Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-05-15 · Heft 10 (15.5.1892) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 10 (15.5.1892)
Date
1892-05-15
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092726--0910-3093909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 92. Sclbst-Emancipation_Nr. IQ. hartnäckigen Beschönigungen verschwinden gegenüber der Übereinstimmung der Schrcckcnsmeldnngcn in allen Zcitun- .gen. Dic antisemitische Presse bemächtigt sich jubelnd des Gegenstandes, um daraus die Unfähigkeit der Juden zur bäuerlich sesshaften Lebensweise, ihre Abneigung gegen ein geordnetes Gemeinwesen zu folgern. Die jüdischen Gegner aller Colonisationspläne lachen sich ins Fäustchen über das mißlingende Project, und wenn es nicht Baron Hirsch wäre, der die Sache in die Hand genommen, sie würden schon längst laut und öffentlich ihre Freude kundgegebcn haben. Man denke nur an den Eifer dieser Herren, wenn es galt, den geringsten Mißerfolg der Palästina-Colonisation zu einem Feldzug gegen die Zionsidcn selbst zu benützen. Und doch gehört nur ein klein wenig Urthcslsfähigkcit dazu, um zuerkennen, wie trotz aller Übclständc, Hindernisse und Rückschläge die Palästina-Colonisation nie solche Zustände gesehen hat, als die Argcntinien-Colonisation. Es ist wahr, — wir gehören nicht zu den Schönfärbern — auch im heiligen Lande hat die junge Colonisation ihre schlechten Verwalter, ihre zanksüchtigen Ansiedler, ihre Willkiiraktc gehabt und hat sic noch. Aber das Alles, ist nur Kinderspiel gegen das, was sich in Argentinien abspiclt. Es kam erstens nicht zu Blutvergießen, denn die Araber in Palästina sind auch als Feinde nicht blutdürstig/ sic sind harmloser Natur und beugen sich im Allgemeinen vor der jüdischen Gcistesübcrlegenheit. Wenn zweitens der jüdische Aufseher strenger als nötig war, so trieb ihn seine individuelle Characteranlage hiezu, aber er fand doch ein gewisses Maß. Es fiel ihm nie ein, mit den Fremden gemeinsam: den, eigenen Völksbruder zu knechten, er hat nie die bewaffnete Macht, Militär und Polizei gegen seine Volksgenossen aufgebotcn, wie das jetzt in Argentinien vorgckommcn ist. Sollte es nicht die zwingende Heiligkeit des Landes, sollten cs nicht die großen nationalen Erinnerungen und Gefühle sein, die es wachruft, welche den Unterschied machen V Es liegt uns jedoch ferne, die Argeutinicn-Colonisation über- Gebühr anklagcn zu wollen. Wir incincn nur, dass hier gleiche Mißgriffe wie beim Zionswerke größere Schäden angerichtct haben als bei diesem. Da, wie dort rächt sich die Thatsache, dass hinter einer nationalen Action mehr oder weniger nur ein einzelner Mann steht, und nicht die Nation als solche, da und dort rächt sich der Mangel einer vorbereitenden Erziehung des Volkes zu selbständigen Wünschen und Bestrebungen. Hier ist die Rache stärker, dort gelinder. Man ändere das System bei der Ilrgentinien-Colonisation durch die Einsetzung national gesinnter Leiter, bei der Palästina- Colonisation durch die Übergabe der Leitung an das Gesammtjüdcntum und die erfreulichen Resultate werden bezüglich Argentiniens vielleicht sich cinstcllcn, bezüglich Palästinas gewiss nicht ausblcibcn. Argentinien wird freilich nie etwas anderes sein können, als ein neues Golusland, das relativ günstige Bedingungen bieten dürfte, aber möglicherweise nach längerer oder kürzerer Zeit.;'i la Russland sich erweisen wird, d. h. wie seit dem Aufhören der jüdischen Selbstständigkeit, jedes Land, in welchem sich größere jüdische Massen niedergelassen haben. Dagegen ist Palästina das uralte, kraft geschichtlicher Verhältnisse und natürlicher Gesetze dem jüdischen Volk angepaßtc Heim, von dem allein aus ihm Rettung winken känn. Gerade die Erkenntnis des Gegensatzes aber, der für das jüdische Volk zwischen Argentinien und Palästina zu Gunsten des letzteren besteht, läßt uns heute dafür plaidiren, die Colonisation in crstcrem nicht voreilig todt zu.sagen oder gar todt zu wünschen. Palästina darf vermöge seiner höheren Bedeutung , für unsere Zukunft nicht