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Selbst-Emancipation · 1892-05-15 · Heft 10 (15.5.1892) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 10 (15.5.1892)
Date
1892-05-15
Page
Seite 101 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10. Selbst-Emancipation Seite 101. „David, der Bruder Leibke's."^ Es war mir leidum ihn, denn er war ein gutes und liebes Kind gewesen. Meine Augen füllten sich mit Thränen. Der Großvater nahm die schwarze Decke von dem Gesichte des Kindes. Ich sah cs an.- Der Kleine schien zu schlafen. Die Augen waren geschlossen, das Gesicht war klar und Ruhe lag darüber ausgcbreitet. „Ist es nicht erst eine Woche", dachte ich, „dass ich mit dem Knaben gespielt und ihn geherzt habe. Er hatte laut aufgelacht und war davongelaufen. Dann war er wieder zürückgckommen und hatte wieder mit seiner feinen, silberhellen Kinderstimme gelacht. Und jetzt ist er todt, mein Großvater wird ihn unter seinen Mantel nehmen, um ihn in ein kaltes Grab zu legen, er wird wie ein Stummer den Mund nicht offnen, nicht Hand, nicht Fuß bewegen. Er ist todt .... Was ist der Tod? Wie stirbt ein kleines Kind, das erst nicht' lange ebenso lebte wie ich?“ Umsonst bemühe ich mich heute, meine damaligen Gedanken über den Tod mir ins Gedächtnis zurückzurnfen. Diese Gedanken waren unklar und verworren, es blieb auch nicht eine leise Spur von ihnen, ebensowenig wie der vorüberziehende Schatten eine solche au dem harten Felsen zurücklässt. Nur soviel ist mir in Erinnerung geblieben, dass mir der Tod als eines der größten Geheimnisse erschien. Mein Großvater nahm das tobte Kind unter seinen Mantel und gieng hinaus. Einige Augenblicke horten wir noch seine schlürfenden Schritte aus dem eisüberzogenen Boden des Friedhofes. Die Sceneric im Hause änderte sich wieder. Ich und meine Großmutter stiegen wieder auf den Ofen hinauf; den wackligen Leuchter stellte sie neben uns. Sie machte ein sehr bekümmertes Gesicht. Ich las nicht mehr im „Ssefer hajaschar“, denn mein Gehirn arbeitete an der Frage: „Was ist der Tod?“ „Warum machst Du ein so betrübtes Gesicht", fragten mich meine kleinen Onkel. „Es ist nichts", erwiderte ich. „Gewiss hat ihm das tvdte Kind einen solchen Schrecken -eingejagt", meinte die Großmutter. Die Kinder lachten mich als Feigherzigen ans, in ihren. Augen war der Leichnam wie ein Stück Holz. Noch sprach ich mit meinen kleinen Onkeln, als der Großvater von seiner Arbeit auf dem Friedhöfe zurückkam. Seine Hände waren erstarrt, sein Bart schneebedeckt und seine Zähne klapperten vor Kälte. „Machet Platz, rücket einander näher, damit ich mich auch auf den Ofen setzen kann", sagte er. Dann, als er sich ein wenig erwärmt hatte, wendete er sich-an mich: - „Du lernst den Traetat „Bablia meziaV" ..Ja." „Deborah, gieb mir das große Buch, welches in der Ecke des ersten Faches des Bücherschrankes steht." Meine Großmutter stieg langsam vom Ofen herab und -brachte das gewünschte Buch. Der Großvater prüfte mich gründlich, stellte mir aus jeder Seite Fragen, und ich beantwortete sie, wie sich's gehörte. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Er küsste mich auf die Stirne und sagte: „Gut, mein theures Kind. Gott stärke Dich, dass Du lernest, Dein Wissen in seiner Lehre bereicherst, lind ein Gaon in Israel werdest." Da erhellte sich auch das imnier traurige Antlitz meiner Großmutter. Meine kleinen Onkel sahen mit Ehrfurcht auf mich, wie auf ein Wesen höherer Art, als wäre ich ans anderem Stoffe als sie. Nach einigen Augenblicken umdüsterte sich wieder das .Gesicht nieiner Großmutter und sie begann: „Chaim, mein lieber Mann, was werden wir morgen machen'?