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Selbst-Emancipation · 1892-05-01 · Heft 9 (1.5.1892) · p. Seite 83

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 9 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 83 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9. Selbst-Emancipation Seite 83. wir die nationalen Schätze pflegen, uns an ihnen ergötzen und aus ihnen Kraft zu neuem Leben schöpfen. Es ist wahrlich ein erfreuliches Ereigniss, dass Mädchen sich zusammengeschaart haben, um in dieser siir uns Juden so schweren Zeit einen Verein auf nationaler Grundlage zu gründen Geselligkeits- und literarische Vereine gibt es in Wien genug, aber von Vereinen jüdischer Mädchen, die sich die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatnr als einziges Mittel zur Wahrung des jüdischen Gefühles unter den Mädchen als Ziel setzten nur den einen, ersten, die „Moria." Jedes Mitglied derselben möge sich vor Augen halten, dass sie ihr jüdisches Herz hieher geführt hat, und möge dah,r nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Vereines wacker für unsere Sache wirken und eintreten. Es blühe die jüdisch-nationale Idee! Es blühe die „Morin!" Unsere Vorarbeit. Für den Baum, dessen Wurzel noch gesund, gibt es noch Hoffnung. Ist auch sein Stamm gealtert, und ein Theil seiner Aeste bereits verdorrt, so vermag ihn die geschickte Hand des Gärtners noch immer durch ein Edelreis zu verjüngen. Das erheischt jedoch eine ain Boden beginnende, Stamm und Aeste behandelnde klmstgercchtc Vorarbeit: Die schädlichen Ansätze und abgestorbenen Thcile müssen beseitigt, der Boden oberhalb der Wurzeln muß gckräftigt und das Pfropfreis aus einen gesunden Ast gesetzt werden. Gedankenloses Anfpfropfen wäre vergeblich. Es gibt gewiss auch für den gealterten und verwahrlosten Baum Jakobs noch Hoffnung! Seine Hauptwnrzcl ist ja noch immer gesund und die nationale Idee, das Edelreis von Zion, sehr geeignet, ihn zu verjüngern. Alles wird nur davon abhängcn, ob diejenigen, die einen solchen Erneuernngsproccss anstrcben, richtig oder unrichtig Vorgehen. Eine kräftige, klug geleitete nationale Bewegung hat unser Volk schon wiederholt aus dem tiefsten Elend 'auf die freie Höhe einer weitstrahlcndcn Civilisation gehoben; aber immer war es die durch sorgsame Pflege des Gemüts- und Innenlebens erlangte moralische Macht, der die Vorsehung eine rettende Hand geboten. Die zweimalige Erlösung Israels wurde, wie bekannt, durch eine tief ethische, alle Kräfte anregende Erziehung eingeleitct, und erst, nachdem das Volk durch eine solche bereits aus dem Staube gehoben worden, war Zion nach „langer Zeit" der letzte Ehrenpreis. So muß die Sache auch jetzt ungefaßt werden. Wir besitzen vorläufig noch nicht die moralische Kraft, die zur Rcalisirung des nationalen Gedankens nöthig ist, daher muß unser vornehmstes Streben dahingehen, sic zu erlangen. Unsere Abstammung verpflichtet uns, „Israeliten", d.' h. physisch, geistig und moralisch tüchtige Menschen heranzubildeu. Wenn wir dieser Aufgabe längere Zeit hindurch gerecht werden, so nmß eine Generation entstehen, die stark genug sein wird, eine günstige und würdige Stellung unter den Nationen zu erringen. Diese wird mit Gottes Beistand das Erbe der Väter erhalten und behalten. Die nationale Flamme muß „hoch auflodern" und ein neues Licht über Zion verbreiten, dass darob erschrecken die Sünder und zittern die Heuchler, und davon erleuchtet und erwärmt werde, wer in Gerechtigkeit wandelt und redlich spricht, wer Unrechten Gewinn verschmäht und nicht nach bestechendem Mainmon greift! Dieses ideale Zion, die Voraussetzung des realen Zion, berührt kein Verbot der Pforte und kein Ukäs eines sterblichen