seiner Macht liege, werde er entschieden Front gegen diese verwerfliche Hetze machen. Wie unfreundlich die regierenden Kreise dem Treiben der Judenfresser gegenüber sich verhalten, kann man aus unwichtigen Einzelheiten ersehen, dass z. B. antisemitische Versammlungeneinfach nicht gestattet werden (wie es in Hamburg geschehen), dass ein Pvlizeidirektor in Oppeln die Aufführung eines vom „Polnischen Verein" in Aussicht genommenen Theaterstückes „Der Jud' im Fasse" wegen der antisemitischen Tendenz desselben verbietet, dass der Chefredactcur des antisemitischen Tagesanzcigers in Leipzig, Dr. Erwin Bauer, auf Anordnung des sächsischen Ministeriums mir wegen Raccnhetze aus dem Königreich Sachsen verwiesen wurde rc. Dass aber durch solche Massregeln die Leidenschaften nicht gezähmt, sondern eher angefacht werden, hat der 'Aufschwung der Judcnhetze während des letzten Jahres bewiesen, wodurch die deutschen Israeliten zugleich belehrt lvorden sind, dass man über Volksinstinkte nicht spotten darf. Aus diesem Grunde muss man die Sclbstverthcidigung der deutschen Jndenheit selbst vom nationalen Standpunkte aus mit einer gewissen Genugthuung begrüßen, weil durch die Vernichtung des Jndiffercntismus der Boden für das Nationaljudentum geebnet wird. Das Schwierigste ist beständig, die Gleichgiltigkeit zu vernichten; wenn aber der Jude anfängt, sein Ich zu empfinden, dann muss er unbedingt zum Ideal der Selbstständigkeit kommen. Verstoßen und von: zwecklosen, verächtlichen Kampfe angewidcrt, wird er eine Zuflucht bei seinen selbstbewussten Volksgenossen finden. Im vorigen Jahre haben wir bei Gelegenheit die Thatsache festgestellt, dass die Juden in Deutschland wegen ihrer Anzahl eine Zwitterstellnng einnehmen, so dass sie einerseits eine zu große 'Anzahl bilden, um als Juden jemals zu völliger gesellschaftlicher Freiheit und Gleichheit zu gelangen, andererseits zu knapp sind, um den Judenhass bis auf die äußerste Spitze treiben zu können. Trotzdem hatten wir die Vermuthung kundgegeben, dass die nationale Idee in nicht ferner Zeit das deutsche Israel für sich gewinnen - würde, obwol diese zunächst nur durch harte Verfolgungen oder völlige Freiheit — hauptsächlich durch letztere — sich auszubreiten vermag. Damals aber hatte der Zionismus wegen seiner fortwährenden Erfolge in seinen Anfängern immer kühnere Hoffnungen erweckt, welche wirklich nicht unberechtigt waren. Musste nicht die Glut und Begeisterung der östlichen Brüder auch auf die westliche Judenheit belebend wirken? Konnte es möglich sein, dass der Eifer, die lebhafte Thätigkeit der Juden _ im freien Albion keinen Nachhall bei den nicht so hoch stehenden deutschen Juden erwecken würde? Sicherlich wären auch diese von der allgemeinen Strömung mit fortgerissen worden, wenn nicht unerwartete Umstände der ganzen Sache einen Stofs nach rückwärts versetzt Hütten und einen Riickgang in der praktischen Ausführung unserer Idee verursacht hätten. Der Nationalisirungsprveess der deutschen Judenheit wird daher viel langsamer vor sich gehen, indem diese allmählig alle Stadien ' durchzumachen haben wird, mit der Bekämpstmg der Raccnhetze beginnend und bis zur Höhe des Nationalbewusstseins sich emporschwingend. Je energischer die Israeliten hier kämpfen werden, desto erbitterter werden sie sich zurückziehen, und von ihrem „Jdealthurme herabgestürzt", wie Auerbach von sich vor seinem Tode sagte, werden sic ihre Herzen dein crgnickenden Thau der nationalen Idee erschließen. Sic werden einsehen, dass sie aus dem Kampfe mit entfesselten 3„ftinctcu nur dann siegreich hervorgehen könnten, wenn sic eine absolute Selbstvernichtung — ohne selbst auf Religion Rücksicht zu nehmen — erstreben würden. Selbst Mommscn, der doch bekanntlich kein Judenfeind ist, meint, dass cs die Pflicht jedes Juden sei, alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener Hand niederzuwerfen, da die Juden zwar in ihrer Rechtsgleichheit geschützt werden können, aber