leichtfertig colonisirt werden; und Leichtfertigkeit wäre cs, bei. den dortigen- Verhältnissen eine Masseneinwanderung und' eine Einwanderung Unvorbereiteter ins Werk zu setzen. Jeder palästinensische Eolonist muss der Piönnier einer Idee sein und daher-.dürfen ihn nicht bloß Elend und Hunger, sondern muss ihn' auch eine Portion Idealismus ins heilige Land getrieben. haben: Ein einziger Anlauf zu dieser Leichtfertigkeit hat böse Früchte gezeitigt, und das gegenwärtige Einwanderungsverbot der Pforte, das übrigens auch nicht auf ewige Zeiten gemacht ist, ist, wie wir bereits, hervorgehoben Habens im Augenblicke ein Glück zu nennen, weil es eine Fortsetzung des leichtsinnigen Treibens verhindert und uns Muße lässt, für die' in Palästina bereits Befindlichen zu sorgen. Es muss demnach ein anderes Land gefunden werden, welches Massenhafter die jüdischen Flüchtlinge Russlands aufniinmt, sie vor dem größten Elend bewahrt, wenn es ihnen auch nur ein kleineres bieten und ihre Zukunft nicht sicherstellen kann. Wir sind gewiss keine' Freunde des Golus, wie die Wortführer des modernen Judentums, welche bei jeder Gelegenheit mit verblüffender Seichtheit das Glück Israels rühmen, von einer Stelle vertrieben, immer anderwärts ein neues „Heim" gefunden zu hoben. Aber, wenn diese. Herren im gegenwärtigen Zeitpunkte und den russischen Juden gegenüber ihre Meinungen geändert zu haben-scheinen, so betonen -wir. mit Entschiedenheit und Nachdruck das Recht des Golus, das Recht, zu . wandern, auszuwandern und einzuwandern. Alle Colonisationspläne werden mit einem üblen Leumund ausgestattet, dem Baron Hirsch wird angedichtet, dass er sie aufgcgeben habe, nur um das neue Heil, — das „Bleibe im Laude und nähre Dich redlich!" zu empfehlen, welches hier freilich ergänzt und nmgewandelt werden müsste, wie folgt: „Bleibe im-Lande, wenn man Dich darin lässt/ und hungere und stiere redlich!". Man verheisst den Juden im Norden Europas bessere Zeiten, nur ausharren mögen sie. Sie könnten, meinen wir, lange darauf warten, so lange, bis sie j als bleiche Gerippe' in längst geschlossenen Gräbern ruhen. Die Lage des russischen Judentums braucht m o m e n taue Hilfe, sowie die des Gesammtjudentums e n d l ich e Erlösung heischt. Diesen beiden Nothwendigkciten steht stetzt die assimilatorische Theorieureiterei gleichmäßig feindlich gegenüber; sie ist konsequent geworden, indem sie selbst den A u g e'n b l ick sbedürfnissen des jüdischen Volkes nicht mehr Rechnung trägt. Das Princip: „Nichts für das Judentum" — in seiner Vollendung! - Es ist nicht wahr, dass, die Vorfälle in Argentinien die Unfähigkeit des Juden zuin Bauernleben erwiesen haben, — Palästina beweist das Gegentheil; — es ist auch nicht wahr, dass die paar Misserfolge auf ein ferneres' Misslingen schließen lassen. Jedes derartige Unternehmen hat seine Kinderkrankheiten, die es überstehen kann und bei einiger Mühe auch übersteht. Sollte aber Argentinien, bei' dem ja schon seine ungeheure Entfernung vom Grundstöcke des Judentums und die daraus sich ableitenden Unzukömmlichkeiten und Gefahren, vor Allem aber auch der Charakter seiner Bevölkerung, zu seinen Ungunsten ins Gewicht fallen, aufhören, dem Baron Hirsch als das geeignete Feld seiner Colonisationspläne zu erscheinen, so wird er sicherlich nach einem anderen Felde suchen. Der Umstand, dass der begeisterte Zionssteund Oberst G o l d s m i d jetzt sein Vertrauen in hohem Grade genießt,' lässtmit einiger Sicherheit hoffen, dass dann die Wahl auf'den-Orient, auf die Nachbargegenden Palästinas fällen wird' Dort würden freilich die Kinderkrankheiten milder: und leichter zu überstehen sein; das wäre auch , die beste Vorbereitung des Zionswerkes. Es .wäre momentane Hilfe -und zugleich Anbahnung der endlichen Erlösung. . Sollte Baron Hirsch, daneben auch etwas für Palästina direct thun wollen, — und: wir sehen voraus, dass diese Geneigtheit eintreten wird, — so wird ihm das Herz , aller Zionisten dankbar entgegcnschlagen. Aber die Zionisten werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.