Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 9 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 86 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 86. Selbst-Emancipation Nr. 9. Chronik. Aus einem polnisch -katholische» Gebetbuch. Herr Dr. Byk — und mit ihm uoch Zlndcre mehr — hat bekanntermaßen behauptet, dass der Antisemitismus ein specifisch deutsches Gewächs sei, das in Polen nicht gedeihen könne. Wir wollen den Polen absolut nicht nahe treten, jedenfalls nicht näher als den Deutschen, aber dieses Lob verdienen sic sicherlich nicht, und nur glauben, dass sie auch gar nicht den Ehrgeiz haben, cs zu verdienen. Die sattsam bekannte Podhajcer Affairc hat das gar trefflich illustrirt, und täglich und stündlich ereignet sich Neues, was beweist, dass cs eine Verleumdung der Polen bedeutet, wenn man sie judenfreundlich schilt. Das jüngste Pröbchen ihres Philoscmitismus ist ein „Noweuna“ betiteltes Gebetbüchlcin, welches nach dem „Freien Blatt" vom Krakauer Univcrsitätsrector, Reichsraths - Abgeordneten Dr. Chotkowski, dem Fürstbischöflichcn Consistorium empfohlen worden war und ba3 „Imprimaturdes Fürstbischofs, Cardinal Dunajewski, erhalten hat. Eines der in diesem Andachtsbuche enthaltenen Gebete betrifft speciell Galizien und erfleht vom Heilande, dass er die Beter nicht verlasse und sic nicht in die Hände jener Feinde überliefere, welche auf ihr Verderben sinnen. Diesem Capitel ist folgende Note bcigegebcn: „Die Zeitung „Germania" und nach derselben polnische Blätter veröffentlichten den neuesten Aufruf der Pariser „Alliance Israelite“, welcher im Jahre 1889 an alle südischen Gemeinden Galiziens verschickt wurde. Dieser Aufruf lautet: Brüder und Glaubensgenoffen! In der ganzen Welt gibt es gewiss keinen Erdenwinkel, der sich dazu, dass wir uns seiner bemächtigen und die ausschließliche Herrschaft daselbst erlangen, so gut eignen würde, wie gerade das Land Galizien! Dieses Land muß unser (jüdisches) Land sein — Alles begünstigt diesen Zweck! Bemüht euch daher, Brüder und Glaubcnsgcnoffcii, bemüht euch mit allen Kräften, dieses Land ganz in eure Gewalt zu bringen, bemüht euch, die Christen endlich herauszudrängen ans allen ihren Bcrufssphärcn, damit ihr die alleinigen, unbeschränkte» Herren des Landes werdet! Bemüht euch, all das, was heute noch jenen gehört, zu erhaschen und sestznhaltcn, und wenn ihr selbst dazu nicht die genügenden Geldmitteln besitzt, so wird unser Verein euch so viel beschaffen, als nöthig sein wird. Die Sammlung von Gaben für diesen Zweck har schon begonnen und schreitet über alles Erwarten günstig vor. Um den galizischcn Boden den Händen der Galizianer zu entreißen und in eueren (Mischen) ausschließlichen, alleinigen Besitz zu übergeben, betheiligcn sich die Reichen der ganzen Welt an den Sammlungen. Es spendet Baron Hirsch, cs spenden die Rothschildc, Bleichröder und die Mendclssohne. Strengt daher, Brüder und Glaubensgenossen, alle eure Kräfte an, damit dieses Ziel, welches wir euch gesteckt haben, möglichst rasch erreicht werde." lieber die Albernheit dieser Verleumdung noch weiter ein Wort zu verlieren, - dünkt uns überflüssige Wir führen der Genauigkeit halber nur noch an, dass die „Alliance" oben citirteu Erlass bereits dreimal dcmcntirt hat.^ Der Talmud. Bei einer der letzten Versammlungen der Wiener „Österreichisch-Israelitischen Union" hat bei Gelegenheit der Besprechung des famosen Schncider'schen Antrages ein Herr Marcus die Ansicht geäußert, dass 95 Percent der Juden noch nie den Talmud gesehen haben. Der Mann hat entschieden Recht, — freilich unter Einschränkung auf die Juden Westeuropas. An seine Behauptung knüpfte er die Forderung, der Vorstand der israelitischen Cultusgcmeinde solle dafür Sorge tragen, dass die angefochtenen Talmudstellcn übersetzt und zur Aufklärung veröffentlicht werden.