Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 10 (15.5.1892)
- Date
- 1892-05-15
- Page
- Seite 100 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 100. Selbst-Emancipation Nr. 10. das BourgcoiLprotzcntum oder der Proletarierfanatismus.ist — so wenig Geschmack uub so viel Exaltirthcit an den Tag legen. Wir . würden uns freuen, wenn wir uns hierin täuschten. — Dasselbe Blatt bringt ein wundervolles Gedicht aus „Es werde Licht" von Leopold Jacob y, das fast ganz.auch auf das Leid der Juden, dieser Proletarier der Proletarier, dieser ©claöot der Sklaven angcwendct werden könnte. Wie trefflich passt .nicht folgende herrliche Stelle auch auf unsere Bewegung: Und du Sprache, Nimm eine Leuchte in deine Hand Und gehe dorthin, wo es.finster ist, Wo es ganz finster ist, Und strecke die Leuchte über die dort schlummern lind nichts wificn von sich, Bis ihre Wimpern zucken, Und sie sich hin und wieder wälzen. Und rufe laut, dass es halle, Von Hügel zu Hügel Von Thal zu Thal:: Wacht auf! Wacht auf! Ihr habt zweitausend Jahr geschlafen. Das ist lange genug, Wacht auf, seht, Es will lichter Morgen werden! Jüdische Anarchisten. In Philadelphia fand vor Kurzem ein Process gegen russisch-jüdische Anarchisten statt, .welcher mit dem Processc Ravachol ganz und gar keine Ähnlichkeit besaß. Die recht jungen Herren, — „Ritter der Freiheit" nennen sic sich — hätten am letzten Kolnidrc- Abend einen Maskenball veranstaltet, wobei sic den Jomkip- Pur und die jüdische Religion überhaupt frech verhöhnten. Diese schöne Handlungsweise brachte sic vor das Schwurgericht, das ihnen ein Jahr Gefängnis dictirte. Sie werden Zeit haben, über ihre infame Schandthat nachzudenkcn. Es ist aber leider nicht zu hoffen, dass sie gebessert herauskommen. In dieser Sorte von Wahnsinnigen setzt sich die Tollheit so fest, dass dieselbe nicht mehr herauszubringcn ist. Man muss nur die Ansteckung verhüten, und das geht nur .im Wege der Verbreitung zionistischer Gesinnung unter den .russischen Juden Nordamerikas. Oelletristifches. Der Schatzgräber Skizze aus dem russisch-jüdischen Leben. — Aus dem Hebräischen des Rüben Krainin übersetzt. (Fortsetzung.) „Was wir essen sollen? Ja,.das ist eine schwere Frage. Es war nrir heute in keiner Weise möglich, auch nur einige Kopeken zu verdienen, um ein Laib Brod kaufen zu können: Von Früh bis Abend war.ich auf den Beinen, um Arbeit zu suchen, aber umsonst. Auch für bereits geleistete Dienste vermochte ich keine Bezahlung zu erhalten. Baruch gab mir auch nicht eine Kupfermünze für das Grab, welches ich für seinen Onkel, der ihm sein ganzes Vermögen hinterließ, schaufelte. Auch vom licwed Hakohol (Gemeindepräses) bekam ich noch nichts für die viele Mühe, die sch hatte, als ich fein.Kind an eincut regnerischen Tag beerdigte. Oder soll ich Sprinze, der Witwe, ein hartherziger Gläubiger sein, soll ich für das Begräbnis ihrer drei Kinder ihren Arbeitslohn nehmen, wiewohl ich weiß, dass sie nicht genug Brod hat? Soll ich ihr die Seele aus dein Leibe reißen?" Meine Großmutter seufzte. „Weshalb seufzest Du, Deborah?" _ „Wie soll ich nicht seufzen, wenn Du schon so lange keinen Todten hattest, für dessen Begräbnis Du bezahlt würdest. Sie sind alle arm und hintcrlassen nicht eimnal die Bestattungskosten. Will Gott uns den Garaus machen, hat sein Erbarmen aufgehört? Das Brod ist uns ausgegangcn, und auch die Nachbarinnen borgen mir nichts mehr, weil ich .stark verschuldet bin. Von Jente habe ich