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Selbst-Emancipation · 1892-04-17 · Heft 8 (17.4.1892) · p. Seite 74

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 8 (17.4.1892)
Date
1892-04-17
Page
Seite 74 (sequence 8)
Language
German
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Seite 74. Sclbst-Emancipation Nr. 8. Anerkennung aus und versprach ihre ausgiebigste Unterstützung. Deutsches Deich. Derlin, 4. April 1892. Die Affaire Marx hatte seinerzeit hier viel Staub aufgewirbelt. Marx, ehemaliger Redacteur der liberalen „Vossischen Zeitung" war aus der Redaction dieses Blattes entlassen worden. Die „Freisinnige Zeitung" hatte diese Entlassung auf die Unfähigkeit des Schriftstellers Marx zurückgeführt, was diesen veranlasst hatte, gegen den Redacteur der „Freisinnigen Zeitung" wegen Ehrenbeleidigung zu klagen. Marx behauptete nämlich, er sei blos wegen seiner „Confession" — er ist nämlich Jude — entlassen worden. Die erste Instanz' hatte den Angeklagten frei gesprochen; dagegen verurtheilte die zweite Instanz, über Berufung des Klägers, den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 50 Mark. In der Motivirung des Urtheils hob der Gerichtshof hervor, dass er aus der Beweisaufnahme die Ueberzeugung gewonnen habe, dass die Entlassung des Klägers zum Theil auch auf dessen Confession zurückzuführen sei. Der besprochene Process ist ein interessanter Beittag zur Charakterisirung unserer „Freunde", welche ihre nahe leibliche und geistige Verwandtschaft init unseren Feinden nicht verleugnen Die Natur der arischen Judenfteundschaft erhellt auch aus folgenden „Sieben Thesen zur Judenfrage", welche ein Organ des Centtums, die „Kölnische Volkszeitung", das erst vor einigen Wochen den Antisemitismus energisch verurtheilte, veröffentlicht. Dieselben lauten: „1)Bei der notorischen Beteiligung des Judenttims an der Ausbeutung der wirtschaftlichen Schwäche und Not — an der Bekämpfung der katholisch-kirchlichen Interessen — an der Schwächung der religiös-sittlichen Grundlagen unseres Volkslebens — an der socialisttsch-revolutionären Bewegung — muß das Judentum als aggressiv angesehen werden. 2) Diese Aggression des Judentums erscheint bei der geringen Zahl, in welcher die Juden unter der christlichen Bevölkerung vorhanden sind, für diese christliche Bevölkerung in hohem Grade verletzend und herausfordernd. 3) Da bisher noch nichts Sicheres bekannt geworden ist. daß das Reform-Judentum bei obengenannten aggressiven Vorgehen vom übrigen Judentum in auftichtiger Weise zurückgehalten, gehemmt oder auch nur abgeschüttel worden sei, so besteht fiir die abwehrende katholische Presse keine zwingende Veranlassung, sich ausdrücklich nur gegen das Reform-Judentum zu wenden. 4). Die Abwehr bethättgt sich vorerst und hauptsächlichst darin: Das bei jedem Anlaß auf die unter 1 bezeichneten Besttebungen ausdrücklich und scharf tadelnd hingewiesen wird; daß alle moralisch uub gesetzlich nicht unzulässigen Attttel, um die christliche Bevölkerung vor der jüdischen Ausbeutung zu schützen, gesucht, organisirt und zur Anwendung unablässig empfohlen werden; dass die den Besttebungen des Judentums zu Grunde liegenden philosophischreligiösen Jrrtümer schonungslos und gründlich zurückgewiesen werden. 5) Die Abwehrthättgkeit der katholischen Presse darf nicht etwa nur nebensächlich und gelcgenheitlich erfolgen, sie muss vielmehr als eine wesentliche, methodisch geordnete, allen Zweigen der Redactton ebenbürttg eingefügte Arbeitsleistung beständig ersichtlich bleiben. i>> Eine derarttge Abwehrthättgkeit kann nicht als unchristlicher Rassenkampf bezeichnet werden; sie ist mit den theologisch feststehenden Forderungen der christlichen Liebe so vereinbar, als überhaupt alle Abwehrbesttebungen unter den Menschen mit jener Liebe in Einklang gebracht werden können und sollen. 