Machthabers. Leopold Mandl. Nkrad. Verbindung „Hasmonaea", Czeriwwitz. Von dem in der Uebcrschrift genannten Vereine erhalten wir als Entgegnung auf unseren Artikel „Das assim i l i r t e N a t i v n a l j u d e n t u in" in per. 7 unseres Blattes eine mit dem Motto: „lnebblioä amenu w'lischlom Zion" und mit dem bekannten burschenschaftlichen Schnörkel, den wir aus typographischen Gründen nicht miedergeben können, versehene Zuschrift folgenden Inhaltes: Ezernowitz, am 24. Nissan 5<>r>2. Euer Wolgeboren! Im Folgenden erlauben wir uns, Euer Wolgeboren zu ersuchen, unserer Entgegnung im „Organe der Jüdischnationalen", zu denen wir uns bereits 7 Jahre *> zählen, Raum zu geben, damit das alte akademische Wort „Audiatur et altera pars" zu Ehren gelange. Zweimal binnen Kurzem geschieht es, dass von unbekannter privater Seite Angriffe erhoben werden gegen die Einrichtung nnd das Leben in unserer Verbindung. Dem ersten Angriffe im „Israelit" folgte eine Erwiderung, die ivol treffend, aber mehr den idealen Standpunkt beleuchtete; jetzt wurden wir sogar in unserem eigenen Organe angegriffen, einem Organe, für dessen Propagirung wir stets unser Bestes angewendet haben.**! Und wenn wir gerade diese letzten Worte betonen, so thun wir es nicht gerade deshalb, nm der Leitung des Blattes einen Borwurf darob zu 'machen, dass es einem, der gewiss auch ein guter Jüdisch-Nationaler ist, gestattete, seine Meinung darüber zu äußern, '***) ob das Tragen farbiger Abzeichen unser Nationaljudentum assimilirt oder nicht, sondern weil sie es zuließ, dass Unwahrheiten und Verdrehungen mit in jenen Artikel- Aufnahme fanden. Es ist nämlich eine grobe Unwahrheit und eine von freundlicher Seite gewiss nicht geschehene Entstellung, dass „der Wunsch nach Stärke uub Gewandtheit — bei uns — zum Händelsuchen und sinnlosen Schlägereien , dass der Solidaritätssinn zum beschränkten Kastengeist ivird und dass die natürliche Jugcndlust in eine gemachte Tollheit" übe'rgegangen ist. Es ist ferner ein Unding und widerstreitet den Thatsachen, wenn jemand behaupten will, dass sich bei uns „der jüdisch-nationale Gedanke in den Formen „feuchtfröhlicher" Burschenschaften entfaltet". Wenn wir gleich unserem Wiener Brudervereinc „Kadimah" auf schwerere Beleidigungen im Sinne des studentischen Commcnts reagieren, so liegt hierin nicht der Vorwurf, dass wir Händel suchen, solidem, weil wir eben nicht in der Luft, sondern auf einer deutschen Universität leben, können wir uns nicht — obwol wir das Unsinnige desselben einsehen — dieser in der Studentenschaft und in der modernen Gesellschaft so tief wurzelnden Eventualität entziehen, ohne die Verachtung Aller uns zuzuziehen. Wie oft hört man selbst von Juden die Worte: „Ja, Jüdisch-national sein, d. h. Verschärfilng und Einhaltung jüdischer Sitten, also auch pvtenzirte Feigheit." Die Zeit ist vorläufig noch nicht so nahe, in der wir in Palästina das erreichten, was wir wollen, wir leben in *) Die einzelnen Mitglieder vielleicht, doch lvol nicht der Verein als solcher, der nicht ganz ein Jahr besteht **) Es ist seitens der „Hasmonaea" nichts Siamhaftes siir die „S E." geschehen, woraus wir ihr aber keinen Vorwurf machen können, da man an Studente,-vereine in dieser Hinsicht nicht zu viel Ansprüche stellen darf. *'*) Um allen irrigen Vermutungen vorzubcugen, wird bemerkt, dass der fragliche Artikel in unserem Blatte den Chefredacteur Dr. Nathan Birnbaum zum Versager hat nnd unter Gutheißung der namhaftesten Wiener Mitstreiter veröffentlicht wurde. Dagegen hat unser Chefredakteur mit dem im „Israelit" publicirten Artikel, der freilich leider sehr viel Wahres enthielt, natürlich nichts zu thun.

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