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Selbst-Emancipation · 1892-05-01 · Heft 9 (1.5.1892) · p. Seite 88

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 9 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 88 (sequence 10)
Language
German
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Seite 88. Selbst-Emancipation Nr. 9. zu nennen liebt, auch nicht mit Rücksicht auf den Gemeinderath G r e g o r i g, dem die Chinesen mehr Achtung abringen als die Juden, — sondern einzig allein, um unseren Brüdern zu zeigen, welchen materiellen und moralischen Wert es hat, wenn ein Volk ein nationales Territorium, eine Stimme im Völkerconcerte besitzt. Das hat übrigens auch ein zweites Beispiel aus jüngster Zeit, nämlich die an die Ermordung von nordamerikanischen Staatsbürgern italieui scher Nationalität in New-Orlcans sich knüpfenden und zu einem gedeihlichen Ende gebrachten diplomatischen Verhandlungen zwischen Italien und der Union aufs Ueberzeugendste bewiesen. A«s Frankreich. In Paris erscheint ein neues antisemitisches Blatt „La Libro Parole“ („Das freie Wort" >, dessen Chefredakteur der bekannte Drumont ist. — In Algier, Hauptstadt der gleichnamigen afrikanischen Colonie Frankreichs, brachen zwischen dem französischen und israelitischen Turnvereine Streitigkeiten aus, welche dazu führten, dass am Abend des 20. April fünfzig junge Franzosen ein israelitisches Kaffeehaus im Weichbilde der Stadt plünderteil. Ironie des Schicksals. Sir William Harcourt hat ein Schreiben an das Blatt „Darkest Russia" gerichtet, worin er die Behandlung der Juden in Russland verurtheilt und seine Sympathie fiir den jüdischen Volksstamm ausspricht. Die „Neue Freie Presse" bringt das schöne Schreiben, in welchem folgender Satz vorkommt: „Wir in England können gar nicht verstehen, aus welchen Gründen man daselbst (in Russland) eine Nation verfolgt." Und das muss die „Neue Freie Presse" abdrucken! Der Akademische Uerein „Aadimah" veranstaltet Samstag den 7. Mai d. I. in Hatschek's Restaurant, IL, Praterstrasse 11., den Eröffnungsabend seines' 19. Semesters. Jüdische Gäste sind herzlichst willkommen. personairrachricht Am 28. April d. I. fand in Odessa die Trauung unseres Gesinnungsgenossen und Freundes, Herrn 0r. weä. Alexaudcr Jassinowsky mit Fräulein Dora Rabinovich statt. MrsceUen. Jüdische Altcrtttmsfnttdv in Ungar«. In Steinamanger (Szabadka), einer aus der Römcrzcit stammenden Stadt, wo fast täglich bei den verschiedenen Erdarbeiten römische Gräber aufgedeckt werden, wurde dieser Tage in einem solchen eine altjüdische Münze geftmdcn. Dieselbe war merkivürdigcrwcise als Obolus (Fahrpreis fiir die Überfahrt über den Unterweltfluß Styx) verwendet worden. Sie ist mehr oval als kreisrund, mit kreisrunder Randcinfassung und zeigt auf der eilten Seite eine Palme sowie einige althebräische Schriftzcichen, auf der Kehrseite dieselbe Randeinfassung und Spuren einer Umschrift, die ein zackiges Blatt umrahmt. Die Münze ist aus der Epoche der inakkabäischen Freiheitskriege und zwar aus der Zeit des Hohepricsters Simon. Im Siebenbürgerdorfc Jsp inlak wurde ebenfalls in den letzten Tagen eine Schiefertafel von 14 cm. im Durchmesser gefunden, in deren Mitte sich ein Bau, anscheinend eine Trauerweide, und neben dieser ein langbärtigcr Jude abgebildet sind. Au der rechten Seite der Tafel befindet sich ein „Magen David“, an der linken ein Altar mit einer Opferflamme. Die Tafel ist von primitiv gemeißelten sieben Menschenköpfen eingefasst und an ihrem untern Thcil steht die Inschrift: „JUDIA.