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Selbst-Emancipation · 1892-05-01 · Heft 9 (1.5.1892) · p. Seite 80

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 9 (1.5.1892)
Date
1892-05-01
Page
Seite 80 (sequence 2)
Language
German
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Seite 60. Selbst-Emancipation Nr. 9. offenbart den klaffenden Riss innerhalb der europäischen Welt. Auf der einen Seite stehen die Arbeiter als grimmige Ankläger, auf der anderen Bürgertum sammt Adel als trotzige Angeklagte. Weder Volksgemeinschaft noch Glaubcnsgenossenschaft scheinen stark genug, um hier versöhnend zu wirken; wieso denn auch, wird gefragt, wenn das nationale und religiöse Ideal die Entstehung jener Missstände, welche die heutige Gesellschaft aufweist, nicht zu verhüten vermochten? Wir haben wiederholt Gelegenheit genommen, auf den Fehler hinzuweifen, den die officielle Socialdemokratie dadurch begeht, dass sic den Internationalismus, der nur in gewissen Grenzen als tactischc Maßregel einen rein vcrstandesinäßigen Wert hat, zur Herzenssache ihrer Anhänger macht. Indem sie damit dem höchsten Ideal der Menschheit, der Menschenliebe, nähcrzukommen vermeint, beraubt sic in Wahrheit das Volk der einzigen Bürgen andauernder und allgemeiner idealer Gesinnung, des Vaterlands- und Volksgefühls, sowie der religiösen Empfindung. Besonders leichtfertig und verfehlt aber erscheint ihr Gebühren gegenüber der nationalen Idee, auf welche sie ja ganz angewiesen, wenn einmal die Zeit der Gährung vorüber und die Zeit des ruhigen Glcichheitsbesitzcs gekommen sein wird. Oder glauben die Socialdcmokraten ihre Zukunftsstaaten ohne die aufopferndste Liebe der Bürger zu ihrem Lande und Volke regieren zu können? Nicht Patriotismus, nicht Nationalismns, nicht Religiosität sind schuld daran, dass die socialen Verhältnisse so trübselig geworden, wie sie eben sind. Hätten diese drei Principicn stets in ihrer hehren Reinheit gewaltet, die moderne Gesellschaft stünde heute nicht vor dem socialen Bankerott. Der Einzclstaat, die Nation, die^Glnubensgemcinschaft sind hinlänglich große Vereine, um innerhalb derselben die weitesten Glcichheitsansprüche zu befriedigen, um jeder Ausbeutung unüberwindliche Schranken zu setzen und wahre Volkswohlfahrt zu begründen. Wenn dies jedoch bisher nicht gelungen ist, wenn im Leben der ci»ilisirten Menschheit sociale Ungleichheit, wirthschaftliche Unterdrückung und Massenelend wahre Orgien feiern, so hat dies seinen Grund blos darin, dass die europäischen Culturvölker den wahren Patriotismus, den echten Nationalismus, das tiefe religiöse Empfinden nicht kennen. Unter ihren particularistischcn und chauvinistischen Phrasen, unter ihrem kirchlichen Gesalbader verbirgt sich ein bodenloser Egoismus, dessen nächste Opfer natürlich stets die Schwächsten sind. Der Mammon regiert die Welt, er ist vollständig international, und hat mit der Idee des Vaterlandes, mit dem nationalen Gedanken, mit der religiösen Idee innerlich so wenig zu thun, als der officielle Socialismus mit ihnen zu thun haben will. Ob also das „berühmte" Muster, nach welchem sich die Socialdcmokratie für international erklärt hat, derselben Ehre macht, steht dahin. Doch, wir wollen nicht ungerecht sein und zugeben, dass die Socialdcmokratie bei ihren internationalen Aspirationen von einem nicht ganz fehlgchcndcn Jnstincte geleitet ■ ist. Als vor einigen Wochen der Wiener Socialdcmokrat Höger im Gcrichtssaale in seiner glänzenden Verteidigungsrede sagte, unsere Cultur sei gar keine Cultur, sondern blos „Europas übertünchte Höflichkeit", — ahnte er gewiss nicht, wie sehr er uns mit diesen Worten, unter welchen wir freilich ganz etwas anderes verstehen, als er, aus der Seele gesprochen hat. Ja, das ist es. Es geht den arischen Völkern jene fast ausnahmslos alle Volksindividuen -durchdringende Herzcnswcichhcit ab, welche unstreitig eine; dem jüdischen Volke verliehene Gabe ist. Schönheit und starres Recht sind die beiden Ideale der arischen Welt, welchen sie freilich auch in den seltensten Fällen nachlcbt; die Ideale Güte und Liebe kennt sie