Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 9 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 84 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 84. Selbst-Emancipation Nr. 9. dieser Gesellschaft und müssen uns auch diesbezüglich der allgemeinen Sitte fügen, welche Sitte überdies viel dazu beiträgt, dass dcx jüdische Jüngling nicht vor jedem arischen Lasten sein Auge furchtsam senken muss, sondern wie ein freier akademischer jüdischer Bürger sich jene Stellung unter der Studentenschaft zu erringen sucht, die ihm vom Staate garantirt und durch seine Intelligenz zukommt. Was den Ausdruck „Burschen" betrifft, so sind wir überzeugt, dass, wenn der Verfasser jenes Artikels doch einmal nachgcfragt hätte, er nicht seine ganze Galle dabei verbraucht hätte. Man hat nämlich in anderen jüdisch-nationalen Vereinen die Erfahrung gemacht, dass neu cintrctendc Mitglieder erst nach Jahren sich eine genügende Kenntnis vom jüdisch-nationalen Programme enteignen, da cs ihnen ja eben freigestcllt ist, tiefer einzugchen oder nur oberflächlich dasselbe zu verstehen. Um diesem Ucbcl abzuhclfcn, ist die Bestimmung getroffen, dass jedes neu cintretende Mitglied nach sechs Monaten eine Prüfimg abzulcgcn hat aus: a) den Statuten, b) dem jüdisch-nationalen Programme (eigens zu diesem Zwecke ausgcarbcitct), c) Hausordnung, d) Chronik der Verbindung, Geschichte der jüdisch-nationalen Bewegung. Und als Lohn einer gut bestandenen Prüfung wird er in den Kreis der in der Idee Gcrciftcren, der sogenannten Burschen — Bachurim — ausgenommen. Was also hier assimilirtes Nationaljudentum ist, können wir mit unserem beschränkten Burschcnvcrstand nicht cinsehcn. Wir sehen nur hierin eine strammere Organisation, die imAllgemeinen allen Jüdisch-Nationalen sehr not thätc. Wenn wir erfolgreich für unsere Idee wirken wollen, so müssen wir zuerst nach innen tüchtig organisirt sein und gegenseitige Anhänglichkeit muss jeden Particularismus bannen. Und tvcnit wir etwa diesen strammen Geist von den „germanischen Heidelberger Burschenschaften" abgelauscht hätten, so schämen wir uns nicht, auch von unseren Feinden das Gute genommen zu haben und wenn dieses ein überspannter nationaler Fanatiker, der eben „an dem wiederholten Klange des Wortes „national" sich berauscht und nimmer müde sich ergötzt", etwa fiir Assimilation bezeichnet, gut, dann, sind wir stolz, solche Assimilanten zu sein. Was nun den letzten Punkt, d. s. Tellermützen, Ccrevis, trieolorc Bänder betrifft, so ist dies eine Uniform, die wir uns angcschäfft haben kraft des allen Studenten zukommcndcn Rechtes, farbige Abzeichen zu tragen. Freilich sind Stramel, Jarmurka, Pckeschc oder der Turban mehr weniger eigentliche jüdische Trachten, aber wir wetten tausend gegen eins, dass selbst der Verfasser jenes Artikels uns iticht dazu rathen würde, selbe auf einer deutschen Universität zu tragen.*) Die Kappe und das Band sind nichts deutsches, wenn cs auch eine deutsche Einführung ist, ebenso wenig, wie unser tägliches Gewand ein französisch-nationales ist, trotz seiner französischen Einführung. Kappe und Band werden erst dann deutsch, wenn auf ihnen die Farben schwarz-roth-gold oder schwarz-weiß-roth aufgetragen sind,**) und wenn wir gleich alleit jetzt lebenden Nationen in der Bukowina auch unsere Farben wählten, wenn wir uns in roth das Blut versinnbildlichen, welches unsere Helden uitd Märtyrer auf dem Felde der Ehre oder auf dem Scheiterhaufen gelassen haben, in violett die Treue, mit der ivir an unseren Ucberlicfcrungcn festhaltcn, in grün die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt, so wird auch der pedantcstc Silbenstecher die Hoffnung aufgcbcn müssen, hierin eine Assimilation zu finden. Ja, im Gcgenthcil ersehen wir darin ein Erstarken nach außen, da für das Innere die Pflege jüdischer