-Für-Deine heutige Arbeit bekommst Du ja nichts, denn -was können wir von dem armen Beinusch nehmen? Denke doch, Chaim, wir haben kein Holz im Hanse, keine wannen Kleider, kein Brod. Die Kinder sind krank und halb verhungert ... . die Kinder .... die Kinder ... . wehe mir! .... warum schweigst Dil Chaim? Warum blickst Du nicht vom Buche auf? Sieh' doch unser Elend. Schaffe Rath, erbarme Dich deiner Kinder, die armen Seelen, nur Haut und Knochen. Chaim, lege das Buch weg und schaue Dir Deine Kinder an... . (Schluss folgt.) Gorrespondenz der Bedaction. Veritas in Z. Sie haben den Zweck und den Sinn dieser Stelle missverstanden, welche nicht im Gegensätze zu Ihren Meinungen steht. — Herrn A. W. in Lemberg. Wir können unmöglich so scharfe persönliche Angriffe aufnehmeu, mussten daher ihre Correspoiidenz stark kürzen und mildern. Wir kämpfen gegen die Sache, und treffen damit hinreichend die Personen. _ Briefkasten der Administration. Folgenden Herrei» wird der Empfang von Geldsendungen dankend bestätigt: Samuel Farkas, Preßburg (Ungarn) I fl. 30 kr., M. Friedmann, Horazdowitz 6 fl., Dr. Max Buxbanm, Gaya (Mähren) 90 kr. (Bitten uni restierendcn Betrag) Dr. Julius Dnx, Rakonitz (Böhmen) 2 fl., Dr. Josef Pollak, Rakonitz 1 fl., CH. Friedmann, Schirwindt (Ostvr.) 2 Mark, Bernhard Swoboda, Wien 1 fl. Carl Stand, Lemberg 2 fl., Pinkas Horowitz, Sokal, (Galiz.) 1 fl., B. Kibrik,- Radautz 1 fl-, Hugo Stern, Jungbunzlau (Böhmen) 2 fl., S. Topper, Brody 2 fl. Affoc. des Etud. Israel, rnffes, Paris ö Francs, Ch. Beitzmann, Pinsk (Russland) 2 Rubel. Sal. Kofmann, Odessa 1 Rubel, Dr. A. Griinfeld, Dorpat 1 Rubel, S. Kowner, Nischini (Russland) 4 Rubel, Ir. Berlin, Bern (Schweiz) 4 Francs 50 c H. P. Wechsler, Bncarcst 10 fl. 50, M. Gottesmann, Zloczow I fl. Einaesendet. Die jüdische Studentenschaft von Lemberg veröffentlicht im Lause dieses Monates eine polnisch geschriebene Broschüre folgenden Inhaltes: 1. Die Juden sind eine Nation. 2. Ungünstige moralische und materielle Lage dieser Nation 3. Wie die Assimilation dieser ungünstigen Lage abhelfcn wollte, und die bösen Folgen ihrer Bestrebungen. 4. Die national-jüdische Idee. 5. Was auf deni Gebiete der nationaljüdijchcn Bewegung geleistet wurde. Die Brochüre wird in tausenden Exemplaren unter die Bevölkerung Galiziens, Bukowinas und Russlands vertheilt werden. Da die letzteik Seiten dieser Flugschrift Inserate enthalten werden, werden die geehrten Leser der „S-E." um Inserate unter der Adresse:': Jacob Sokal, Lemberg, Starozakonna 1<>. gebeten. (Die Seite >/,„ Format kostet 6 fl.) Lemberg, 9. Mai 1892. ___ I. Sokal» Gesinnungsgenossen in Galizien und der Bukowina! Der Chefredakteur dieses Blattes, sowie Herr Salomon Bauer, Vicepräsident unseres Vereines, reisen am 15. d. M.. nach Galizien und Bukowina, um während eines mehrwöchentlichen Aufenthalts daselbst die Gründung von Localvereinen vorznbereiten. Wir richten die Bitte an Euch, die genannten Herren in ihren Actionen zu unterstützen, damit sie den Zweck ihre): Reife vollkommener und leichter erfüllen. Wir erwarten mit Bestimmtheit, dass Ihr im Interesse der Palästinasache dieser Bitte Nachkommen werdet und danken Euch im Vorhinein dafiir. — Wien, 10. Mai 1892. Mit Zionsgruß für den Ausschuss des Vereines „Adnmtli .Jesclnirun": Rüben Brainin, Dr. M. Schnirer, Schriftführer. Präsident.

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