Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 10 (15.5.1892)
- Date
- 1892-05-15
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 94. Selbst-Emancipation 9fr. 10. Ausspruch Rickerts, dass er es nicht für eine Schande halte, jüdische Eltern oder Vorfahren zu besitzen. Oh, welche Freudr empfanden darüber die dankbaren, gerührten Juden, welche doch selber daran nicht glaubten! Dagegen hat Herr Enneccerus zwar ebenfalls die Blutbcschuldigung zurückgewicsen, aber er that es, indem er mit dem vollen Brustton der Überzeugung behauptete, er könne es nicht glauben, dass die Juden heute noch Christenblut zu Ritualzwccken verwenden. Offenbar konnte er cs nicht über sich bringen, zu denken, dass diese jetzigen Juden der neuesten Mode, welche in allem die Manieren der Christen nachahmen, noch bis jetzt die Manier nicht angenommen, das Osterfest ohne Blut von lieben, unschuldigen Christcnkindern zu feiern. Im Anfänge dieses Monates hatte sich das Blutthema als Gesprächsstoff so sehr aller Kreise bemächtigt und in manchen Theilcn des deutschen Volkes eine solche Aufregung hervorgcbracht, dass sich der mehr theoretische „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" veranlaßt sah, diesem Gegenstände einen Abend, nämlich den ü. April, vollkommen zu widmen. Nach einem unbedeutenden Vortrage von Dr. Müller setzten mehrere Redner, vornehmlich Dr. Heinrich Mayer Kohn und Dr. H. Hildesheimer, in jener Versammlung au der Hand von alten und neuen, zum Theil noch nicht gedruckten Dokumenten in gründsticher Weise die historische Entwickelung des Blutvorurtheils auseinander, wodurch wohl manches zu den Werken von Lcwinsohn, Chwolson, Strack etc. hinzugefiigt werden könnte. Am interessantesten war der Abend dadurch, dass die Reden zuletzt immer mehr und mehr politisch wurden. Zunächst constatirtcn die meisten Redner die traurige Thatsachc, dass solche Versammlungen schon ans dem Grunde nothwcndig wären, weil unter den Juden selber, vorzüglich was die jugendlichen Kreisen anbctrifft, sich viele befinden, welche von diesem Vornrthcil befangen wären; dieselben seien im Zweifel, ob nicht irgendwo in früherer Zeit irgend welche uncivilisiirte Juden wirklich einer solchen Rohheit verfallen wären, dass sic aus Rachgefühl oder Aberglaube» an Christenkindcrn Blutabzapfungcn vorgcnommcn hätten. Man sicht, welche Wirkung arische Dummheit und Niederträchtigkeit auf die dem arischen Wesen blindlings vertrauende jüdische Jugend -ausübcn kann. Auch in anderer Hinsicht wurde die Ermahnung des Vorsitzenden Dr. Karpeles nicht befolgt, dass uur die historische Seite der Sache berührt werden sollte; so wurde vornehmlich die Frage in Betracht gezogen, wie dem Übel abgcholfcn werden könnte, wobei die sonderbarsten, zum Theil ganz lächerlichen Ansichten krrndegebcn wurden. Ein Rabbiner meinte, man solle danach streben, dass die Erde voll Erkenntnis; würde, worauf die Menschen aufhörcn würden, in Jrrthümcr zu verfallen; dieses Radikalmittel sticfs jedoch in manchem hartnäckigen Kopfe auf einigen Zweifel. Der andere meinte, die Veröffentlichung der noch nicht heransgcgcbencn Akten über die angeblich von Juden vollzogene Abschlachtung des nachhern heilig gesprochenen Simon von Trient würde jeden Schein der Schuld von den Juden abwälzen und die Verleumdungen unserer Feinde zunichte machen. Eine interessante Szene spielte sich ab, als Gräbner, der bekannte angcstcllte Sekretär des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" auf die Antisemiten schimpfte, und sic nicht nur der Dummheit, sondern auch der Bosheit und Schlechtigkeit, des bewussten Betruges beschuldigte; da war des Beifalls von Seiten der gerührten Juden kein Ende. Oh, welch' herrliche Äußerungen! Jndeß das wäre verzeihlich zumal Gräbner über eine ausgezeichnete Rcdegabc verfügt, unverzeihlich aber war cs und tief beschämend, dass der Referent ihm mit zitternder Stimme für diese Rede seinen innigsten Dank aussprach, indem er hinzufügte, uns, den Juden, zieme cs nicht, in dieser Weise zu sprechen, er, der Christ, habe so sprechen dürfen. Diese Bescheidenheit ist doch wahrlich musterhaft; ach, wie oft vergessen die Juden den Spruch: „I)u sublime au riäieuls 11 n’y a qu’un pas."