Literatur, Geschichte und Sprache ihr bestes thut und thun wird. Nach innen Kräftigung, nach außen Repräsentation. *) Gewiss nicht, sondern wie andere vernünftige 'Studenten die übliche Bürgertracht. **) Das ist falsch. Wenn ivir wohin kommen oder gemäß unseren Statuten Wanderversammlungen halten, so sollen sie schon von weitem erkennen, dass die Hasmonäcr anrücken. Der Ruf soll uns vorangehen, dass wir uns nicht schämen, Juden zu sein und uns nicht bücken. Erst dann wird das für das Judentum gänzlich indolente und zuweilen feindliche jüdische Gemüth Ar unsere Sache, für das, wofür wir als dessen stolze Vertreter eintreten, empfänglicher gemacht, und für unsere Propaganda ist somit die Arbeit leichter. Durch die Klarlegung dieser Verhältnisse ist den Bemerkungen über die socialistische (??)*) jüdische Jugend jeder Boden entzogen, indem wir doch nachgewiesen haben, dass wir keine jüdisch-nationale Burschenschaft, die etwa im Saufen, Schlagen, Bummeln ihre Befriedigung findet, sondern eine uniformirte akademische Vereinigung, die ehrlich und sicher für jüdische Geschichte, Literatur, Sprache, Jischuw erez Israel mit Wahrung der Repräsentanz nach außen mit all ihrer Kraft cintritt. Indem wir uns der sicheren Hoffnung hingcben, dass Euer Wolgcborcn diese Entgegnung vollinhaltlich aufnehmen, zeichnen wir hochachtungsvoll I. A. d. dl. Drei. med. Schcmuel Josscf Vierer.**) Die vorstehende Zuschrift braucht keine weitere Erwiderung, als höchstens die paar Anmerkungen, die wir ihr widmeten. Borurthcilslosc und nüchterne Leser, welchen das jüdische Nationalbewusstsein mehr als eine nach arischem Muster in tiefem Brusttöne hervorgcflötcte Phrase ist, werden sich aus dem Zusammenhalte dieser Entgegnung mit unserem Artikel ein Urtheil bilden können, vor welchem wir tticht zu zittern brauchen. Wir halten jedcs einzclnc Wort des Aufsatzes „Das assimilirte Nationaljudcntum" für die Vergangenheit aufrecht, und werden uns freuen, wenn die Zukunft einen Widerruf notig machen sollte. Vorläufig bekümmert es uns aber tief, dass unsere keineswegs in „galligem", sondern in sachlichstem Tone gehaltene beschwörende Brite an die jugendlichen Gesinnungsgenossen in Czcrnowitz kein anderes Resultat hatte, als diesen Brief. Wir wiederholen daher, unbeirrt von dem rüden Tone des vorstehenden Schreibens, unsere Bitte, — und sie soll nicht mehr sein, als das, — mit den Worten: „Reinigt Euch von Euren Farben!" OriginaL-CorrespondenZen. GesterverchUngarn. Wien, den 28. April 1892. Im hiesigen Gemeinderate gehen sonderbare Dinge vor. Es sei eine Spaltung in der liberalen Partei entstanden, heißt cs, welche auf die Schroffheit des Präsidiums zurückgeführt werden müsse, und die zur Stärkung der antisemitischen Opposition führen könne. Wie gering müssen die Herren der Presse von dem Liberalismus eines Theiles der gemeinderätlichen Liberalen denken, wenn sie denselben zumnthen, dass sie in Folge persönlicher Verstimmungen so leicht zum Antisemitismus abschwenken würden! Es ist noch ein Glück, dass wir es nicht jgesagt haben. Das wäre wieder-ein Anlass gewesen, um den Groll über uns im Kaffeehause beim „Schwarzen" herunterzuspiilen, nachdem mau ihn nicht in Zeitungsartikeln auslassen kann, die uns noch populär machen könnten. Es hat nämlich in Journalistenkreisen großes Entsetzen verursacht, als das „Deutsche Volksblatl" in seinem Abendblatt vom 19. April d. I. eine Stelle aus Nr. ö dieses Jahrganges der „Selbst-Emancipation" citirte, worin ziemlich offenherzig über den Philosemitismus *) Die Fragezeichen hätten doch füglich erspart werden können. Müsse» denn Thatsachcn wcgdecrctirt werden, um die jüdische Couleurs „Rvth-Violett-Grün" zu rechtfertigen? **) Unter dem Namen des dauernd in Wien weilenden Unterfertigten findet sich wieder jenes Geschnörkcl. welches wir eingangs erwähnten.