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Selbst-Emancipation · 1892-05-15 · Heft 10 (15.5.1892) · p. Seite 93

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 10 (15.5.1892)
Date
1892-05-15
Page
Seite 93 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Selbst-Emancipation Seite 9«:. mit dieser Dankbarkeit die Ansicht nicht aufgeben, dass die Erreichung des Ziouszieles nur vom Volkswillen abhängt. _ ß. Erklärung. Das gefertigte Comite gieng vor einigen Monaten daran, eine zionistische Partei-Organisation zu schaffen. Zu diesem Zwecke hat dasselbe zwei Aufrufe erlassen und zur Versendung an inlind ausländische Gesinnungsgenossen gebracht. Nachdem nun die Absichten des Comites, sowie seine Ziele, von verschiedenen Seiten missverständlich aufgefasst wurden, sieht sich dasselbe genötigt, folgende Erklärungen abzugeben: 1. Das Bedürfnis nach einem geeinigten, rationellen Vorgehen aller Zionssteundc ist ein längstgefühltes, und das Comit-' hat damit, dass es sich anschickte, diesem Bedürsiüsse Genüge zu thun, nur im Sinne einer ganzen Menge vor: früher bereits in Berlin, Paris, London und New-Iork ^geäußerten Meinungen gehandelt. 2. Das Konnte sah sich nach längerem Abwarten zur Initiative gezwungen, weil trotz verschiedenseitiger Anregungen die vielversprochene Einigung und Centralisirung nicht Thatsache wurde, und ihm jede weitere Hinausschiebung dieses Werkes im Interesse der Zionssache unverzeilich schien. 3. Das Könnthat aus den Resultaten der bisherigen Zionsthätigkeit die Lehre gezogen, dass die zionistische Bewegung von weiteren Gesichtspunkten aus gehandhabt werden müsse, als von dem einer bloßen Wohlthätigkeitsaction. Das Comit ' denkt sich daher die nationale Erziehung des jüdischen Volkes und eine mit den reichlichsten Mitteln versehene Agitation für den Zionsgedanken als die vorläufigen Hauptaufgaben der geeinigten zionistischen Partei. Es ist aber nicht richtig, dass das - Comit-'-, wie mancherseits behauptet wurde, die praktische Colonisationsthätigkeit gänzlich aus dem Parteiprogramme eliminiren oder steiwillig auch nur einschränken wolle. 4. Das Konnte hat andererseits nicht die Absicht, einer etwaigen, noch vor der Realisirung seiner Einigungspläne anderwärts in Fluß gebrachten Centralisirung der iraktischen Colonisationsthätigkeit hinderlich zu ein, .da dieser Theil des zionistischen Progranimes sehr gut eparat zu behandeln ist. ö. Das Konnte ist weit davon entfernt, mit dem etwa einfließenden Geldc der russischen Juden einseitig westjüdische Zwecke fördern zu wollen. Seine der ganzen Zionssache als solcher zugcwendeten Tendenz ist also von denjenigen russischen Juden gründlich mißverstanden worden, welche erklärten, in Russland selbst für die Palästinabcwegung genügendes zu leisten, so dass cs ihnen nicht möglich wäre, auch den ausländischen Zionismus zu stützen. Das Comite kennt nur.einen Zionismus, der mit abwechselnder Intensität an verschiedenen Orten zu wirken berufen ist und dessen Wirksamkeit im gegenwärtigem Zeitpunkte gerade in Mittel- und Westeuropa, namentlich unter den deutschsprechenden Juden, am nothwendigsten ist. 6. Das Comit-'; hat W i e n zum Sitze der Organisation gewählt. a) weil sich in Wien jene zusammcnfanden, welche die Organisation durchführen wollen, b) weil Wien der Mittelpunkt des europäischen Judenthums ist, an welchem die Juden verschiedener Zungen und Riten Zusammentreffen, ck) weil Wien nicht die bei unserer Bewegung streng zu vermeidende revolutionäre Anrüchigkeit von Paris und London besitzt, — Städte, die übrigens von den Wohnsitzen der jüdischen Massen zu weit entfernt sind, es weil, wie es mit Bestimmtheit weiß, der selige Percz Smolensky und der selige Dr. L. Pinsker von der besonderen Eignung Wiens zum Mittelpunkte der zionistischen Bewegung überzeugt waren. 