Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 8 (17.4.1892)
- Date
- 1892-04-17
- Page
- Seite 71 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Sclbst-Emcmcipation Seit den 80er Jahren verschlechterte sich immer mehr und mehr die materielle Lage des Juden in Russland, und nachdeni die Calamität bei einem gewissen Theile derselben ihren Höhepunkt erreicht hatte, erblickten sie in Nordamerika den rettenden Anker. Die Masse begann dahin zu strömen. Nach vielen 'unsäglichen Mühen und Entbehrungen brachten es dort einige Wenige soweit, sich das Notwendigste zu verdienen. Das lockte schon viele zur Nachahmung. Plötzlich kam die Nachricht von der drüben gegen die ausgewanderten Juden herrschenden Aufregung, veranlasst durch überflüssige Arbeitskräfte und in Folge dessen Herabsetzung des Arbeitslohnes. Ein Ausdruck dieser Aufregung war die iin Vorjahre erfolgte Schließung der amerikanischen Häsen für neu ankommende arme russische Juden. Der schwache Hoffnungsstrahl in den Herzen der Menge erlosch. Nachdem sich die Gemüther einigermaßen erholt hatten, fing man wieder über die eckle Gegenwart zu denken an. Es entstand die Idee der Auswanderung in das Land unserer Ahnen, nach Palästina. Einige intelligente junge Leute, beseelt von der Größe und Heiligkeit dieser Idee, wunderten als die Ersten dahin. Nur ihre Begeisterung ermutigte sie, allen Schwierigkeiten, welchen sie dort begegneten, zu trotzen. Nur der Glaube an ihre Sache erhielt sie bei Energie und ließ sie Anklang und Unterstiitzung bei den Glaubensgenossen finden; die Geschichte der Juden wird dieser Pionniere nicht vergessen, welche die traditionelle Liebe zur Heimat unserer Ahnen, die als Funke in einem versteckten Winkel unseres Volksherzens gelimmt hat, zu einer ungeheueren Flamme anfachten. So litzte ein neuer Strahl von Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf und beleuchtete eine ganze Flut von Unglücklichen, welche aus verschiedenen Gegenden nach Palästina zogen, angelvckt von den glücklichen Erfolgen der ersten Pionniere, getrieben durch den angeborenen Drang nach dem gelobten Lande, ermutigt durch die -Erzählungen der Bibel, 'dass der Boden Kanaans von Milch und Honig überfließe. Der Eindruck dieser Begeisterung war noch nicht vorübergegangen, als sich bereits drohende Wolken am Palästina- Horizonte zeigten und das Verbot der Ansiedelung der Juden in Palästina erfolgte. Hiedurch sind die Hoffnungen der unglücklichen Masse ivieder umdüstert worden. Inzwischen hat sich auch die materielle Lage der Juden in Russland durch stets neue Beschränkungen von Tag zu Tag verschlimmert. Da liess das Schicksal in diesem Dunkel die leuchtende Persönlichkeit des großen Philanthropen Baron Hirsch erscheinen, welcher die Blicke der Masse auf Argentinien richtete und neue Hoffnungen in ihr weckte. Die argentinische Republik,, die bis jetzt kaum irgend Einen von der Intelligenz interessirt hatte, ist zum Gegenstand des Gespräches der Masse geworden. Verschiedene Fabeln, Uebertreibungen und Zeitungsenten über die Pläne des Baron Hirsch entflammte die Volksphantasie. Es gab kaum eine einzige elende Hütte, deren arme hungrige und frierende Einwohner nicht am Abende eines jeden arbeitslosen Tages von besseren Zeiten in diesem Lande geträmt hätten. Nur die Hoffnung auf den nahenden Frühling, wo die Aussicht auf Uebersiedelung nach Argentinien winkte, wo man auf ehrlichem Wege ein Stückchen Brod verdienen könnte, erwärmte die erkälteten Körper und erhielt die Energie und das Leben der Masse. Der Winter ist vorüber, die Sonne beginnt öftere und freundlichere Blicke in die elenden Hütten zu werfen. „Nun ist, Gott sei Dank, nicht viel mehr zu dulden geblieben", denktdie Masse. Doch ihr hoffet vergebens, arme Leute. Wartet nur, gedeuldet euch noch und schließlich wird man von euch nur einige Gewählte für die