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Selbst-Emancipation · 1892-05-01 · Heft 9 (1.5.1892) · p. Seite 85

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 9 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 85 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9. Selbst-Emancipation Seite 85. gesprochen war. Ja, diese Jüdisch-Nationalen werden ja nachgerade zum enfant terrible, das uns die größten „Verlegenheiten" bereiten kann. Wir können nichts dafür, wenn der Blick unserer Wiener jüdischen Führer nicht viel weiter als ihre Nase reicht, und müssen daher umsomehr bestrebt sein, das jüdische Volk von seiner Antisemitenfurcht einerseits und seiner Unkenntnis des wahren Wesens des Judenhasses andererseits zu heilen. Ebensowenig können wir für die Aeußernngen des Antisemitenblattes, das uns einerseits wegen der von uns verlangten nationalen Lösung der Judenfrage lobt — ein Lob, worauf wir nicht anstehen, — und uns andererseits den „schwärzesten Undank" gegen die Philosemiten vorwirft, — ein Vorwurf, der uns kalt lässt, weil wir ihn für ungerecht halten. Man ist noch nicht undankbar, sobald man nicht vor Freude außer sich geräth, sobald einem ein freundliches Gesicht gezeigt wird, — und man hat dann noch immer das Recht, zu prüfen, ob dieses Gesicht eine Maske trägt oder nicht. Von den Ariern werden die Juden gewiss keine Dankbarkeit lernen können. Wien, den 25. April 1692. Bei dem gestern stattgehabten „literarischen Nachmittage" hielt zunächst Fräulein Eveline Horow itz einen Vortrag über „Moses Mendelssohns Einfluß auf Lessings Nathan den Weisen", welcher den wohlverdienten Beifall fand. Ebenso gefiel der Vortrag des Fräulein Frieda Rand, welchen wir an anderer Stelle zum Abdruck bringen. Den Abschluss bildete ein ebenfalls mit Beifall belohnter Vortrag des Fräulein Sabine G r u d e r, betitelt „Berührungspunkte arischer und semitischer Poesie." Bei der darauffolgenden Ausschusssitzung wurde die Abhaltung des nächsten literarischen Nachmittags für Sonntag den 15. Mai beschlossen. Lemberg, den 25. April 1892. In voriger Nummer ihres geschätzten Blattes haben Sie in der» Artikel „Historische Feiern" es als unsere Pflicht erklärt, die modernen Juden durch historische Eindrücke dauernd'ans Judentum zu fesseln, um so dessen moralische und materielle Wiedergeburt anzubahnen. Mit Recht behaupteten Sie, dass eines der geeignetesten Mittel für die Verbreitung der Zionsliebe und desZionsstrebens.die „Veranstaltung weltlicher Feiern sei, welche dem jüdischen Volke jene großen Ereignisse seiner Geschichte, die der Cultus weniger oder gar nicht berücksichtigt, mit Lebendigkeit und Lebhaftigkeit vor die Augen rückeil." Wie erfreulich ist es nun, sagen zu können, dass unsere jüdische Studentenschaft mit dem guten Beispiele voran ging — Gestern veranstaltete die jüdische Studenteilschaft unserer Geineinde, die von der Idee begeistert ist, an dem großen Werke der Erlösung der armen, vom Nordwind geknickten, thränenreichen Tochter Zions init aller Kraft des Geistes und des Körpers mitzuarbeiten, eine Feier zur Erinnerung an die vor vierhundert Jahren erfolgte Vertreibung der Juden aus Spanien. Alan hatte als Ort der Feier den Teinpel gewählt, weil er das größte für eine solche Feier sich eignende Local ist, und es wahrscheinlich genug war, dass die erste von jüdischen Studenten veranstaltete jüdische Feier schon der Neugier wegen eine größere Menge herbeilocken lverde. Die Feier war für 4 Uhr angesagt. Schon um halb vier Uhr war das Gotteshaus voll, und noch kam ohne Ende Trupp auf Trupp die Straße herauf. Vor Beginn der Feier wurden unter den Anwesenden in polnischer Sprache verfaßte Aufrufe vertheilt, welche mit den Worten fchloßen : „Brüder,' wenn Euch das Wohl unseres Volkes am Herzen liegt, wenn Ihr nicht Zwerge sein wollet im Vergleiche zu unseren gewaltigen Ahnen, wenn Ihr würdige Söhne dieser Helden sein wollet, deren Andenken wir heute feiern, dann vereinigt Euch, befasset Euch mit Euch und Euerem Volke, verbreitet die Kenntnis unserer jüdischen Geschichte und unserer hebräischen Sprache, denket an die Verbessenmg unserer wirtschaftlichen und moralischen Lage." Dieser Aufruf war nur in 500 Exemplaren gedruckt, so dass es nur für den zehnten Theil der Anwesenden reichte. Ein nationales Lied, das für diese Gelegenheit von einem jungen hebräischen Dramatiker gedichtet worden war, konnte nicht gesungen werden, da die Melodie noch nicht fertig war. Auch mußte die Rede, die von einem Studirenden der Rechte im Namen der jüdifch-academischen Jugend gehalten werden sollte, ausbleiben, weil sie Rabbiner Dr. Caro angeblich nicht wünschte. Die Rede des Rabbiners selbst, der am siebenten Tage des Peßachfestes gegen die Nationaljuden gepredigt hatte, war diesmal neutral. Das bei der festlichen Gelegenheit im Tempel fitr die Colonisation Palästinas gesammelte Geld wird nach dem heiligen Lande geschickt werden. — Die Feier machte großen und nachhaltigen Eindruck auf die Bevölkerung. Deutsches Deich. Kerlin, den 25. April 1892. Der Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" gegen den Antisemitismus, dem das „Bromberger Tageblatt" einen ähnlichen Nachfolgen ließ, hat im Vereine mit dem Abfall des Professor Adolf W a g u c r vom Antisemitismus unsere Juden, wie bei derlei Anlässen immer, in die rosigste Stimmung versetzt. Dass da immer nur „der Antisemitismus, wie er sich heutzutage gestaltet hat" gelästert wird, merken die Leute nicht, ebensowenig wie sie einsehen, dass man auf eine judenfreundliche Stimmung, welche das Parteigetriebe und Regierungspolitik nach jeweiligem Bedürfnis Hervorrufen, nicht sonderlich bauen kann. Dafür ist der Process „Marx contra Vossische Zeitung" umso symptomatischer für den wahren Stand der Judenfrage. Es ist bezeichnend, wenn ein freisinniges Blatt „Die Nation" mit Bezug auf den genannten Process, ausrufen muss: „Je deutlicher die verderblichen Wirkungen des Antisemitismus zu Tage treten, um so gebotener ist es, auf das Schärfste darüber zu wachen, dass diese Giftpflanze nicht auch in den Kreisen der freisinnigen Partei Wurzel fasse." England. London, den 22. April 1892. Jüngst hat der Rabbiner von Manchester, Rev. I. H. Valentine in seiner Sabbathpredigt die. Gemeinde in flanrmenden Worten aufgefordert, die Bestrebungen der Zionsfreunde nach Kräften zu unterstützen. Die Rede wirkte so zündend, dass zahlreiche Gemeindemitglieder sofort der „Chovevej Zion Society" bei- Nordarnerika. Nem-Nork, 10. April 1892. Die nordamerikanischen Zionsfreunde entwickeln gegenwärtig eine recht lebhafte Thätigkeit. Nach der „Hapisgoh“ hat die Bodenkauf-Genossenschaft „Schowe Zion“ (II.) beschlossen, ihren Vorsitzenden, Dr. Münz nach Baltimore zu schicken, um die dortige Zionsfreunde zum Anschlüsse zn bewegen. Ein ähnlicher Besuch, den vor einigen Wochen Herr Dr. Münz und Herr Deinard in Pittzburg abstatteten, brachte der Genossenschaft 50 neue Mitglieder._ Palästina. Jerusalem, den 16. April 1892. Die Quarantaine, welche Syrien und das heilige Land umgab, ist vor einigen Tagen ausgehoben worden; in Folge dessen sind die Lebensmittel billiger geworden, was für die hier wohnenden armen Juden eine große Erleichterung bedeutet. Mr. Scott Moncriff hat diese Woche hier eine Suppenanstalt für arme Juden eröffnet. Vorige Woche haben hier Stammesgenossen zwei Fabriken und zwar eine Cichorien- und eine Seifenfabrik errichtet.

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