7)' Mit dem, was man „Antt-Semitismus" nennt, haben jene Abwehrbemühungen höchstens materiell etwas gemein; eine formelle Betheiligung am Antt-Semieismus ist aus philosophisch-religiösen Erkenntnisgründen abzulehnen." England. London, den 9. April 1892. Letzten Sonntag sprach Rev. Isidor Myers in Nottingham in der Synagoge über „Palästina und die jüdischen Colonien" vor einen! äußerst zahlreich erschienenen Publikum. Nach Schluss der Vorlesung, welche über eine Stunde dauerte und mit größtein Beifalle ausgenommen wurde, schritt man zur Gründung einer Ortsgruppe der „Chovevei Zion Association", fwelcher sämmtliche Anwesende sofort beittaten. Chronik. Ans Deutschland. Die „Köln. Ztg." schreibt: Der Durchzug von russisch-jüdischen Auswanderern, die nach Südämerika sich begeben und im vorigen Jahre in jeder Woche nach vielen Hunderten zählten, hat jetzt vollständig aufgehört. Jeder aus Oesterreich von Oswiccim hier eintteffende Zug wird polizeilich nach Auswanderern durchsucht. Bekennen sie sich als jüdisch, so wird ihnen die Weiterfahrt nicht gestattet und sie werden nttt dem nächsten Zuge nach Oswiecim zurückbefördcrt. Das ttifft nun freilich die österreichischen Juden ungerechterweise, da bei ihnen nicht die Gründe vorliegcn, die den Ausschluss der russischen Inden herbeigeführt haben, dass nämlich ihr Hcimatsstaat sie unter keiner Bedingung znrücknimmt. wenn sie aus irgend einem, Grunde zurückgewiesen werden. Allein es erschien unmöglich, hier einen Unterschied zu machen, weil sich eben zwischen russischen und galizischen (österreichischen^ Juden fast keine Grenze für die Unterscheidung ziehen läßt. Selbst die Ausweispapiere würden den russischen Juden in beliebiger Zahl von Galizianern beschafft. Wenn man also die russischen ausschlicßen wollte, so war es geboten, auch die österreichischen mit unter das Durchzugsverbot zu stellen. Nichtjüdische Auswanderer dürfen weiter, wenn sie außer der Schiffskarte noch für jeden Kopf den Besitz von baaren 200 Gulden Nachweisen; andernfalls werden auch sie zurückbefördert. In Sachsen hat das Ministerium des Innern verordnet, dass beim Schlachten aller Thiere mit Ausnahme des Federviehs der Blutcntzichung stets die Betäubung vorausgehcn solle, womit das jüdische Schächten verboten erscheint. Dieses Verbot erfolgte auf Grund gutachtlicher Aeußerungen von Bezirksausschüssen und Stadträten, sowie des Landesculturratcs. Es ist kein Zweifel, dass sich die sächsische Judcnschast gegen diese neueste von den Antisemiten erfundene Form des Gewissenszwanges wehren wird. Iudenschichsal. Abgeordneter Steinwender, der bekannte „facultattve" Antisemit, hielt den Währinger Antiseiniten eine Vorlesung über den Antisemitismus, in welcher er nach den „Mittheilungen des deutschen Bezirksvereines in Währing" sagte: „Das Judentuni ist eine dem Deutschen fremde Art. Es ist eine andere Art; ob sie gut oder schlecht ist, ist zwar nicht gleichgiltig, ist aber nicht die Hauptsache, und es ttifft nicht den Kern der Frage, wenn man sich auf einzelne Auswüchse bezieht. Aus diesen! natürlichen Gegensätze zwischen Nattonalismus und Semittsmus folgt aber für die politische Praxis noch nicht viel. In Wien, wo ein massenhafter Zuzug von Juden ist, ist die energische Betonung des Antisemitismus die natürliche Reactton. In Mähren aber zum Beispiel muss dieFrage, mit Rücksicht auf zahlreiche gefährdete deutsche Gemeinden, schonend behandelt werden, und in einzelnen Gegenden unserer Alpenländer ist ein radicaler Antisemitismus deshalb nicht angebracht, weil die Bevölkerung dort vielleicht nur sehr wenige oder gar keine Juden gesehen hat. Es gibt Orte, wo man den Juden nur als den Mann kennt, der die Waren zusammenkauft, die kein Anderer kauft. Das Vorgehen einer Partei, die sich, wie die deutsche Nationalpartei, auf eine

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