Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 10 (15.5.1892)
- Date
- 1892-05-15
- Page
- Seite 99 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Selbst-Emancipation Seite 99. -— Die in der Stadt Syra auf Corfu erscheinende Zeitung „Ka'iroi“ bringt einen Artikel, dessen wesentlicher Inhalt in Kurzem folgender ist: Eine Schullehrerin droht den vor dem Schulhause lärmenden Kindern: Seid ruhig, sonst werden Euch die Juden holen!" Die Folge davon ist, dass die christliche Bevölkerung von einer heillosen Panik ergriffen wird, und die Polizei sich gezwungen sieht, die vorläufige Vertreibung der einzigen jüdischen Familie Syras anzuordnen. Die spagrrolischen Inden der Türkei haben kürzlich den vierhundertjührigen Erinnerungstag ihrer Aufnahme in dem ottomanischen Reiche durch Festgottcsdienstc in den Synagogen gefeiert. Größere mit Überreichung eines Geschenkes an den Sultan verbundene Feierlichkeiten, wie solche geplant waren, unterblieben über ausdrücklichen Wunsch des Sultans. Herr Elias Scheid, Obcrverwalterder palästinensischen Colonien des Baron Edmund Rothschild tritt nach den „^rchives Israelites" eine Reise nach Constantinopel an, um mit den maßgebenden Factoren die Angelegenheit der Colonisation Palästinas und verwandte Gegenstände zu besprechen. AirsDolen. In Narajow bei Brzcrzany (Galizien) fanden antisemitische Excesse statt. Unter den Bauern hatte sich das Gerücht verbreitet, dass die Juden den römischkatholischen Ortspfarrer mißhandelt hätten. Dreitausend Bauern stürzten sich aus die jüdischen Trödlerhallcn imd Verkaufsbuden, in denen sie die Maaren vernichteten und Alles oberst zu unterst kehrten. Die jüdischen Bewohner des Ortes schlossen ihre Lüden und verrammelten ihre Wohnungen. In den jüdischen Häusern wurden sämintlichc Fensterscheiben zertrümmert. Erst der Gendarmerie gelang cs, die Ordnung wieder herzustellen. — Lodz in Russisch-Polen ist eine große Fabriksstadt, Der 1. Mai verlief daselbst trotz aufreizender Proclamationen ruhig. Am 2. und 9. Mai fanden Arbeitseinstellungen statt. Die feiernden Arbeiter streiften schaarenweise umher und überfielen die Juden. Es wurden dreizehn Compagnien Infanterie und Cavalleric herangezogcn Freitag Abends war die Ordnung wieder hcrgestellt. Aus Russland. Der Vorschlag des Baron Hirsch über die Judencmigration fand, wie verlautet in der gestrigen Sitzung des Ministcrcomitcs prinzipielle Zustimmung. Die definitive Eutscheidung wurde wegen der nothwendigen redactionellen Abänderungen des Prospcctes verschoben. Nach dem Vorschläge soll innerhalb der nächsten fünfundzwanzig Jahre die Auswanderung von 9,2-10.000 Juden aus Rußland geregelt werden. — „Warsch. Dniewnik" berichtet, dass seit idem Inkrafttreten des Gesetzes vom 12. April 1880, wonach für jeden Juden, der sich dem M i l i t ä rdienste entzogen hat, dessen Familie eine Strafe von 900 Rubeln zu bezahlen hat, 4.272,020 Rubel an Strafgeldern aufgelegt worden seien. Hievon seien bis jetzt 187,098 Rubel eingebracht. — Wie öcr „Neuen Freien Presse" gemeldet wird, haben am -7. Mai in Folge strenger Handhabung des Fremdengesetzes nahezu 1000 ausländische Juden Odessa verlassen müssen. Aus Argentinien Der „Kölnischen Zeitung" wird von ihrem Correspondcnten aus Buenos-Aires, welcher die argentinischen „Judencolonien" besucht hat, geschrieben, dass Mosesville sich in hellem Aufruhr beftmdcn habe, so dass der zeitweilige Verwalter, ein rumänischer Jude, sich veranlaßt sah, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Die Polizei soll schlimm gehaust und einige Juden verwundet oder gctödtet haben. Schließlich scheinen die italienischen Nachbarn der Juden einen Polizisten gelyncht zu haben. Von Buenos-Aires gelangt man in lOstündiger Eisenbahnfahrt über Rosario hinaus zu einer Station Namens Palacios. Dort hatten sich schon, ehe Baron Hirsch zu colonisiren begann, gegen 800 Juden auf eigene Faust niedergelassen, und zwar auf dem Gebiete des -argentinischen Grundbesitzers Dr. Palacios. Die