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Selbst-Emancipation · 1892-04-17 · Heft 8 (17.4.1892) · p. Seite 77

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 8 (17.4.1892)
Date
1892-04-17
Page
Seite 77 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8. Selbst-Emancipation Seite 77. schwunden, und ohne langezu suchen, habe der Pöbel die scheußliche Anklage erhoben, dass die Juden es flir das Osterfest geschlachtet haben. Die, aufgereizte Menge wolle die Gasse in Brand stecken und schreie nach Blut, nach rotem, warmen Judenblut. Ein Stöhnen entrang sich der Brust der Hörer. Aber es galt zu handeln, nicht zu klagen. Sofort erhob sich Rabbi Salomon, und ohne der Bitten seines Kindes zu achten, stürzte er in seinem weißen Gewände hinaus, um den Pöbel zu beruhigen. Vergebens! Kaum hatte er versucht, die ersten Worte an den lärmenden Haufen zu richten, als er, von einem schweren Kolbenschlage getroffen, bewusstlos zn Boden stürzte. — Aron und Lea waren auf des Vaters Geheiß in dem Zimmer zurückgeblieben; aber wie schwer war es ihnen, zn gehorchen! Musste sie nicht die Sorge um den greisen Vater, der sich hinausgewagt mit Gefahr seines Leben, schier verzehren? . . . Bange Minuten verstrichen ... In athemloser Spannung lauschten Lea und Aron, Aber das Toben der Menge wuchs, es kam näher und immer.näher: nicht mehr lange und der blutgierige Pöbel mußte vor dem Hause des Rabbi angelangt sein. Lea erkannte die Gefahr und mit tiefer, innerer Erregung kämpfend, sagte sie: „Nun denn, mein Aron, so will ich es versuchen, furchtlos unter die Menge zn treten und sie zum Rückzuge zu bewegen." „Nein, Du nicht. Du nicht, geliebte Lea," schrie Aron verzweifelt auf und hielt ihre Hände krampfhaft fest umschlungen. „Nur um Dich zu schützen folgte ich Deinem, Vater nicht, und jetzt willst Du, ein wehrloses Mädchen, Dich der Gefahr, ja vielleicht dem sicheren Tode preisgeben? Lea erfülle meine Bitte, bleibe, bis die Wut des Pöbels sich gelegt. Die Unschuld hat einen Vater im Himmel, er wird auch uns in, dieser Stunde nicht verlasseiz." , .. .... Lea wehrte sanft ab und mit milder Stimme erwiderte sie: „Hörtest Du heute Abend aus dem Munde meines Vaters von dem großen, unsagbare Weh, das uitsere Ahnen erlitten? Aron, auch in meinen Adern rollt jener Märtyrer Blut. Vielleicht kann ich Euch Rettung bringen, vielleicht bin ich vom Himmel dazu ausersehen, mit Aufopferung meines Lebens größeres Unheil von Euch abzuwenden. Lebe wol, mein Aron!" Sie preßte noch einen heißen Kuß auf die Lippen des Verlobten und war verschwunden. Aron war kraftlos in einen Sessel gesunken. Duinpse Betäubung hatte ihn erfasst. Er sah nicht, dass eine helle Feuerflamme Plötzlich das Zimmer erleuchtete — der wütende Pöbel hatte ein Judenhaus in Brand gesteckt —, er hörte nicht, wie das Brausen der Menge immer mehr anschwoll. Auch den Schrei vernahm er nicht, der plötzlich das Wutgeheul übertönte. Und doch hätte er Lea's Stimme erkennen "müssen... Draußen, im Ghetto war es still geworden, todtenstill. Ein armes Menschenherz hatte ausgeschlagen.- Drei Tage später begrub man sie, die schöne Lea, des Rabbi Tochter. Acht Tage später folgte ihr Aron. Aus seiner Betäubung erwacht, war er, als man ihm das Entsetzliche mitgetheilt, ohnmächtig zusammengebrochen. Er sollte aus seiner Bewusstlosigkeit nicht wieder erwachen; ein hitziges Fieber verzehrte seinen Leib, bis ihn der Tod mit seiner Lea vereinte, die er in wilden Fieberphantasien wieder und immer wieder in heißem Sehnen gemfen hatte. Und das verschwundene Christenmädchen? Wenige Tage später kehrte es lustig und guter Dinge „von einem Besuche bei Verwandten" zu ihren Eltern zurück. Der Vorfall machte Aufsehen. Auch König Wenzel hörte davon, aber was galt ihm ein „Judenmädchen", zumal wenn es todt war! ... Jeder Fremde, der heute nach Prag kommt, besucht den alten jüdischen Friedhof. Durch ein enges Pförtchen in der „Gasse" gelangt man in das „Haus des Lebens", wo der Staub von Tausenden, längst vereint mit der Erde, ruht. Ein heiliger Friede ist über dem „guten Ort" ausgebreitet und wehmütige Erinnerungen längst entschwundener Tage leben wieder vor uns auf. Rechts am lAngangc ragt ein namenloses Riesengrab hoch empor. Es ist das Grab von vielen Tausenden neugeborner Kinder und Millionen — heißer Mutterthränen. Noch mehr fesselt ihn ein versunkener Grabstein, auf dem eine weibliche Gestalt abgebildet ist, die in der Hand eine Rose trägt — das rührende Zeichen, dass hier der Staub einer Braut ruht. Auf dem Grabe liegen viele kleine Steincheu. Tieferschüttert fragst Du, wer die unglückliche Braut gewesen, die da unten den ewigen Schlaf schläft, und Dein Führer, der Synagogendiener, antwortet Dir: „Hier ruht die schöne Lea, die freudig ihr Leben hingab, als die Christen in das Ghetto stürmten und Judenblut, warmes, rotes Judenblut verlangen, denn die Juden sollten zum Osterfeste ein Christenmädchen geschlachtet haben. Zur dankbaren Erinnerung an ihre Heldenthat legt jeder Israelit, der den „guten Ort" betritt, ein Steinchen auf Ihr Grab." — „Jüd. Pr." Bon Zkachum. Singe dein Herrn ein neues Lied, Singe, Israel, das Lied von der Freiheit! Einst gab sie Dir Gott, seinem liebsten Rind, Drum preise im Sange die Freiheit! Gott nahm sie Dir wieder in seinem Zorn, Doch sein Zorn währet nicht immer. Nicht verlässt Dich auf ewig Dein Hort; Suche die Freiheit, so wirst Du sie finden! Wehe dem Volke, das die Freiheit nicht schätzt, Nach Gewinn allein ist sein Streben, Wehe, dem Volke, das die Freiheit nicht ehrt, Bettelt um die Gnade der Gönner! In seinem Herzen ist Mizraims Nacht L And der Nebel des nordischen winters;; ' Gott wendet von ihm sein Antlitz ab, Wie der Vater von missratenen Rindern. Schmähungen rufen ihm zu die Nationen: „Sehet die einzige faule Frucht, Am Baume der Menschheit geworden! Reißt sie vom Zweige! Fort von uns!" Heil dem Volke, das nach Freiheit sucht Mehr denn nach Gold- und Silberschätzen, eil dem Volke, das nach Freiheit ruft nd nicht buhlt um die Gunst der Fremden! Denn sein Herz ist rein wie das Licht, Wie ein Tag des Frühlingsmondes, Seine Seele ist aller Tugenden Sitz, Lieblingsstätte des allwaltenden Gottes. Ehre bezeugen ihm alle Völker, Sie sagen: „Sehet den kräftigen Stamm, Nicht beugen ihn Wind und Wetter, Die mächtige Leder im Völkerwald!;'

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