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Selbst-Emancipation · 1892-04-17 · Heft 8 (17.4.1892) · p. Seite 69

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 8 (17.4.1892)
Date
1892-04-17
Page
Seite 69 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8. Selbst-Emancipation Seite 6!». eine solche alberne Absicht bereits zugeinutet — dagegen ist es unsere Pflicht, weltliche Feiern zu veranstalten, welche dem jüdischen Volke jene großen Ereignisse seiner Geschichte, die der Cultns weniger oder gar nicht berücksichtigt, mit Lebendigkeit und Lebhaftigkeit vor die Augen rücken; damit wird der Religion keine Concurrenz gemacht, und es denkt auch Niemand daran, am allerwenigsten der national gesinnte Jude, der sich seiner Dankesschuld an die jüdische Religion bewusst ist. Solche geschichtliche Feiern, die natürlich nie auf die Stufe der „nationalen" Feste der anderen Nationen herabsinken dürfen, vielmehr stets von dem sittlichen Ernste erfüllt sein müssen, der im Charakter unseres Volkes liegt, sollten an keinem Tage des Jahres unterbleiben, der zur Frage unserer nationalen Freiheit in erfreulicher oder trauriger Beziehung steht. Es müssen dies wahrhaft geschichtliche Feiern sein, weltliche Sederabende, an denen ebenfalls Hagadas, d. h. historische Referate über die betreffenden Ereignisse vorgetragen werden. Diese Vorträge seien die Hauptsache, die feierliche Veranstaltung nur das Mittel zur Erzielung gespannterer Aufmerksamkeit, größerer Eindringlichkeit, gewaltigerer Wirkung. . Gelehrte Vorlesungen ohne dieses Mittel wecken das Herz der Masse nichts dieses aber muss geweckt und wach erhalten werden, — das ist die große Aufgabe des nationalen Judentums. Wir müssen einmal über den tobten Punkt des Jndifferentismus hinauskommen, — das ist die Voraussetzung für ein Umsichgreifen der Zionsliebe und des Zionsstrebens. Einer der geeignetsten Wege jedoch, um zu dieser Voraussetzung zu gelangen, und dem Volke wieder Respect vor sich selbst, die Achtung seiner einstigen Größe und den leisen Wunsch nach neuer Herrlichkeit einzuflößen, sind, wie wir eben ausführten, festliche Veranstaltungen ernsten und belehrenden Charakters an den großen historischen Denktagen unseres Stammes. i>. rayons" verstehen, dieses Leben, gemischt aus materiellem Elend und geistigem Reichtum, äußerer Hässlichkeit, und innerer Schönheit, Finsternis und Licht. Die Einen überhäuften die „Gasse" mit den schimpflichstenVerläumdungen, malten sic in den allerschwärzesten Farben, ließen ihre Einwohner wie Höllengeistcr und wie Drachen erscheinen, gegen welche keine Beschwörungsformeln gefunden sind. Nicht einen schwachen Lichtschimmer fanden sie in der „Gasse", nicht eine einzige Rose unter so vielen Dornen. Ueber Alles breiteten sie eine gleichmäßige Hülle von Schmutz und Abscheulichkeit. Dagegen sind ihnen alle materiellen und seelischen Leiden, alle Ehrcnkränkungen und Rechtsverletzungen, alle Verhöhnung der Menschenwürde, aller Raub an Luft und Licht, all' der entsetzliche Existenzkampf, alle Abhängigkeit des Schicksals von Myriaden Menschen von dem Federstriche eines besoffenen oder niederträchtigen Beauitcn — nicht einer einzigen leisen Klage werth. Diese Erzähler nehmen im engen „Ansiedlungsrayon" nicht den Starrkrampf, nicht die Agonie eines Volkes, nicht die Klage der Gefangenen, nicht die Flucht der Ueberwältigten wahr; sic sehen bloss die langen Schläfenlocken, sie hören bloss das'Geklimper der Bettelkreuzer, sie riechen bloss den Unrath und wissen bloss vom Wucher. Mit ihrer ungeschlachten Feder zerreiben sie jede liebliche Blüte und machen sie jeden Wollaut verstummen. Ihr Gegen- und Seitenstück aber sind jene Erzähler, welche den Schmutz vergolden, Sümpfe für klare fischreiche Teiche, Gestank für paradiesischen Wolgeruch, ägyptische Finsternis für die Helle der ersten sieben