Leute waren kostenfrei von der argentinischen Regierung dorthin befördert worden, waren dann aber in Noth gerathen und hatten die Unterstützung des Baron Hirsch in Anspruch genommen. Als nun im November 1890 eine Comission des Baron Hirsch, bestehend aus den Herren Cullen (Engländer), Oberst van Vinkeroy (Vlamländer) nnd Löwenthal (Deutscher), in Argentinien eintraf, wurde zunächst die einen Theil des Gebietes von Palacios einnehmende Colonie Mosesville noch weiter unterstützt und dann vor vier Monaten angekauft. Auf anderweitigem, in der Nähe angekauften Lande gründete man die Colonie Aaronville, die mit unzufriedenen Juden bevölkert wurde, welche von Mosesville nach dem Städtchen Sunchales gewandert waren. Herr Löwenthal knüpfte Verhandlungen wegen Landkaufes an, ohne aber zunächst handelseinig werden zu können. Als nun plötzlich eine große Zahl neu einwandernder Juden eintraf, erstand er schnell in der Provinz Buenos Aires, Departement Neuve de Julio, eine Estancia, die nach dem Vornamen des Baron Hirsch Mauricio benannt wurde, auf der aber noch keine Häuser standen und auch nichts zur Aufnahme der Colonisten vorbereitet war. Es mögen insgesammt bisher auf eigene Rechnung 800 Juden nach Argentinien eingewandert, 4000 von Baron H irsch geschickt worden und 1000 aus Brasilien nach Argentinien gezogen sein. Viele wurden nach Europa zurückgeschickt. Zur Zeit mögen sich in Mosesville gegen 1500 und in Mauricio gegen 1800 jüdische Einwanderer befinden. Außerdem lagern, da man über weitere Landkäufe noch nicht handelseinig werden konnte, in einer Baracke zu Mar del Sud (bei dem großen argentinischen Seebade Mar del Plata) gegen 800 Juden. Neuerdings soll an zwei Stellen in Entre Rios Land angetanst worden sein. Auch ist in geringer Entfernung nördlich von Palacio eine neue Judencolonie Namens Monigotes entstanden. Herr Löwenthal wurde inzwischen durch einen Herrn Roth ersetzt, Oberst van Vinkeroy reiste fort und neuerdings hat auch der bei den Colonisten sehr beliebte Engländer Cullen seinen Abschied genommen. Statt ihrer wird Oberst Goldsmid erwartet. Der „Hamclitz" veröffentlicht einen mit Abraham Wermant gezeichneten Brief aus Buenos-Aires, der die schrecklichsten Details über Grausamkeiten der dortigen Administratoren, von welchen einer ein aus Rußland entflohener Verbrecher sei, sowie über die blutigen Leiden der Colonisten erzählt. Der „Hamelitz“ meint, dass es schwer sei, alle diese Angaben auf ihre Wahrheit zu prüfen, aber unmöglich könne alles Schreckliche, was da erzählt werde, erdacht sein. — Dagegen veröffentlicht die „Hazefirah" ein Schreiben des besonders angegriffenen Administrators H orwitz, der die Zustände in den argentinischen Colonien als glänzende hinstellt. Der „Woshod" wiederum bringt eine Zuschrift eines gewissen Guttmann aus Mauricio, die sich mit der erstgenannten des Wermant inhaltlich so ziemlich deckt. Aus derselben Colonie weiß aber ein gewisser Spiwak in einem Privatschreibcn, das die „Hazefirah" veröffentlicht, nur Gutes zu berichten und bezeichnet alle entgegengesetzten Meldungen als von Krakehlern ausgehend. Klarheit über die Zustände in Argentinien ist wohl erst zu erwarten, wenn Oberst Goldsmid seine Berichte schicken wird. Dann wird man auch erfahren, welche Aussichten die argentinische Colonisation hat. Der 1. Mai. In der Maifestschrift, welche die oppositionelle Fraction der österreichischen Socialdemokratie herausgab, findet sich folgende „Maiblume" : „Es scheint, als wäre das ganze jüdische Volk nur eine geistreiche Ausrede der Natur gewesen, um zwei Männer, wie Marx und Las salle hervorzubringen." Diese gedruckte Albernheit, ein consnses Gemisch international-socialdemokratischer Gesinnung und antisemitisch schillernder Bornirtheit, dürfte noch dazu aus jüdischer Feder stammen; wenigstens weist der Name ihres Verfassers, L. M. Berger, mit einiger Warscheinlichkeit auf den Juden hin. Auch kann nur ein Modejude — es ist gleichgiltig, ob die sclavisch befolgte Europamode