*) In der That, in späteren Jahrhunderten wird man aus einer einzigen derartigen Thatsachc das Verständniß für den jetzigen Culturzustand der Judenheit erlangen, falls man überhaupt denselben wird verstehen können. Während jedoch dies berichtet wird, ist bereits in der Blutangelegenheit eine Pause cingetrcten, ohne dass der Kampf gegen die Juden sich gemäßigt hätte; denn der berüchtigte, höchst energische Antisemit Ahlwardt ist wieder auf der Szene erschienen. Dieser Mann hat sich innerhalb anderthalb Jahren einen gewaltigen Namen errungen; schon sein erstes Buch unter dem Titel: „Der Verzweiflungskampf der Arier mit dem Judenthum" hat außerordentliches Aufsehen erregt. In jenem Buche erhob er ganz unglaubliche Beschuldigungen gegen die Stadtverwaltung von Berlin; besonders gegen die Schulverwaltung; dieselbe verfolge ihn, weil er seine antisemitische Gesinnung geoffcnbart habe. Deswegen erfülle er eine patriotische Pflicht, wenn er die gesammten Schäden bloßlegc, welche durch die Herrschaft des Judenthums enstanden. Überhaupt werde das ganze städtische» Wesen von Juden zu Ungunsten der anderen Bevölkerung zum Unglücke der Antisemiten geleitet, so das Lehrer, welche antisemitischen Tendenzen huldigen, niemals eine Anstellung fänden oder mindestens in gröblichster Weise hintangesetzt würden; die gewaltigen Einkünfte der Stadt Berlin seien nur ein Agitationsfond für jüdische Interessen. Es läßt sich kaum beschreiben, welchen Jubel Ahlwardt im antisemitischen Lager erregt, hatte er doch Leben in dasselbe hineingcbracht; unaufhörlich folgten nun Broschüren und öffentlichen Versammlungen, ja man kann sagen, dass die Zeit von 1891 an von den Antisemiten mit Fug und Recht als „Epoche Ahlwardt" bezeichnet werden dürfte. Als derselbe schließlich vor Gericht gestellt wurde, als er dann zu einer Gefängnißstrafe von vier Monaten vcrurthcilt wurde, da nach^ewiesen worden, dass seine persönliche Moral antastbar und seine Anklagen fast durchweg auf Lüge beruhen, da stand er in den Augen seiner Verehrer als Märtyrer da. Noch ehe der Prozess zu Ende war, wurden Volksversammlungen abgehälten, in welchen von „Juda's Rache" gesprochen wurde und die Deutschen bei allem, was ihnen heilig, beschworen wurden, nicht zuzugeben, dass Ahlwardt den Juden aufgeopfert werde. Als dieser eine Versammlung nach seiner Vcrurtheilung berief, wurde ihm ein Lorbccrkranz überreicht, während der Prozess andererseits bereits zwei Agitations-Broschüren hervorgerüfen hatte. Neuerdings trat er in einer neuen Schrift wiederum mit der unerhörten Beschuldigung auf, dass die deutschen Flinten, welche in der Ludwig Loewe'schen _ Fabrik von Staatswegcn gemacht werden, ganz untauglich^ seien, so dass Preußen im Kriegsfälle verrathen und verkauft sei. Mag es Muth, Dummheit oder Wahnwitz sein, jedenfalls erregen die Antisemiten schon wieder die Geister. Wie tfjätig. die Antisemiten, welchen vortreffliche Redner zu Gebote stehen, sind, kann man leicht cinschen, wenn man nur einen Blick auf die Neugründungen von „deutsch-sozialen" Vereinen wirft. Von Mitte Dezember bis etwa Mitte Februar, also in einem Zeitraum von etwa zwei Monaten, sind, — nach unserer mangelhaften Zusammenstellung — in folgenden Städten oder' Ortschaften „deutsch-soziale Vereine" gegründet worden: Schaumburg-Weißenfcls-Zeitz, Siegen Versmold, Schneeberg, Mühlheim a. d. Ruhr, München, Detmold, Halle a. S„ Berlin W. II., Pulsnitz, Langenbcrg, Natschkau, Paderborn, Woldcnberg, Stuttgart, Calcow, Zwickau und Umgegend, Crefeld, Stanislau, Reichthal und Schwerm. Dass Redner wie B öckel, Liebermann, von Sonnenberg, Stöcker, Förster, Dann eil etc., denen auch österreichische wie *) Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.