Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 8 (17.4.1892)
- Date
- 1892-04-17
- Page
- Seite 70 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 70. Sclbst-Emancipation Nr. 8. werden, vom rein menschlichen Standpiuckt eintritt, ähnlich wie dies Thierschutzvereine, für die Thiere thun. Die „Deutsche Zeitung" entstellt geflieffentlich von jüdischer Seite gegen den Antisemitismus unternommene Schritte. Man lese nur ihre Besprechung der von Professor Zucker und Dr. Bloch im Rcichsratc anlässlich der Beratung über das „Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgcnoffcuschaft", gehaltenen Reden. Der „Deutsche Schulvcrein", der einen bedeutenden Proccntsatz jüdischer Mitglieder, und zwar dort hat, wo durch sie die Existenz der Ortsgruppen gesichert wird, da die Juden daselbst die cnragirtestcn Anhänger des deutschen Schulvereines und der deutschen Sache sind, antwortet durch seinen Obmann, den Herrn Dr. Wcitlof auf einen, von den Antisemiten gemachten Borwurf, dass der deutsche Schulvcrein eigentlich ein „daitscher" Schulvcrein, d. h. ein jüdischer Verein sei und demnach „vernünftigerweise" nicht verlangen könne, vom niedcröstcrreichischen Landtage subventionirt zu werden, folgendermaßen: „Die vom deutschen Schulvcrein erhaltenen Schulen werden nur von wenig, jüdischen Schülern besucht. Es ist eine Berläumdung, wenn behauptet wird, dass der deutsche Schulvcrein-jüdische Lehrer anstellt. Anden Bereinsschulcn wirkt nicht ein einziger Jude". Das ist doch eine schöne Antwort und vom — antisemitischen Standpunkte dagegen nichts cinzuwcndcn. „Ich habe" — hätte der Herr Dr. Wcitlof noch hinzufügen können, um die Antwort vollkommener zu machen — „sohin bewiesen, dass der deutsche Schulvcrein durchaus nichts Semitisches an sich hat, im Gcgcntheil antisemitisch angehaucht ist — denn vom Juden Geld nehmen ist doch auch antisemitische Moral — ergo steht einer Subvention nichts im Wege". Der Oberrabbincr von Wien, Herr Dr. Güdemann behauptet, dass der Antisemitismus sein Wachsen und seinen Einstuss der „v. d. L." verdankt. Die Erfahrung lehrt, dass beugten Leidcnsmut, den ununterdrückbarcn Widcrständsgeist gegen alle Schicksalsschläge bemerken. Bloss Schriftsteller solcher Art vermögen aus jeder Kopf- und Handbewegung, aus jedem Worte eines jeden Bewohners der „Gasse" zu erkennen, was sein Herz bewegt, sein Hirn treibt. In seinen Witzen erkennen sie seine Bitterkeit, seine Hartnäckigkeit, seinen felsenfesten Willen. Nur sic wissen auch die verschämte, furchtsame und verborgene Armut zu finden, welche sich scharf von der lauten, lärmenden, fordernden, protcstirendcn Arnmt der anderen Völker abhebt. Aber solche Darsteller der „Gasse" kennen auch alle moralischen Wunden derselben, und seien sie auch noch jo_ verdeckt und verhüllt. Sie sehen den Aussatz, wo andere gesundes Fleisch wähnen; sic geben sich keine Mühe, den Betrug zu verschweigen und die Gewalt und den Druck, die das Mäntelchen von Wolthätigkcit und Güte umlegen, zu entlarven. Solcher eben geschilderter Erzähler und Dichter der „Gasse" gibt es eine nur sehr geringe Anzahl in hebräischer Sprache, etwas mehr dagegen in jüdisch-deutscher Mundart, der Umgangssprache der Mehrheit der russischen Juden, diesem Symbol der „Gasse" mit ihrem düsteren, ärmlichen und widerwärtigen Aussehen, worunter der Funke eines höheren Geistes sich birgt. Jeden einzelnen dieser Schriftsteller, die man mit Fug und Recht den Leuchten der europäischen Literaturen anreihen kann, will ich nun den geehrten Lesern vorführen und sic so mit wahren Gestalten aus der russischen Judengasse bekannt machen. Rüben Brainin. ' (Fortsetzung folgt.) die „v. d. L." dem Antisemitismus durch ihr eigentümliches Vorgehen, dadurch Vorschub leistet, dass sie glaubt als alleinig privilegirte liberale Partei genügend gcthan zu haben, wenn sic ihr Privilegium nicht „erlöschen" lassen will, dass sie dagegen unterlässt, den Liberalismus in gedeihlicher Weise zu pflegen und als ernst zu nehmende liberale Partei energisch aufzutreten. So verhalten sich die Deutschen den Juden gegenüber. Ich führe/noch den Ausspruch des R.