Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 9 (1.5.1892)
- Date
- 1892-05-01
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Selbst-Emancipation Seite 81. gibt, — ein solches Volk hätte in achtzehnhundert Jahren weiterer Selhstständigkeit den Gipfel sozialer Gerechtigkeit nnd edelster Menschenliebe erklimmt. Was von der sittlichen Verderbtheit und wirthschaftlichen Mist're der Zeit, welche dem Untergänge des jüdischen Staates unmittelbar voransging, erzählt wird, alles, was da von Pharisäern n. s. w. gcsaselt wird, ist eine tendenziöse Übertreibung, die heute auch von solchen nachgebetet wird, welche an derselben kein Interesse haben. Soweit aber eine moralische Depression zugegeben werden muss, so ist darin nur eine Episode zu sehen, welche Israel mit seinem unendlich reichen Schatze von Liebe und mit seiner gewaltigen social reformirenden Äirnft überwunden hätte. Freilich hätte es dazu nicht die Faust gebraucht, nicht hätte nach europäischer Methode Blut fließen müssen, nicht Guillotine und Dynamit, aber auch nicht der unschuldige erste Mai wäre nothwcndig gewesen. Auf dem friedlichen Wege einer Gesetzgebung, die nicht vom Standpunkte eines unerbittlichen und grausamen Rechtes, sondern von dem einer allerbarmendcn Liebe ausgeht, hätte Israel schon längst jenes Ziel erreicht, dass für die europäischen Wanderer noch in weiter Ferne und jenseits grauser Kämpfe liegt. Doch, es hat nicht sollen sein. Wollen wir nicht länger dem verlockenden unb zugleich ivehmuthsvollen Gedanken nachhängen, was gewesen wäre, wenn uns ein gütiges Schicksal vor dem Golus bewahrt hätte; wollen wir zurückkehren zur traurigen Wirklichkeit und sehen, was jetzt zu thun ist. Der erste Mai ist das Wahrzeichen des arischen Classcnkampfes. In seinem den Vaterlande, dem Bolksthume und der Religion abgeneigten Wesen muss dieser Klassenkampf der jüdischen Volksseele fremd bleiben, die an ein soziales Glück außerhalb dieser festen Gefüge und höchsten Ideale der Menschheit nie glauben wird. Doch, abgesehen hievon, muß sich, wie wir schon des Oeftcrn hervorgehoben und bewiesen haben, der Jude stets in Erinnerung rufen, dass die jüdischen- Proletarier nicht, bloss. Proletarier, sondern , auch Juden sind, m ln dass sie ein dovveltes Ünalück trauen. Bis zum eventuellen Siege der europäischen Sozialdemokratie wird jedenfalls noch eine recht geraume Zeit vergehen. Es ist daher nicht cinzusehcn, warum wir bis dahin, — wenn dann schon wirklich die arische Natur das unglaubliche Salto mortale von Judenhass zur Brüderlichkeit machen sollte, — neben der wirthschaftlichen Noth noch einen Separatdruck erdulden sollen, warum wir uns nicht vorläufig ivenigstens auf die Stufe dce Glückes schwingen sollen, auf welcher sich die übrigen Akenschen beider heutigen Gesellschaftsordnung befinden. Wir werden um so weniger zweifeln können, dass wir dies zu thun haben, als wir mit der Erweckung und Entfaltung unseres Volksthums zugleich im Interesse der sozialen Erlösung der ganzen Menschheit Vorgehen. Nur nicht so hitzig, jüdische Sozialisten! Werfet das jüdische Volksthum nicht von Euch! Es kann das rettende Boot werden, welches Euch über die brandenden Wogen der sozialen Sintflut unversehrt hinüber bringen wird in eine bessere Zeit. Das Elend der Menschheit kann und muss Euch als Juden zu Herzen gehen, aber denkt an die Schmerzen Eures Volkes, welchen keine andere gleichen. Behebet erst diese, damit Ihr nicht, zäh, wie Ihr seid, mit dem alten Jammer und noch neuem dazu hinüberkommet in die neue Zeit. Der erste Mai mag Eure Sympathien haben. Euer Feiertag kann er nicht sein. Gerade die schwarze Zeit des jüdischen Kalenders, in welche dieser Tag fällt, ist geeignet. Euch die unermeßliche Tiefe unseres Volkselcnds ins Bewußtsein