Schöpfungstage ausgeben, liebevoll alle Auswüchse und Widerwärtigkeiten verhüllen. Weder diese noch jene zeigen uns die „Gasse" in ihrer wahren Gestalt und Farbe, wie sie leibt und lebt, mit ihren Vorzügen und Mängeln, ihrem Licht und Schatten, ihren Engeln nnd Teufeln. Die Derrtj'chrn in Oesterreich und die Inden. Das Verhältnis, in welchem die Deutschen zu den Juden — speciell in Oesterreich — stehen, ist so interessant, dass man dasselbe einer kritischen Beleuchtung unterziehen kann, ohne befürchten zu müssen, Unnötiges oder Langweiliges zu sagen. Die Deutschen in Oesterreich zerfallen den Juden gegenüber in zwei Gruppen'—Antisemiten und Liberale*). Diese Hauptkategorien weisen wieder alle möglichen Schattirungen auf, aus welchen man aber vom extremsten Antisemiten bis zum extremsten Liberalen eine innig verbundene Kette bilden kann. Die Thatsachc, dass unsere Liberalen mit unseren Antisemiten Berührungspunkte haben — natürlich entsprechend dem Naturgesetz im extremsten Punkte, der „zufällig" der Antisemitismus ist — ist nachweisbar. Die Deutschen, die nicht der „vereinigten deutschen Linken" angehören, bekennen sich mehr oder minder offen zum Antisemitismus. Die deutsche Linke genießt als liberale Partei die mehr oder minder „wertvolle" Sympathie der Juden. Verdient sie dieselbe? Ich will nicht kurzweg „nein" sagen, sondern Thatsachen anführen, die eine leichte Beantwortung zulasscn. Die „Deutsche Zeitung", die allgemein für das ofsieielle Organ der „v. d. L." gilt, bemüht sich so viel als möglich judenrcin zu bleiben; bespricht sie jüdische Angelegenheiten, so thut sie es in einer beinahe verletzenden Weise. Man empfängt beim Lesen derartiger Artikel den Eindruck, als ob es sich nicht um Juden, sondern um irgend eine Nation handelt, die auf der niedrigsten Culturstufe steht, für die man, wenn ihre Glieder gepeinigt, beraubt oder erschlagen *) Das gilt auch von den conservativcn Deutschen. Nur einige wenige, recht wenige Schriftsteller haben uns ein klares und wahrheitsgetreues Bild von der „Gasse" gegeben. Es sind jene, deren denkendes Hirn, deren fühlendes Herz, deren durchdringender Blick, deren feinzcichnende Feder, deren zart nuancirte Farben aus demselben Pfuhle stammen, aus welchem auch die Sumpfpflanzen des Wuchers und der Angeberei emporsproßen; jene, welche von dorther kommen, von wo Männer wie Spinioza, Mendelssohn, Maimun und Börne gekoninicn sind, jene, welche in der „Gasse" zu Hause waren. Es sind die Schriftsteller, welche das Elend der „Gasse" selbst mitgenlacht haben und, wenn sie dieselbe durchschreiten, ihr eigen Herzblut rascher pulsircn fühlen. Nnr diese Männer, wenn sie zugleich mit Gemüt unb edlem Sinne, mit Erzählertalent und Auffassungsfähigkeit begabt sind, sind dazu geeignet, das Leben der „Gasse" zu schildern. Sie wissen, dass der Wurm Jacob sich nicht beugt unter dem Barbarentritt, dass ihn vielmehr geheime Schwingen in höhere Sphären emporheben; sie sehen nicht hinweg über den Branntweinschänker, der sich aus dem Laden von seinen betrunkenen Bauern wegstiehlt, um in der Wohnung mit Lust dem Studium der Lehre zu obliegen. Nur sie können die Summe von Talent, Zartgefühl und Seelenschönheit ermessen, welche im alten Bethamidrasch, eingeengt in die vier Ellen der Halacha, vorhanden sind. Nur sie sind in der Lage, den Gedankengang des zarten Mädchens zu schildern, welches von seinen Eltern an einen beschränkten Chassid verheiratet wird, dem es nicht viel mehr als Magd sein soll. Sie allein haben die Glückseligkeit in den Mienen des armen jüdischen Arbeiters gesehen, wenn er bei einem Stücke alten Brodes, dem Preise seiner schweren Arbeit, seine Söhne im Talmud, welchen sie im Cheder lernen, prüft. Nur sie sind es, welche im leidengeläutertem Gesichte dieser oder jener armen Jüdin den unge-

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