“ _ Belletristisches. Der Schatzgräber Skizze aus dem russisch-jüdischen Lebe». — Aus dem Hebräischen des 2?ntc» Irarnin übersetzt. Ans meiner Kindheit bewahrt mein Gedächtnis nur eine Erinnerung, die an meinen Großvater, Chaim „Schatzgräber" nämlich, der ein sehr armer Mann gewesen ist. Soweit Ihr, meine lieben Leser, im „Ansiedlungsrayon" wohnet, werdet Ihr Euch sicherlich nicht über den Spitznamen meines Großvaters verwundern, da Ihr ja selbst gewöhnt seid, den furchtsamen Schwer! „Skobelew", den stotternden Josef, „den Redner" und den blinden Jonas „den Sternseher" zu nennen. Alle diese Zunamen sind eine Frucht des satirischen Geistes unseres Volkes, doch derjenige meines Großvaters ist auf die Weise allein nicht zu erklären. Mein Großvater war Todteugräber. Wiewohl der einzige seines Amtes im Städtchen, litt er selbstverständlich dennoch Hunger, denn er begrub nur die wenigen Todten, aus deren Mund kein Atem mehr kam, um die vorgehaltene Feder zu bewegen, nicht aber jene noch Athmenden, welche der Talmud den Todten gleichstellt*). So arm mein Großvater an Geld war, so reich war er an Kindern. Meine Großmutter Deborah, eine kleine, magere, schwache Frau hatte noch bei 47 Jahren gesäugt. Außer Todteugräber war mein Großvater auch noch Schornsteinfeger, aber,dy diese beiden Beschäftigungen für den Unterhalt der Seinigen nicht genügten, trieb er noch ganz andere mit den angeführten gänzlich unverwandte Dinge. In allen seinen Arbeiten zeigte er Fleiß und Geschicklichkeit. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ihn stets als Arbeitenden oder Lesenden vor mir. Er verabscheute mehr den Müssiggang als „Ben Towim"**) die Arbeit verachtet. Mein Großvater wohnte in einem niedrigen, verfallenen Häuschen, das vor dem Thore des Friedhofes stand und ohne die Mesusah an seinem Thürpfosten nicht leicht von den umliegenden Gräbern zu unterscheiden gewesen tväre. Eines Tages — es war im Winter und an einen Ferialtage der Lehrer, und ich war damals acht Jahre alt—ging ich zu meinem, Großvater, um mit seinen Kindern zu spielen. Die Wahrheit zu gestehen, war auch das Haus meines Vaters kein Palast, sondern ebenfalls eine ärmliche Baracke, aber in meinen Augen noch ein Prachtbau im Vergleiche zu dem Hause meines Großvaters,. das nicht viel größer als die Hundehütte im Hause, eines Reichen war. Es war darin finster, denn die ohnehin kleine und enge Fensterösinung war noch durch Schnee und Lumpen verstopft, die Wände feucht, mit einer grünen Schichte überzogen. Die Kinder meines Großvaters waarcn sämmtlich gedrückt, betrübt und kränklich. Immer lagerte eine knmmer- und sorgenschwangere Wolke über den Hause, und auch mir, wenn ich hinkam, theiltc sich die düstere Stimmung mit, als wenn ich die Nähe der Stätte des Todes gefühlt hätte. Auch an dem Tage, von dem ich hier spreche, war cs so. Ich hatte einige Stunden im Spiele mit meinen kleinen Onkeln zugebrächt, aber nicht in wirklich leichtem Kinderspiel, sondern in einer Art von Spielen, welche eine Anstrengung des Geistes erforderten. Als meine Großmutter meine Trübseligkeit sah, strich sie mit ihrer abgemagerten Hand über meinen Hals und fragte mich in halb mitleidigem halb verzweifeltem Tone: „Du bist wohl hungrig, mein liebes Kind?" Ich antwortete nicht, denn ich schämte mich die Wahr-, heit einzngestehen; in meiner Einfalt glaubte ich, dass der Hunger eine große, schwere Sünde sei. Meine Großmutter aber, wiewohl keine Frau von tiefen Gedanken, merkte nichtsdestoweniger, dass mein Stillschweigen ein vollkommenes Eingeständnis bedeute, und, da ihr diese meine Bescheidenheit in Sachen des Essens und Trinkens zu gefallen schien, umarmte und küsste sie mich. Ihre Lippen waren eiskalt, ich fühlte ein leichtes Rieseln im ganzen Körper, darum machte ich mich los und trat zum Bücherschrank. *) Die Armen nämlich. **) Typus eines im Nichtsthun erzogenen jungen Mannes aus reichem Hause.

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