*) Eine größere Pflege des Talmud selbst unter *) Übrigens eine gan; unnötige Maßregel, da ncuestcns nicht,bloß jüdische Blätter, sondern auch die Tageszeitungen die uncntstcllte Übersetzung der von Schneider angeführten Lalmudstelle bringen So hat namentlich der christliche Professor Strack eine Uebcrsetzung veröffentlicht, welche die Runde durch die Preffe macht, wobei wir bemerken, dass dieselbe in einem Punkte von der von uns bereits mitgcthcilten diffcrirt. Profcffor Strack acceptirt nämlich die Uebersetzung „am Nüsttage (Vorabend) des Osterfestes" und sicht in dieser Zeitangabe nichts anderes, „als eine Vergrößerung der Schuld derer, welche den kleinen Erben ums Leben brachten: so gottlos waren diese Leute, dass sie nicht einmal die Festtage abwartctc», sondern, um nur recht schnell das Vermögen sich aneignen zu können, am Tage vor dem heiligen Osterfeste das ihnen im den Juden zu verbreiten, — das anzuempfchlcn, fiel Herrn Marcus freilich nicht ein, und wer, der den Geist kennt, welcher die letzten zwei Wiener jüdischeil Generationen beseelte, kann ihm daraus einen Vorwurf machen? Die Rastenmischnug im Indent»«». So betitelt sich eine jüngst erschienene Schrift von Dr. Moritz Arlsberg in Cassel. Dieselbe untersucht mit vieler Sachkenntnis die Frage, wieso es komme, dass es eine so große Anzahl blonder Juden gebe. Sie führt diesen Umstand auf eine Vermischung der ursprünglich rein seniitischeil Hebräer init der nach des Verfassers und vieler anderer Forscher Meinung arischen Urbevölkerung Palästinas zurück, Auch die spätere Vermischung mit den ebenfalls als Arier angesehenen Kanaanitern, sowie teilweise auch mit Hellenen und Römern dürfte cinflussnchmend gewesen sein. Dr. Arlsberg kommt zu dem Schluffe, dass die Juden eine Mischrassc bilden, ein Konglomerat, an welchem neben dem überwiegenden seinitischcn Element das indogermanische oder arische einen wesentlichen Anteil hat. — Soviel geht aus dem Buche hervor, dass die blonden Juden nicht einer neuzeitlichen Vermischung zuzuschreibcn sind, was zu behaupten auch ein Nonsens gewesen wäre. Ob eine solche Nassenkrcuzung im grauesten Altertuin stattgcfunden hat, ist für die Wissenschaft eine interessante und noch lcntge nicht cndgiltig beantwortete Frage, für die praktische jüdische Politik jedoch ist sic ganz nebensächlicher Natur; wollte man ihr aber auch diesbezüglich einige Beachtung schenken, so könnte in der von Dr. Arlsberg gegebenen Antwort nur eine Unterstützung der nativnaljüdischcn Theorie gcftmden werden. Vor drei Jahrtausenden hat der Hauptakt der von ihm behaupteten Vermischung stattgefnnden;scitdem wird wol das jüdische Volk Zeit gehabt haben, zu einer Einheit zu verschmelzen. Diese Einheit ist vor Allein eine geistige und cnlturellc, jedenfalls aber auch eine körperliche. Es braucht blos darauf hingewiescn zu werden, dass die meisten blonden Juden einen im Ucbrigcn vollständig semitischen Gesichtstypus auftveisen. — Eine hervorragende deutsch-israelitische Zeitung benützt aber die Schrift des Dr. Arlsberg zu ihren assimilatorischen Zwecken, indem sie sagt: „Es dürfte somit dargethan worden sein, dass die Juden auch der Abstammung nach dem germanischen Stamme keineswegs so fern stehen, wie cs früher den Anschein hatte, dass auch in ihren Adern ein Tropfen indogermanischen Blutes fließt (welches Glück! welcher Stolz! Rcdaction der „S. E."), ebenso wie sie in Herz und Sinn längst eins gcivorden sind mit dem großen Volke der Deutschen!" Alle Juden? — möchten wir fragen — oder sollen wol blos die deutschen Juden noch Juden heißen dürfen? Begreiflich ist, daß unter sothanen Umständen eine andere Behauptung des Dr. Arlsberg, dass auch eine Vermischung von Juden mit Mongolen stattgefnnden habe, dem erwähnten Blatte „eine geringere Wahrscheinlichkeit" zu haben scheint. Wie da plötzlich der so überflüssig oft in jüdischen Blättern gegeißelte arische Rasscnhochmuth hervortritt! — Aus Russland. Der unter der Leitung des Oberprocurators Pobcd onoszew stehende russische Heilige Synod hat folgende Entscheidung getroffen: Verheirathetc Juden, welche zur griechisch-orthodoxen Kirche übergtreten sind, dürfen mit Genehmigung der Bischöfe neue Ehen entgehen, wenn ihre Frauen nicht ebenfalls die Taufe empfangen haben. — Zwei- bis dreitausend Juden haben Befehl erhalten, bis 2 April Moskau zu verlassen. Viele von den Unglücklichen haben Bittschriften an den Minister des Innern gerichtet, in welchen sie um Zurücknahme des Befehls zu ihrer Wege stehende Kind ermordeten." Doch ist nicht einmal diese Auslegung nothwcndig, um eventuell auch den „Vorabend des Peßachfcstes" als auf die einfachste Weife zu erklären Wäre thatsächlich „erev hapessach“ zu lesen, so hätte man es zweifelsohne mit einer ganz unschuldigen historischen Angabe zu thun.