nicht; das Christentum, als Tochter der jüdischen Religion, ist von den sittlichen Grundsätzen der letzteren getragen, ist ihrem Sinne im Grunde stcmd geblieben. Darum nimmt aber auch bei Jenen unter den Ariern, welche ein weicheres Herz, ein mitleidigeres Gemüth haben, welche sich nach einer Cultur sehnen, die mehr ist als „übertünchtc Höflichkeit", das Mitgefühl für. die Enterbten der Gesellschaft die Gestalt des modernen Socialismus an. Aus den Fugen und Ecken dieses streng - gesetzmäßigen Systems weht mehr kalte Gelehrtenweisheit einerseits und mehr herber Neid anderseits, als warmers Lebensodcm und erquickender Liebesathem. Und so ist trotz des richtigen Jnstinctes, welcher die Socialisten leitet, wenn sie der patriotisch-national-religiösen Comödie der Arier den Internationalismus entgegensetzen, wenig Aussicht vorhanden, dass sie dadurch die Acra der Glückseligkeit herbciführen. Denn auch ihr Internationalismus, ihr Weltbürgertum, ihre Humanität sind so recht arisch, sind theoretische Abstraetionen, j', welche sich als „alleinseligmachend" ausgeben. Aus anderem Stoffe ist das semitische Völklein Israel. Von Haus aus das nationalste Volk ist es zugleich seit jeher das weltbürgerlichste. Von Haus aus patriotisch und religiös ist es zugleich freiheitsliebend und demokratisch. Das „jüdische Herz", „dies beliebte Paradestück des Philosemitismus", wie der Berliner socialistische „Vorwärts" in feiner Nummer ‘ vom 19. Juli v. I. spöttisch sagte, ist in kr, That das wahrste und stärkste Charakteristikum unseres Stammes. Wenn das „jüdische Herz" im Laufe der Jahrtausende Flecken bekommen hat, so sind diese nur Folgen des Exils, ähnlich wie die Rohheit der meisten Proletarier nur Wirkung der Ausbeuter-Tyrannei ist. „Die gähnende Kluft zwischen reichen und armen Juden", von der der „Vorwärts" in der erwähnten Nummer frohlockend spricht, hat sich erst nicht lange aufgethan. Sie ist die Folge der Assimilation, — aber nicht speciell jener verhältnismäßig gutartigen Assimilation, die sich darauf beschränkt, nachzuahmen, „wie er sich räuspert A und wie er spuckt", sondern jener traurigeren Assimilation an die materialistische und egoistische Denkweise^ der europäischen Gesellschaft. Eine Erlösung des jüdischen Volkes aus dem Golus würde diese Kluft wieder schließen. Ferne von verderbendem Beispiele würde Israel wieder zum Horte aller Ideen werden, welche die Freiheit und Glückseligkeit des . Menschengeschlechtes in ihren Fittigcn tragen, würden und müssten seine Söhne bälder als alle übrige Welt aufhören,! . sich in die zwei Lager der Ausbeuter und der Ausgebeuteten zu scheiden. Es ist kein praktisch nützliches, aber dennoch kein ganz unnützes Thun, sich dem Gedanken hinzugeben, was heute die Juden wären, wenn sie vor achtzehnhundert Jahren den Römern erfolgreich Widerstand geleistet hätten und ihnen die achtzehnhundert Jahre Weltwanderung erspart geblieben wären. Mag sein, dass sie dann einige große culturclle Erfahrungen weniger hätten, aber soviel ist sicher, über die Periode des ersten Mai wären sic längst hinaus, ohne auch nur einen ersten Mai eingesetzt zu haben. Ein Volk, dass vor dreieinhalb Jahrtausenden in sein Grundgesetz Nonnen aufnahm, die die wirtschaftliche Beglückung des ganzen Volkes bezweckten und zum Theile auch durchführten; ein Volk, dass in demselben Gesetze die Gleichheit aller Bürger des Staates ausspricht und merkbar Übergriffe von Fürsten und Adel verurtheilt; ein Volk, dass während seines ganzen staatlichen Lebens einen eigentlichen Pöbel nicht kannte und in derselben J Zeit die Profiten, jene lebendigen Gewissen der Könige und Priester, hervorbrachte; ein Volk, dessen Rabiener vor fast zwei Jahrtausenden im' Talmud Gedanken nicderlcgten, die in der heutigen Sociologie als modern gelten, ein Volk, dass von seinem „jüdischen Herzeu" getrieben, leider aber zugleich von arischer Brutalität und arischer Scheelsucht angesteckt, der'moderncn Sozialdemokratie ihre Schöpfer gab und noch heute die hervorragendsten Führer und thätigstcn Soldaten

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