Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 8 (17.4.1892)
- Date
- 1892-04-17
- Page
- Seite 76 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 76. Selbst-Emancipation Nr. 8. selben Ursprung zurückzuführen ist und denselben Charakter an sich trägt, als die seinerzeit so viel besprochene des Kischinewer Advocaten Rabbinoviez. Wir haben schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die überaus thätige Judenmissivn in richtiger Erkenntnis, dass das National-Judentum das aufstrebende, die Assimilation aber das abstrebende Princip darstellt, sich an das erstere anzuklammern versucht, um es für ihre Zwecke auszubeuten, wie sie dies ftüher mit der letzteren gethan hat. Der Erfolg wird aber wol der bisherige sein. Statt der gehofften Massenübertritte wird sich die eifrige Mission auch in Zukunft mit ganz vereinzelnden Ueberläufern begnügen müssen. Fanden sich früher einige Carriereritter und Culturnarren, .so werden sich jetzt einige Jndustrieritter und einige confuse Köpfe finden. Das ist der ganze Unterschied. Der klare und Helle Verstand, wie er Erbgut fast aller Juden ist, wird sich nicht einreden lassen, dass die „Verwerfung des Messias" die Ursache unseres Unglückes trägt, wird keine Sehnsucht nach den Mysterien und Dogmen des Christentums, die ihn völlig kalt lassen, empfinden. Ist der Jude einmal naüonal geworden, so weiß er, dass es keine andere jüdische Naüonalreligion gibt, als das alte und unverfälschte Judentum selbst: er weiß dann aber auch, dass die Taufe nur die Assimilation, nicht aber die nationale Erlösung begünstigen kann. MisceLlen. Das Siegel des Königs David (?) In Ramleh wurde ein Siegel aus schwarzem Stein gefunden, auf welchem phönizische Charaktere eingegraben sind. Dieselben sind nach einer vorläufigen Prüfung „ebhed hawajah David melekh“ („Diener Gottes David König") zu lesen. Der Stein wurde nach Europa geschickt, wo er den namhaftesten Gelehrten zur Begutachtung vorgelegt wird. Gin Darf, das ausschließlich von jüdischen Schmieden bewohnt wird, liegt in der Nähe von Tripolis. Das Dorf heißt. Amruz; vom frühen Morgen bis zum späten Abend hört man nichts Anderes als das Pochen der Hämmer, und wenn die Schmiede, zu denen auch der Rabbi des Dorfes gehört, ihr Tagewerk vollbracht haben, begeben sie sich in die große Synagoge, wo sie die Abendgebete verrichten. Die Greise, welche nicht mehr den Hammer schwingen können, machen sich dadurch nützlich, dass sie die Blasebälge tteten. Znm größten Theil sind die Schmiede auch Schwertfeger und liefern den Mauren und Arabern den Iatagan und Dolch, die für die Söhne der Wüste unerlässlich sind. Die Waffen, die von diesen hebräischen Waffenschmieden verferttgt werden, sind weit und breit berühmt und werden bis in die Niger- und Nilländer exporttrt. Der Sage nach soll das Dorf Amruz bald nach der Zerstörung des zweiten Tempels von den Juden begründet worden sein. Der Landsttich wurde ihnen von den Römern überlassen, die damals noch über Nord-Afrika herrschten. Melletristisches. ß!«e Mach-Iacht. Die Judenstadt in Prag hatte ihr Feiertagsgewand angelegt, nur noch wenige Stunden und das „Fest der Freiheit" begann, das schöne Peßachfest. Bald belebte sich die „Gaffe" mit Männern und Knaben, die in sabballichem Gewände in das Bethaus eilten, und bald erglänzten alle Fenster in festlicher Beleuchtung, um die frohe Kunde hinauszustrahlen in die finstere Nacht, dass der Herr die Ahnen aus Aegyptens Knechtschaft wunderbar erlöst, sie zur Freiheit geführt und zu seinem Volke sich erkoren. Ja, es liegt eine wunderbare Zauberkraft in diesen Festen des armen, geknechteten Volkes, die dasselbe hinweggehoben über den Jammer, das Weh der