Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 9 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 82 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82. Selbst-Emancipation Nr. 9. Zeit, wo aüe§ für sein eigenes Wohl thätig war, nicht auch in den Kampf eingetreten sind, findet, wie bereits erwähnt, in ihrer traurigen Existenz seine Erklärung. Seit dem Verluste der politischen Selbstständigkeit sind die Juden unter dem Banne des Hasses seitens der Nichtjuden, des Lohnes für die Vermittlung der Moral, so tief gesunken, dass sie als zerstreute Bettler, die um die gütige Erlaubnis einer ruhigen Herberge bei anderen Nationen ansuchen mussten, nicht die Zeit und Kraft hatten, gleich anderen Völkern auf sich selbst einen Blick zu werfen, um das tief gesunkene Gefühl, das immer sich lockernde Band der Zusammengehörigkeit zu stärken und zu erhalten. Wahrend andere Nationen ihre freie, berechtigte Existenz zu' erkämpfen begannen, verkümmerten die Juden noch geistig und moralisch im Ghetto. Von einer Einigkeit, brüderlichem Zusammenhalten, gemeinschaftlicher Thätigkeit zum Wohle des gesammten Judentums konnte in jener Zeit nicht die Rede sein. Ms die Völker theilweise ihre an den Juden begangene Frevelthat zu erkennen und den neuen Principien theilweise zu folgen begannen, räumten sie nach und nach den Juden manche Rechte und Freiheiten ein. Wie groß dieselben waren, davon weis; die Geschichte unseres Volkes in einzelnen Ländern genug zu erzählen. Immerhin aber wurden sie für die Juden ein Impuls zu neuer Thätigkeit. In ihrem raschen Uebergange aber von drückendster Knechtschaft zur damaligen Glückseligkeit glaubten sie den Nationen auf keine andere Weise für ihre Großmuth dankbar sein zu können, als dadurch, dass sie das Band der gemeinschaftlichen furchtbaren Leiden, das Band der geilieinschaftlichen Geschichte lösten und in ihrer Verblendung alles Jüdische, das sie in den Jahren der Leiden innig und vertrauensvoll zusammengchalten hatte, abstreiften, und sich den Sitten und'Gebräuchen anderer Völker Hingaben. Durch energisches Antreiben ihrer Stammesgenossen zum Verrath gegen den eigenen Stamm glaubten sie die Judenfrage zu lösen. Wagt es aber ein echter Jude, der dieses Liebäugeln der Judenbeglücker mit den Nichtjuden nicht duldet, dagegen zu protestiren, so wird er ganz einfach als Verrückter hingestellt. Unsere „Beglücker", meine Damen, die Assimilatoren glauben darin die Gleichstellung der Juden, eigentlich ihre gleichstellung und Gleichberechttgung, mit deü Nichtjuden zu erwirken, wenn sie alles Jüdische ncgirend in ihren Organen keine Worte sparen, um die schönen Thaten der verschiedenen liberalen Parteien zu preisen, oder wenn sie an verschiedenen nationalen Festen anderer Völker regen Anteil, nehmen. Sie scheinen dabei zu vergesse», dass sie über ihre krumme. Nase nicht hinwegkönnen, dass unter dem Cylinder des Deutschen, der Tuzurka des Russen und der Konsedaratka des Polen der Jude immer und überall erkannt und gehasst wird. Siedrängen sich hin, wo man sie nicht sucht, stecken ihre Nasen hinein wo sie nichts zu suchen haben, und als solche Schmeichler und Heuchler lästigen sie nur den Hass, schwächen und kreuzen dagegen die heiligen Interessen des gesammten Judentums. Was sie mit den assimilatorischen Bestrebungen, mit der Lösung der Judenftage nach ihrer Art ausgerichtet-haben, zeigen die hohen Würden, die dem Judentume in den modernen Staaten gegeben tverden, beweist das schöne Wunderkind des 19. Jahrhunderts, der Antisemitismus. Ein furchtbares Echo der christlichen Gerechtigkeit dringt täglich an unsere Ohren, ein Echo des Elends und des Jammers unter den jüdischen Brüdern, das wir leider anhören müssen, ohne zu wissen, wie demselben abzuhelfen. Die Juden haben sich eben gewöhnt, für Alles Interesse zu fühlen, was nicht jüdisch ist, sich selbst zu vernachlässigen, sich nicht zu kennen und nicht kennen zu wollen. Da raffte sich eine Anzahl Männer, die Herz nnd Gefühl fürs Judenttnn