-Abg. Dr. Bloch an, den er im Abgeordnetenhaus gcthan hat: „Wir haben für das Deutschtum gekämpft in allen Ländern Europas. In Frankreich reden die Juden deutsch, in Italien reden sie deutsch, in Schweden und Norwegen sucht man jüdische Prediger, sie müssen deutsch reden, für Brasilien sucht man einen Rabbiner, er muss deutsch reden, in Nordamerika, selbst in Polen*), wo wir gastfreundlich ausgenommen wurden, wo die Könige und Fürsten uns Wolthaten erwiesen haben, hörten wir nicht auf, an-der deutschen Sprache festzuhalten. Wir waren Märtyrer der deutschen Sprache, wir haben den Hass und das Misstrauen, den gerechten Hass und das gerechte Misstrauen der Nationalitäten auf uns geladen. Wir Juden waren die Märtyrer für das Deutschtum. Wie wurde unsere treue nationale Gefolgschaft belohnt? Wir erwachten eines Tages und eine neue Partei war entstanden mit einer neuen Heilslchre. Wie alle großen Ideen, hatte auch diese den Vorzug, kurz und klar zu sein, eine einzige, aber gedoppelte Silbe umfasst ihren gcsammten Inhalt:. Hepp, Hepp! — Hepp, Hepp! ist der reinste Ausfluss des nationalen Gedankens, Hepp, Hepp! ist ureigen deutsch, weder ins tschechische noch ins Polnische kann es übersetzt werden"**). Die Juden dürfen, sich nicht für die deutsche Nation ereifern, sie dürfen nicht glauben, dass. ihr Wirken für die deutsche Sache ihnen die Zugehörigkeit zur deutschen Nation documentirt,. die Juden dürfen überhaupt ihre Reserve nicht verlassen, um extremnationalc Bestrebungen zu unterstützen. Es gibt genügend Anknüpstmgspunkte füi> die Juden mit ihren deutschen, tschechischen re. Mitbürgern,^ welche ihnen eine geachtete Stellung verbürgen, ohne dass sie es nötig haben, diese oder jene Nation zu beleidigen. Der Jude hat stets, auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Gemeinnützigkeit, der Wolthätigkcit, ein weites Feld offen, wenn ihn Intelligenz, ein gutes Herz und sonstige edle Eigenschaften befähigen, das Niveau des Dutzendmenschen zu verlassen. Der befähigte Jude möge seine Kräfte der jüdischen Nation widmen und mithelfen, das discreditirte Judentum wieder in die ihm gebührende achtunggebietende Stellung zu bringen, dann wird er sich mit Stolz als Jude geriren können, dann wird er als Jude mehr geachtet werden, als in der Maske einer an-, deren Nationalität. Gustav Seidenmann. Zur russischen Iudenfrage***). Tiefe, schwere Betrübnis empfand ich beim Durchlesen der letzten Nummern der russisch-jüdischen Zeitung „Woschod". Auf der ersten Seite der Nr. 9 beginnend und mit dem letzten Satze der Dir. 10 schließend fand ich folgende zwei Gegensätze: Einerseits die dringende Bitte an die russisch-jüdische Intelligenz, die Masse nach Kräften von der Auswanderung znrückzuhalten; andererseits dieaufregendstenNachrichten darüber/ wie das Gros die Emigration wolle und fast ganze Städte sich aufmachen, um sich jenseits des Oceans den Unterhalt zu suchen. *) Er hätte auch zufügen können: und Böhmen. **) Das wollen wir freilich stark bezweifeln. Siche übrigens einen ähnlichen Ausspruch des Dr Byk. Die Rcdaction. ***) Wir stehen nicht für sämmtliche Ausführungen dieses Artikels ein. Die Redaction.