Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 8 (17.4.1892)
- Date
- 1892-04-17
- Page
- Seite 73 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Selbst-Emancipation August von Frankreich schrieb, dass die Juden sich nicht entblöden, in den christlichen Ländern, Ivelche ihnen Gastfreundschaft gewähren, sogar, wo cs ungestraft geheim möglich ist, Menschen zu schlachten; da ferner noch jüngst der vaticanische „Offcrvatore Cattolico" in Rom den bedeutungsvollen Satz schrieb, dass der katholischen Kirche in erster Linie das Verdienst zukommt, den hebräischen Blutritus criminalistisch enthüllt zu haben; da weiter der durch Gregor XV. zum Bibliothekar der Propaganda bestellte Ex-Rabbiner Ritter v. Drach in einem Werke „Harmonie entre l’Eglise et la Sinagngue ancienne" (Paris, 1844, Seite 167) bekennt, dass nach rabbinischcm Grundsätze das Leben und umsomehr das Eigentuni der Nichtjuden zur Disposition der Inden stehe, so erscheint es als eine schwere Beleidigung der Intelligenz und Ehrlichkeit der christlichen Bevölkerung, dass ihre Abgeordneten und Vertreter als Ignoranten, Fanatiker, Märchenerzähler und dergl. behandelt werden, wenn und so oft die Rede aus dieses Thema kommt. Nachdem die Inden den Talmud als ihr h-iligstes Religionswerk betrachten und erklären, und selbst der vom Juden Wessely, weiland Professor der Rechte in Prag, mit Slpprobirung des Cultusministeriums herausgegebcne „Leitfaden für den Unterricht der österreichischen Juden" ausdrücklich erklärt, dass die Bücher des alten Testamentes in der von Wessely freilich nicht spccificirten Auffassung des Talmud die Religion der Jndenheit seien, so ist es zweifellos wichtig, zu constatieren, ob nicht der Talmud selbst eine Bestätigung des Blutrituals enthält. Lange, nur zu lange, lvaren die christlichen Orientalisten, wol durch das Gerede der Juden vom Nachsuchcn zurückgchaltcn, der Meinung, dass sich im Talmud selbst keinerlei Stellen dieser Art vorfinden. Wenn andere rabbinische Schriften, die im Geiste des Talmud abgefasst sind, citirt wurden, so hieß cs immer, man habe da nicht den Talmud selbst, sondern Meinungsäußerungen einzelner Personen Wenn geschichtlich erwiesene Ritualnwrde, deren Opfer von der katholischen Kirche als Glanbensmärchrer heilig gesprochen worden sind, zur Sprache kamen, so hieß cs, dass es sich nur um Einzclsacten im Judcntumc handle, dass aber die Jndenheit hierfür nicht in Anklage gesetzt werden dürfe, weil der Talmud, das Großorakcl, der Koran des Judentums, nicht einen Schatten einer derartigen Andeutung enthalte. Um nun endlich im Hellem Lichte der Aufklärung des 19. Jahrhunderts dem Dunkclmännertume, dem Vcrsteckenspielen des Rabbinismus ■ ein Ende zu bereiten, ist kürzlich in Leipzig ein Flugblatt herausgegeben worden, welches nachweist, dass im Talmud selbst der Blutritns vollauf bestätigt-wird.» . _ Die denkwürdige Stelle ist in der Venediger-Ausgabe des babylonischen Talmud und in der Amsterdamer Ausgabe desselben, Tractact Kcthuboth, Folio 102, zweite Blattseite, in den untersten -Zeilen, zn finden und lautet nach der Amsterdamer Ausgabe zu deutsch: „Wenn Einer stirbt und hinterlässt einen unmündigen Sohn für dessen Mutter und es sagen die Erben des Vaters (die Brüder desselben), er werde groß (wachse auf) bei uns; aber die Mutter jagt: Es werde groß mein Sohn bei mir; so lässt man ihn bei seiner Mutter und nicht lässt man ihn bei den zu seiner Beerbung Befähigten; es ist der Fall, dass sie ihn schlachten würden am Vorabend des Osterfestes." In Erlvägung der obenangefnhrten Gründe und beunruhigt durch die wiederholt auftretenden Morde, welche noch in unseren letzten Jahren von der Bevölkerung den Juden zugelegt werden, stellen die Gefertigten den Antrag, die Regierung aufzufordern, dass sie die Orientalisten der Wiener Universität und der ganzen österreichischen Monarchie zur Begutachtung der vorstehend angeführten Talmudstelle obligire. Schneider, Lueger, Fürnkranz, Schnabl, Math, Bergani, Troll, Haydn, Jax, Kupka, Garnhaft, Schreiber, Loquay, Anton Baumann, Josef Baumanu, Gregorig. Scngstbradl, Mayer, Riegler, Oberndorfer, Thoma, Hauck, Scheichcr, Dötz, Pilz. Wir entwürdigen uns nicht soweit, solche gegen unser Volkstum von Angehörigen einer gewiss gewaltthätigeren und herzensroheren Rasse erhobenen, verlogenen und auf Fälschungen und Entstellungen beruhenden Beschuldigungen zu beantworten.