zu bringen, und solange es einen neunten Abh mit seinen fürchterlichen Erinnerungen geben wird, hat unser Volk keinen Platz für den ersten Mai. U. Die nationale Lösung der Iudenfrage. Vortrag, gehalten in der Versanimlung des literarischen (Äeselligkciis- Vereines jüdischer Mädchen „Moria", am 24. April 1802, von Frieda Ra nd. Meine Damen! Dass der menschliche Geist im fortwährenden Schaffen und Thun begriffen ist, ist eine bekannte Thatsache. Es ist nur die Art und Weise, wie er seine geistigen Producte den Mitmenschen überliefert, bei verschiedenen Nationen eine verschiedenartige; je nach der geistigen und culturellen Entwicklung der betreffenden Nation, je. nach den Verhältnissen, die sie umgeben, entwickeln sich auch ihre Anschauungen über verschiedene Fragen. In den geistigen Producten eines Volkes in der Literatur spiegelt si klar und deutlich sein Charakter wieder, seine Jdcenrichtung, sein bewusstes Handeln und Thun, sei es auf politischem, socialem oder wirtschaftlichem Gebiete. Da unsere Erde verschiedene Schattiruugell von Nationen in sich fasst, von denen jede ihre eigenen Ziele verfolgt, entsteht ein Kampf, der mit außerordentlicher Heftigkeit betrieben wird. — Jede Nation besteht auf dem Rechte ihrer einzig wahren Anschauungen, vertritt sie mit wahrer Aufopferung und durch das Verfechten der Interessen einer Nation seitens ihrer Angehörigen wird dieselbe gekräftigt und gestärkt, im Ansehen gehoben und anderen Völkern gegenüber als Muster hingestellt. — Die Mitwelt ivird auf einzelne Theorien, die ihrer Originalität wegen ins Auge fallen, aufmerksam gemacht, anerkennt oder verwirft die Wahrheit derselben, tritt für oder gegen den Kampf um dieselben ein und solch einen originellen Einfall einer Nation, der die öffentliche Discussion hervorgerufen hat, pflegt man „Strömung der Zeit" zu nennen, und dem Stoff desselben den Namen „Frage" zu geben. So hört man beispielsweise von einer Vatikanfrage, von einer Arbeiterfrage und einer Judenfrage. Alle diese Fragen haben in ihrem Wesen schon vor Jahrhunderten existirt, jetzt aber haben sie die denkenden und schaffenden Geister als völlig neu der öffentlichen Discussion überliefert, als neue Fragen der Strömung der Zeit übergeben. Die jüdische Frage ist seit vielen Jahrhunderten eine und dieselbe, die Frage der Existenz. Unsere Vorfahren hätten vielleicht dieselben Ziele wie wir auf ihre Fahne gesetzt, aber die Verhältnisse, iinter denen sich die Juden im Mittelalter befanden, waren daran schuld, dass sie sich zu ernstem Nachdenken über die Lösung unseres Dascinsräthsels, über das Sicherstellen unserer Unabhängigkeit nicht aufraffen konnten. Die Hunianität der damaligen Zeit hatte dafür gesorgt, dass die Juden an ihr eigenes Sein vergaßen. Dcni religiösen Kampfe int Mittelalter, der die einzige Beglückung der Menschheit in dem blinden Glauben und aufopfernder Hingebung für das Christentum, welches das herannahende Himmelreich auf Erden predigte, erblickte, folgte der Kampf um die freiheitlichen Rechte einzelner Nationen der Neuzeit und dieser hat zur Neige des neunzehnten Jahrhunderts wiederum dem Kampfe um die allgemeine Beglückung der Menschheit Platz gemacht. Diese letzten Strömungen der Zeit sind mit dem sogenannten „Fortschritt" und den Begriffen der angeblichen „Humanität und Toleranz" innig verknüpft. Wie es aber mit dem Glücke der Menschheit, das unter verschiedenen Masken in allen diesen Zeiten gepredigt wurde, sich verhalten mag, wie „Humanität" und „Toleranz" der Neuzeit anssehen, das beleuchtet die andauernd unwürdige Behandlung unseres Stammes seitens der „toleranten" Nichtjuden klar und deutlich. So sind die Juden um ihr Glück unter den beglückenden Nichtjuden'wahrlich nicht zu beneiden. Warum sie aber in der