7. Das Comite erktärt von seinem Vorhaben nicht abznstehen und ist im Begriffe, weitere Schritte zur Realisirung desselben zu thun. Wien, im Mai 1892. Das zionistische Dartei- Grganisaliorrseorrrite. Briefe aus Berlin. i. 27. April 1892. Das Traurigste vom Antisemitismus ist die Bekämpfung desselben, d. h. die Art und Weise, wie die west-, europäischen Juden bis jetzt demselben entgegengetreten sind. Ohne Konsequenz verlegten sie sich bald ans das Totschweigen desselben, so dass mehrere Jahre hintereinander die liberalen jüdischen Zeitungen fast gar nicht von den Fortschritten der Judenhetze berichteten, oder man schlug in die Lärmtrompete, schimpfte und wetterte, als ob es eine Ehrensache wäre, die deutsche Sprache mit neuen Schimpfwörtern du bereichern. Ohne Würde, ohne Selbstbewusstsein, ohne das geringste Verständnis für den Grlliid des Kampfes, ging man in diesen Streit auf Leben und Tod. Die Judenfeinde aber schlugen aus dieser ungeschickten Taktik Kapital, und während sie von der Solidarität der Juden sprachen, wussten sie sehr wohl, dass diese nirgends vorhanden sei. Wo die Juden die Hände in, den Schooß legten, wo sie — wenn auch mit innerem Ärger — hohnlächelnd auf die antisemitische Bewegung von oben herab blickten, indem sie von der fortschreitenden Erkenntnis ihr Heil erwarteten, da traten die Judenfeinde immer von neuem aufvor allem vermochten sie es jedoch immer größere Erfolge zu erringen, weil sie öffentlich bestimmte, obzwar schlechte Grundsätze vertraten, weil sie ihre Anklagen und Verläumdungen wiederholten, ohne selbst vor der Lächerlichkeit zurückznschrecken. Man lachte zwar lange Zeit, so oft Liebermann von Sonnenberg sich im Reichstage erhob, um auf die Juden zu schimpfen, aber nian gewöhnte sich mit der Zeit daran, — und es blieb manches von seinen Anschuldigungen an den Juden haften. Wie wäre es sonst vor kurzem möglich gewesen, dass das Märchen vom Ritualmorde so viel Staub aufwirbelte, dass cs fortwährend in öffentlichen Versammlungen, in den Zeitungen, in der Gesellschaft mit dem größtem Ernste besprochen wurde. In der Haupt- und Residenzstadt des „Volkes der Denker" von der Tribüne des preußischen Abgeordnetenhauses herab wurde am 19. März 1892 den Juden der Vorwurf gemacht, dass sie Christenblut gebrauchen, kurz nachdeminSofia (Bulgarien) gegen den Verfasser einer Schrift, „Die Juden und das Blut" seitens des Staatsanwaltes Vernrtheilung beantragt worden, weil der Angeklagte „auf das bulgarische Volk einen Flecken geworfen, indem er Europa im Glauben, läßt, als wäre es so unwissend an die Anklage von, rituellen Mord, welche in anderen Ländern gegen die Juden gerichtet werde, zu glauben." Es ist eben klar, Bulgarien schämt sich vor der Vertreterin der Kultur, der erhabenen Europa^ Deutschland aber — vor wem soll sich Deutschland schämen, doch nicht vor Bulgarien? Als aber die Juden hier zu Lande sammt und sonders beschuldigt wurden, dass sie nach Menschenblut lechzen, da hielten ihre angeblichen Freunde zu ihrer Vertheidigung glänzende Reden, — für welche sich die Juden zum größten Theil hätten bedanken mögen. Das Allerbeste, was damals über uns gesagt worden, war der

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