entarteten Zeit. Mag Israel auch noch so oft von seinen Feinden verfolgt und verfügt, zertteten und zermalmt werden, wenn eines der lieblichen Feste erscheint, dann schwindet jedes Weh. verstummt jede Klage, freudiger schlägt das Herz und in begeisterten Lobgesängen preist Jung und Alt den Gott der Väter. Auch zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt — wir stehen im Jahre 1389 — hatten die böhmischen und insbesondere, die Prager Juden eine blutige Verfolgung erfahren müssen, und doch umschlang heute, am Tage des Festes, alle Herzen die beglückendste Harmonie, und Jubet und Festgesang ertönte in allen Häusern. In der Familie des Rabbi Salomon vereinigte sich die allgemeine Festesfteude mit einer privaten, denn noch waren kaum drei Tage verflossen, seitdem der allverehrte Rabbi seine Tochter Lea mit dem jungen Aron, dem Sonne des ersten Mannes , der Gemeinde, verlobt hatte. Lea war die schönste und herrlichste Jungfrau des Ghetto's. Mit ihren körperlichen Vorzügen paarten sich in entzückender Harmonie die Gaben des Geistes und Gemütes. Vor zwei Jahren war ihre Mutter gestorben, und seitdem blieb sie die Stütze und der Stolz ihres greisen Vaters, des weitberühmten Rabbi Salomon. Als der „große Sabbat" sein Ende erreicht hatte, legte der Rabbi' segnend seine Hände ans das Haupt des theuren Kindes und verlobte es mit dem jungen und reichen Aron, den er wegen seines talmudischen Wissens hoch schätzte, und dem Lea schon seit ihrer Kindheit in heißer, keuscher Liebe zugethan war. Heiter und wonnig schwanden ihr die Stunden, und das ganze. Ghetto nahin Theil an ihrem Glücke. ... Der Gottesdienst war beendet und ein jeder kehrte heim, um inmitten seiner Familie den Seder abzuhalten. Als einer der Letzten verließ Rabbi Salomon die Synagoge und eilte nach Hause, wo er von seiner festlich geschmückten Tochter begrüßt wurde. Auch heilte Abend sttahlte Lea durch ihre Anmut und Schönheit und bewegte sich an der Seite ihres Aron, blühend wie eine Frühlingsrose, durch die zahlreiche Gesellschaft, welche der Rabbi geladen hatte. Bald setzte man sich an die festlich hergcrichtete Tafel. Die Mitte derselben nahm zwischen zwei sünfröhrigen fitbernen Leuchtern die Sederschüssel ein; vor jedem Platze stand ein Glas, dass der Rabbi selbst mit dem funkelnden Weine füllte. Nun erhoben sich alle und der Hausherr sprach tiefergreifenb das Kidduschgebet. Hierauf wusch er seine Hände, tauchte das „Grüne" in Salzwasser, that einen Segenssprnch und theilte die mittlere Mazzo in zwei Hälften. Als auch dies geschehen war, erhoben alle die Sederschüssel, und nunmehr begann der Rabbi seinen Gästen von dem jüdischen Volke und dessen Schicksalen zu erzählen. Mit tiefer Rührung lauschten alle den Worten des Rabbi, der die thränenreiche Vergangenheit Israels ihnen vor'Augen führte. Ein idyllischer Zauber breitete sich über das schmucklose Eemach, nichts störte den hehren Sabbatfrieden. Doch plötzlich schweigt des Rabbi beredter Mund. Ein dumpfes Geräusch dringt aus der sonst so stillen Gasse herauf. War es Täuschung? . . . Nein, näher und immer näher kam es, wie die Stimmen einer großen erregten Menge. Hatte sich ein Unglück in der Gasse zugettagen? Banger Zweifel sprach aus dem entsetzten Antlitz des Rabbis und seiner Gäste. Ohne die Weisung abzuwarten, stürmte Aron davon, um den Grund des ungewähnlichen Lärms, der von Sekunde zu Sekunde wuchs, xzu erfahr». Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder, bleich und zitternd, und in kurzen abgebrochenen Worten rang sich die entsetzliche Kunde von seinen bebenden Lippen, dass die Christen in das Ghetto eingedrungen wären. Am ^Vormittage fei ein achtjähriges Mädchen ver-