Zwiebel ausgeliehen, von Cchaschkc ein Maß Mehl, von Baschke drei Hand voll Salz, und von Rischke zwei Laibe Brod. Gott :weiß, wenn ich meine Schulden werde tilgen können, die zahlreicher sind als -die Haare auf meinem Kopfe .... Was ich im Hause hatte, gab ich für einen Rubel dem Geldleiher zum Pfände; jetzt soll ich für die Kinder das Unterrichtsgeld bezahlen, wohin soll ich mich darum wenden .... Keine Hilfe in der Noth .... Auch unser Enkel Abrahamke macht heute in unserem Hause unsere Nvth mit, den er ist hungrig." , . . . . Als ich hörte, .'dass mein Hunger den Kummer meiner Großmutter vermehre, stotterte ich leise: „Betrübe Dich nicht meinetwegen, Großmutter .... Ich bin nicht hungrig .... Ich habe noch gar keine Lust zu essen." Daniit belog ich eigentlich meine Großmutter nicht, denn in meiner Kindheit hatte der Hunger nichts furchtbares für mich. Mehr als einmal hatte ich meinen Vater um die Erlaubnis gebeten, am 17. Thammus, diesem langen Sommertagc, fasten zu dürfen. Das kam mir nun zu Statten; sonst hätte auch ich das Unbehagen empfunden, welches die Erwachsenen empfinden, wenn fic fasten. Heute natürlich weiß ich, wie wohl mein Gehirn Büchermoder speist, ganz gut, dass Hunger kein angenehmes Gcfichl ist. Meine Großeltern setzten ihre Unterhaltung fort, die bald zum mächtigen Sttomc anschwoll, bald als einfache Rede dahinglitt, bald sorglos war, bald von Leiden sprach. Ich hielt mich zurück und mischte mich nicht in das Gespräch, wiewohl mir Bibclvcrse und Talmndsprüchc auf der Zunge lagen, womit ich hätte beweisen können, dass der Großvater im Rechte sei. Als das Gespräch zu Ende war, stieg ich vom Ofen herab, denn ich hatte Sehnsucht nach meinem Großvater. Dieser nahm mich in seine Arme und sagte liebevollen Tones : „Mein Kind, Du bist hungrig, bist heute einen weitem Weg von Deinem Vaterhanse zu mir gegangen, und ich kann Dir nicht einmal den Lohn für den Weg geben.... Ich möchte Oir Leckerbissen und Süssigkeiten geben, ivenn ich cs könnte, aber Du siehst ja selbst, ich habe nichts.Mein Schicksal ist der Hunger, ich freue mich dieses Looses, denn Gott wollte cs so. Aber Du, mein Sohn, sorge nicht, Du bist ein Kind und die Welt steht Dir offen. Ich versichere Dich, Du wirst ein großer Raw in Israel werden, und dann wirst Du den Mangel nicht mehr kennen; alles Gute wirb in Deinem Hause sein. Das ist mein Trost im Elend, dass meine Enkel nicht mehr Todtengräbcr sein werden. Aber ich — ich will nicht sündigen und mich nicht wegen meines ttaurigcn Geschickes beklagen — ich habe kein Brod. Doch Gott lenkt die Weltbund was bin ich, um mich über ihn zu beklagen?" Mein Großvater liebte cs, mit mir über die großen Fragen der Welt zu sprechen, denn er behauptete, dass ein Kind, welches den Talmud gut kenne, jedes Gespräch verstehe, selbst ein philosophisches über die Weltleituug. Als er nun mit diesem Ergüsse seiner Seele zu Ende war, zog er seinen geflickten und abgetragenen Rock an, nahm den Spaten und sagte zu mir: „Warte auf mich, mein Svhnchcn, bis ich das tobte Kind begraben habe. Wenn ich vom Friedhofe zurückkommc, werde ich Dich prüfen und mich überzeugen, ob Du Fortschritte gemacht hast und ob Du den guten Ruf verdienst, welchen Du Dir erworben hast." „Deborah, stelle den Leuchter auf. den Tisch. Ich muss an die Arbeit gehen." Meine Großmutter murmelte etwas. „Wer ist das todte Kind?" fragte ich meinen Großvater. „Es ist der Bruder Deines Spielgenossen Leibke", antwortete er.