besitzen, auf, sie thaten sich zusammen, um die gelockerten Bande im Judentum zu knüpfen. Sie gründeten Vereine, welche die nationale Fahne 'hoch und unerschrocken tragen und ehrenvoll vertheidigen. Sie fanden für die „Judenfrage" eine neue Lösung, die in ihrer Wahrheit alle versuchten übertrifft, weil sie das verdrängen will, was nicht jüdisch, dagegen wahren und verteidigen will, was zum Heile des Judentums gereichen kann. Was jedoch anders kann heilsamer für die Juden wirken, als wenn sie Kraft und Geist aus ihrer schönen Geschichte und Literatur schöpfen, wenn sie durch die Pflege ihrer eigenen Geschichte und Literatur ihr nationales Gefühl kräftigen und stärken? Leider hat diese erhabene Idee relativ noch wenig Verbreitung unter den Juden gefunden; viele sträuben sich dagegen und sogar unter den Gebildeten wissen viele nicht einmal von der Existenz der jüdisch-nattonalen Bewegung. Wir jüdische Frauen und Mädchen müssen uns derselben anschließen; die Männer haben nicht das Recht, uns die Grenzen unserer Thätigkeit vorzuschreiben, und uns die Befähigung zu manchen geistigen Thätigkeiten abzustteiten! Wir Frauen und Mädchen, wir sind auch im Stande an dem Rieseniverke für das Wohl unseres Volkes mitzuarbeiten, nnd so wie der Beruf eines Advocaten oder Arztes durch seine Betheiligung an den Vorgängen der Zeit nicht beeinträchtigt wird, so können auch die jüdische Frau und das jüdische Mädchen in ihrem Rahmen für das Judentum thätig sein, ohne dabei ihre häuslichen . Pflichten zu vernachlässigen. — Ja! wir müssen um unser Volk bekümmert sein, uns mit seinen Freuden und Leiden bekannt machen, weil wir in Zukunft berufen sind, a*s Mütter, somit als Erzieherinnen der künftigen jüdischen Generation, durch unsere klaren niid ausgeprägten Ideen, durch unsere wahren Anschauungen einen wichttgen Einfluss auf das Gefühl und den Character unserer Kinder auszuüben, um sie zu eifrigen Vertretern der jüdischen Sache auszubilden. Und wie können wir lehren, wenn wir selbst unwissend sind? Haben wir einmal unsere Pflicht erkannt, so dürfen wir uns nicht von den überaus weitläufigen Strömungen der Zeit hinreissen lassen, die vielleicht in weiter Ferne für uns heilsam sein können; wir sollen vorläufig von der allgemeinen Beglückung der Menschheit absehen und als jüdische Mädchen und jüdische Frauen alles Jüdische erhalten und pflegen. In der jetzigen bedrängten Lage unserer Stammesbrüder, in der allgemein eingebürgerten Abneigung gegen alles Jüdische sollen wir, weil rvir Jüdinnen sind, zuerst für unsere jüdische Sache eintre'ten, und erst dann, wenn unser Volk, die Stufe des ruhi- ■ gen Daseins erreicht haben wird, können wir uns mit dem allgemeinen Glücke der Menschheit beschäftigen. Wir dürfen nicht kosmopolitisch, sondern müssen national gesinnt sein! ° Sind wir heutige Jüdinnen national? Ich muss leider gestehen, dass dies nicht der Fall ist. Heißt es eine Jüdin sein, sich des Namens „Jüdin" zu schämen, heißt es eine Jüdin sein, keine Ahnung von einer jüdischen Geschichte zn haben, alles Jüdische zu verwerfen und ausznlachen, wie es die heutigen gebildeten und ungebildeten Mädchen thun? Ich bekenne offen, dass ich selbst vor einigen Jahren, bevor ich mit den Ideen des Nationaljndentums bekannt wurde, mich, weil ich in Galizien geboren bin, für eine Polin hielt. Solche irrige Ansichten werden seltener werden, wenn die Wahrheit unter, den Mädchen bekannt wird, was nur im Wege der Gründung nationaler Mädchenvereine möglich ist. Wenn sich die Männer zur gemeinschaftlichen Arbeit zum Wohle des Judentums vereinigen, wenn sie darauf ihr Augenmerk gerichtet haben, den unnützen Schmuck ftemder Nationalität aus dem Wege zu schaffen, der die Juden nicht um ein Haar in der Gunst ihrer Mitbürgersteigen lässt, warum sollen wir Mädchen es nicht in unseren Kreisen thun, da wir es ja ebenso notwendig bedürfen wie jene? Wie bei. ihnen die einzige Devise ist „Jude sein", so sollen auch wir nur „Jüdinnen sein" wollen nnd nichts anderes. Als solche wollen