Colonisation Brauchbare auswählen und die übrigen werden in derselben traurigen Lage bleiben. So raten euch eure Wortführer! .... Welche Ironie! Verlassen denn diese Unglücklichen ihre Wohnplätze und streben nach dem unbekannten Lande — aus gekränktem Ehrgefühl oder Ideen wegen? Es ist schwer, sehr schwer, von den irdische» Ueberresten der Aeltern zu scheiden. Alles zu vergessen, was uns so teuer war in der glücklichen Kindheit, in der blühenden Jugend, und sich der neuen ungewissen Zukunft anzuvertranen! Ein Stückchen ehrlich verdienten Brods sucht die Masse. Kann denn in dieser Beziehung, eine Ueberredung wirken? Durch Reden känneu wir einen Einfluss üben auf den Sinn, auf das Gefühl, aber keineswegs auf den hungernden Magen! Das Ehrgefühl und das Selbstbewusstsein hat unser unglückliches Volk leider schon lange verloren, in dem ewigen Kampfe für das beklagenswerte Dasein! Warum dachten nicht die Juden in Polen an eins Uebersiedelung, als zur Belustigung Manches arroganten „sinn" zwei Juden an den Bärten zusammengeb nnden wurden, nachdem man ihnen eine gehörige Dosis eines Brechinittel gegeben hatte.-Ja, da dachten sie nicht das Land zn verlassen. weil sie wußten, dass sie bei diesen wilden Herren ein Stückchen Brod verdienen könnte, um den Magen abermals voll zu füllen!*i Ich behalte mir vor, nächstens die Lage der eingeborenen russischen Juden zu besprechen. Was sollen aber die einigen tausend Familien ausländischer Juden in Odessa thun, die nicht nach ihrem eigenen Wunsche, sondern auf dringenden Befehl der Regierung ihren langjährigen Wohnsitz verlassen müssen, indeni sie aus dem Lande gewiesen werden. Sie haben vor Jahren ihre respeetiven Geburtsländer verlassen, weil sie dort weder Arbeit noch Beschäftigung fanden, jetzt müssen sie dahin zurückkehren, um abermals ohne Arbeit und Brod zn verbleiben. Die moralische Schuld au alldem trägt die russischjüdische Intelligenz, da sie bei den Zusamnienkünften der westlichen jüdischen Comites keine Vertreter hatte, welche dieselbe mit der wahren jetzigen Lage der Juden in Rußland bekannt hätte machen sollen. Da die Wolthütigkeit bei solchen Mengen nicht mehr Fortschritte machen kann, müssen die Comitös nicht nur für die ideelle Colonisation sorgen, sondern vor Allem solche Bureaux stiften, deren Zweck es sein soll, Arbeit fiir die armen ankommenden Juden zu finden, sei es in Nordamerika oder Argentinien, wo nach allen Nachrichten ein großer Mangel an Arbeitskräften herrscht. Odessa. G. H. Die Landwirtschaft Palästinas. Aus Willy Bambus' Brochure „Palästina in der Gegenwart". Die landwirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina liegen im allgemeinen sehr im Argen, das Land ist zwar größtcntheils sehr fruchtbar, aber die Bevölkerung viel zu dünn, als dass sie den ganzen Ackerboden ausnützen könnte. ''Auch ist der Fellache fast immer zu faul, um mehr zu bauen, als er selber braucht, um so mehr, da das Land bis vor Kurzem Mangel an Fahrstraßen litt. Hierin schafft man jetzt Abhilfe, die vorhandenen Straßeil werdeil allsgebaut, neue angelegt und eine Eisenbahn von Jasa nach Jerusalem ist im Bau, die erste Hälfte sogar schon fertig. Und doch werden trotz des primitiven Ackerbaues, der mangelnden Commnnication nild des verhältnismäßig hohen Proccntsatzcs der städtischen Bevölkerung noch die verschiedensten Ackerbanproducte ex- Der Boden der großen Ebenen, dann die Berge von Galilaca und Samaria bis zu den Gipfeln hinallf, der größte Theil des Jvrdanthales und des Ostjordanlandcs und selbst ein Theil des Gebirges Juda ist für den Weizenbau sehr geeignet und liefert, wo er rationell gebaut wird, glänzende *Nm so notwendiger ist cs, für diese unglückliche, sittlich corrunf pircnde Existenz ein Radikalmittel zu suchen, das man freilich wieder andererseits nicht init den momentanen Hilfswerken verwechseln darf. Die Redaction-