*) Wir thun es auch schon deshalb nicht, weil wir von der Unüberzeugbarkeit unserer Feinde überzeugt sind. *) Lediglich zur Aufklärung derjenigen unserer Leser, welche nicht den Talmud verstehen, nicht aber,' um mit Unmenschen zu polemisiren, bringen wir im Nachstehenden die richtige Uebersetzung der ftaglichen Stelle: „Wenn Jemand gestorben ist und einen unmündigen Sohn für dessen Mutter hinterlassen hat, und es sagen die Erben des Vaters, er werde bei uns exogen, und die Mutter sagt, mein Sohn werde bei mir erzogen, — so soll man (das Gericht nemlich) ihn lassen bei seiner Mutter, nicht aber bei denjenigen, die ihn zu beerben berufen sind. Denn es ist thatsächlich vorgekommcn, dass sie ihn umbrachten am ersten Abende (nemlich, wo er bei ihnen war). — Zu bemerken ist, daß es sich um einen jüdischen Knaben handelt, dass schochat nicht blos schlachten, sondern überhaupt „ermorden" bedeutet, und dass es an der betreffenden Stelle erew hapessacli“, während der Vorabend des Poßachfestes „erew pessach“ Wenn 25, meistens gebildete, Leute so etwas, wie das Obenstehende unterschreiben, wie sieht's erst im Volke aus? Käme doch die Zeit, wo sich das jüdische Volk, ferne von solchen schurkischen Anklagen, frei und unbehindert entwickeln könnte. Unsere Juden haben aber natürlich Notwendigeres zn thun. als dieses Ziel, die wahre Freiheit, anzustreben. Sie vergeuden lieber ihre Zeit in nutzlosen Scharmützeln mit den Antisemiten. So weiß die „Wiener Sonn- und Montags- Zeitung", welche man mit vollem Fug und Recht kein allgemeines, sondern ein specifisch jüdisches, d. h. für vermeintliche jüdische Interessen eintretendes Organ nennen kann, fast eine volle Seite ihres großen Formats mit nichts Besserem zu bedrucken, als mit einem Briese, welchen Professor Rohling an den Landtagsabgeordneten P. Scheicher — zu richten sich gewiss nicht schämen sollte. In diesem Briefe ist dessen jüdischer Verfasser so herablassend, den Rohlilrg seine Sünden gegen die Juden bereuen p lassen. Wenn man demselben Blatte zumuten wollte, wenigstens einmal ein ganz unscheinbares, höchst objectives Nachrichtlein über die zionistische Bewegung zu bringen, Raummangel wäre dann gewiss im höchsten Grade vorhanden. Synipathischer als dieser ewige Windmühlenkampf der Inden mit dem Antiseinitismns ist es, wenn sich einzelne freisinnige Nichtjuden in diesen Kampf einlassen, wobei aber die Sympathie nur auf jene Wenigen zu beschränken ist, die es ernst meinen, nicht aber der große Tross der Judenfreunde aus Privatinteresse. Wir nehmen gerne an, dass der Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", wenigstens in seinen leitenden Kreisen, und das ihm nahestehende neugegründete Organ „Freies Blatt" nicht zur letzteren Kategorie gehören. Nichtsdestoweniger halten wir ihre Thätigkeit blos für eine gutgemeinte, nie aber für eine wirklich zweckdienliche und ersprießliche. Die „Männer der Abwehr" haben dieselbe verfehlte Auffassung vom Antisemitismus, wie die jüdischen Antisemitenbekämpfer. „Der Wiener Antisemitismus" betitelt sich ein Artikel, welchen der mit Recht beliebte Volksmann, Dr. Ferdinand Kronawetter, in der ersten Nummer des „Freien Blattes" veröffentlicht. Der Titel deutet bereits den Irrtum des Verfassers an. Als ob es einen „Wiener Antisemitismus" in dein Sinne geben würde, dass man demselben auf eigene Weise beikommen könnte. Als ob der Antisemitismus etwas Anderes wäre, als die moderne und nach den verschiedenen Oertlichkeiten ihres Auftretens nuancirte Spielart des alten Judenhasses. Gegen diesen hilft alle Demokratie und sogar Socialdemokratie nichts. Wer unter den Nichtjuden dadurch eine Ausnahme bildet, dass er diesen Aussatz der Geschichte verabscheut, der helfe den Zionisten bei ihrem Vorhaben, denselben gründlich wegzubrennen. Damit wird auch für den endlichen Sieg gleichheitlicher Ideen mehr gethan sein, als mit noch so vielen Artikeln gegen die antisemitischen Lügen und Uebertreibungen. Wien, 11. April 18!)2. Gestern fand hier wieder ein „literarischer Nachmittag" des jüdischen Mädchenvereines „Moria" statt, welcher sehr animirt verlief und sich seinen Vorgängern würdig anreihte. Herr Trd. Phil. Julius Werner hielt über Einladung des Vereinsvorstandes einen höchst interessanten Vortrag über „das Verhältnis Börne's zum Judentum". Frl. Evelinc Horowitz sprach über „Daniel Deronda" von G. Elliot, Frl. Natalie Pollak über „die Geschichte der Juden in Wien". Frl. Jda Werner declamirte mit gewohnter Verve ein Gedicht jüdischen Inhaltes. Sämmtliche Vortragenden wurden für ihre Mühe mit reichlichem Beifall belohnt. Zum Schlüsse sprach die als Gast anwesende Jnstitutsvorsteherin Frl. Thilo den Vereinsmitgliedern ihre heißt. In alten Talmudmanuscripten heißt es blos „er. h " was „erew harischon“ (erster Abend) bedeutet, wofür ein dummer oder böswilliger Setzer „erew hapessach“ gesetzt hat. Neuere Ausgaben enthalten den Fehler nicht mehr.