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Selbst-Emancipation · 1892-05-01 · Heft 9 (1.5.1892) · p. Seite 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 9 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 89 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9. Seite 89. Selbst-Emancipation ' „Du hast Recht", sagte meine Großmutter, „blick' in ein Buch; bald wird der Großvater kommen und Geld mitbringen, dann kaufen wir Brod und Häringsauce und du wirst mit uns essen. Ach, armes Kind, du hast den ganzen Tag nichts gegessen!". „Auch wir haben heute nichts gegessen", ließen sich zarte, zitternde Stimmchen vom reisüberzogeuen Fußboden her vernehmen. „Ihr seid daran gewöhnt", sagte meine Großmutter, sich zu ihren Kindern wendend, „auch lernt Ihr noch nicht Talmud; aber Abraham" — so heiße nämlich ich — sitzt den ganzen Tag im Cheder und lernt Talmud Er ist auch ein zartes Kind, das den Hunger nicht kennt, wie Ihr. Es thut mir sehr wehe, dass auch er den ganzen Tag hungern soll. Ach, wehe!" Die Großmutter sprach noch weiter zu sich, während ich im Bücherschrank suchte. Von „Schrank" spreche ich übrigens nur in bildlichem Sinne; in Wirklichkeit waren es zwei ungehobelte, an die Wand genagelte Bretter, die im Hause nreines Großvaters „Schrank" genannt wurden. In den Büchern auf diesen Brettern studierte mein Großvater jeden Morgen, an Sabbaten und Festtagen, sie waren seine geistige Nahrung und jedes einzelne von ihnen hatte er mit einigen Hungertagen bezahlt. Er betrachtete sie als den Schmuck seines Hauses, seinen Stolz, seinen Trost und seine Freude. Ihr Söhne der neuen Generation, für welche Bücher blos Papier sind, Stoff für Flaschenpfropfen oder zum Einpacken von Gegenständen, wisst nicht, was die Bücher unseren Vätern waren. Die meisten Bücher, welche ich im Schranke fand, verstand ich nicht; ich wusste nur, dass sie tiefe Weisheit enthalten, dass sie alle heilig seien, und dass es Pflicht und Vergnügen sei, in ihnen zu studieren. Ich wählte sinft ein Buch. Ich erinnere inich genau: es hatte einen schwarzen, an den Ecken abgegriffenen Einband, auf seinem Rücken war in Goldbuchstaben der Name „Ssefer hajaschar“ eingepresst, auf dem glatten Papier vorne standen verschiedene Familiennotizen von der Hand des Großvaters und die Blätter waren dünn und gelb. Mit großer Vorsicht öffnete ich das Buch, uni darin zu lesen. „Zerreiße das Buch nicht, zerknittere die Blätter nicht, beschmutze es nicht, sonst ist der Großvater böse." „Fürchte Dich nicht, Großmutter," antwortete ich, „ich bin doch nicht dumm und weiss ja mit Büchern umzugehen, da ich jeben Abend, wenn ich vom Cheder heimkomme, in verschiedenen Büchern lese." Meine Großmutter zündete eine kleine Lampe an, stellte sie auf den Ofen und sagte: „Kommt her, Kinder! Es ist sehr kalt im Zimmer. Wenn wir zusammenrücken, wird uns warm werden." Der Ofen war breit. Wir lagerten uns alle mit ausgestreckten Händen und Füßen darauf. Die Kinder umarmten sich und lagen stumm, wie mit erstarrtem Blute, .da. Die Großmutter hockte sich auf eine Ecke des Ofens, wo sie fast gar keinen Raum einnahm. Vollständige Stille herrschte im Hause, auch nicht von einer Handbewegung oder einem Augenzwinkern unterbrochen. In späteren Jahren sah ich in großen Städten die lärmende und tobende Armut; was ich aber im Hause meines Großvaters sah, war die verschämte, schweigsame, heimliche Armut. Mit großem Wolgefallen las ich die schönen Erzählungen des „Ssefer hajaschar“, bis ich meinen Hunger vergaß. Ich las so gerne in meiner Jugend. Es war ein Lesen ohne Kritik, ein gläubiges Lesen; jeder Buchstabe des Gelesenen war mir heilig. Lieber Leser, Du liest diese meine Erinnerungen und nickst dabei wol ein. Die Buchstaben sind Dir ja nicht mehr als Druckerschwärze auf Papier, der Verfasser ist Dir ein gewöhnlicher Mensch, auf gleicher oder gar tieferer Stufe wie Du. Wenn Du aus dem Schlummer erwachst, weisest Du mir da oder dort einen Irrtum nach, zeigst Du mir auf einer Stelle meiner Erzählung ein Zuviel, auf der anderen ein Zuwenig. Aber ich war damals nicht so weise, wie Du. Ich verschlang die Geschichten mit Heißhunger und vergass Alles um mich herum. Plötzlich aber wurde ich in meiner Lectüre gestört, denn die Thüre ging auf und mein Großvater trat ein. Er legte etwas aus die Bank. Die Kinder hoben ein wenig ihre Köpfe, als wenn sie das Brot riechen wollten, auf das sie warteten. „Was hast Du auf die Bank gelegt? Hast Du Brot mitgebracht? Hast Du Häringe gekauft?" ftagte meine Großmutter mit einer Stimme, in der sich freudige Spannung ausdriickte. „Ein todtes Kind habe ich gebracht. Ich will mir ein wenig die Hände wärmen, und dann hinausgehen, es zu begraben." Die Kinder senkten ihre Köpfe wieder und stille Seufzer drangen ans ihren enttäuschten Herzen. „Und was sollen wir essen?" ftagte meine Großmutter. (Schluss folgt.) Wann?!*) von des Berges hohem Gipfel Schaute ich ins weite Thal, Ueber aller Bäume Wipfel Nach der Sonne goldnem Strahl. Goldner Strahl, der weit Du schweifest, Segen spendend durchs Gefild, Bis zur süßen Frucht Du reifest, Was der Erde Schooß entquillt. Goldner Strahl, wann wird sich heben Glückerfüllt der Brüder Brust? wann wird Gnade uns umschweben, Die nmwandelt Schnierz in Lust? werden meine Augen schauen Der Erlösung großen Tag, Da bei Deinem Licht wir bauen, was so lang verschüttet lag? Goldner Strahl. Du senkst Dich traurig, Wolken rauben uns Dein Licht, Durch die Seele zieht mir's schaurig, Hehrer Tag — Du nahst noch nicht. Korrespondenz der Administration. Herrn Dr. A. Saft in Tarnow. Am 14. März folgende Beträge: Abonnement von Herrn Abraham §d|iflf'2 fl., desgleichen von Herrn Josef Traum I fl-, "Spende des Wohlthätigkcits-Theatervorstellungrcomitös für die „S. E." 5 fl., Monatsspendcn für die „S. E. 2 fl. 5V kr — erhalten zu haben, wird dankend bestätigt. Herrn L. D. VI. Ihr Abonnement endet am 1. Juli d. I. Bon der Adressenänderung Notiz genommen. *) Der Mainzer „Israelit" veröffentlicht obiges Gedicht, welcher sich unter den nachgelassenen Papieren des seligen Dr. Maiir Lehman« findet, und das er als siebzehnjähriger Jüngling, wahrscheinlich" auf einer Wanderung durch den Harz, verfaßte. Dasselbe macht nicht blos dem poetischen, sondern auch dem nationalen Empfinden dieses in religiöser Beziehung radikalen Orthodoxen alle Ehre.

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