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Selbst-Emancipation · 1892-04-17 · Heft 8 (17.4.1892) · p. Seite 68

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 8 (17.4.1892)
Date
1892-04-17
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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Seite 68. Selbst-Emancipation Rr. 8. O, wenn es immer so bliebe! Aber die Sederabende gehen vorbei; cs bleiben vorerst noch die ungesäuerten Brote, und auch diese schwinden bald, und dann stellt sich die alte Gleichgiltigkeit, die alte Feindseligkeit gegen alles Jüdische .wieder ein. Es ist nicht schwer, die Flüchtigkeit der an der Sedertafel gewonnenen Eindrücke zu erklären. Derjenige, dessen Gedanken sich jahraus jahrein in einem dem eigenen jüdischen Volke fremden oder sogar gegensätzlichen Kreise bewegen, kann nicht in zwei Abenden so gründlich umgeändert werden, dass er die alte Weise lasse. So sehr ihn der Augenblick überwältigt, — die Seltenheit der Regung macht diese naturgemäß uni so ausgiebiger, — er kehrt dennoch zur gewohnten Denk- und Enrpfindungsweise zurück, sobald die begeisternde, erwärmende, veredelnde Atmosphäre des Seders verflogen ist und die abstumpfende, kühle, ordinäre Alltäglichkeit wieder Besitz von ihm genommen hat. Es handelt sich also darum, die Stimmung der Sederabende über diese hinaus durch das ganze Jahr zu erhalten, um so einen nachhaltigen Einfluss auf die verderbten oder erkälteten Herzen der modernen Juden auszuüben. Dieses Einflusses bedarf eben so sehr die fühllose Rechenmaschine, welche blos aus Mode die Assimilationsphrasen nachbetet oder aus Gewohnheit die religiösen Vorschriften mehr oder weniger befolgt, — als der materialistische Theoretiker, der überall „conventionelle Lügen" aufftöbert. Wie soll aber diese nachhaltige Einflussnahme geschehen? Wie sollen wir die Sederabende fortsetzen? Die Antwort auf diese Fragen werden wir finden, wenn wir uns darüber klar geworden sind, worin eigentlich die das Bvlksgefühl erweckende Macht des Seders besteht. Ruht sie in der religiösen Weihe oder in der patriarchalischen Würde desselben? Wir glauben, dass diese Eigenschaften die Feier wol populär machen, ihr für immerwährende Zeiten ein großes Publikum gewährleisten, jedoch nicht gleichzeitig der letzte Grund sind, welcher dieses Publikum an sein eigenes Die russische Indengaffe, ihre ErMhler und Dichter. *) Einleitu n g. Biele neue Welten haben wir in den letzten Zeitläufcn auf den Himmeln und auf der Erde entdeckt; doch eine uns sehr nahe, mit einem eigentümlichen Leben erfüllte Welt, die russische Judcngassc, 'ist den Außenstehenden eine terra ineoxnita geblieben. Wohl sind von Nichtjuden und von solchen Juden, welche nicht in der „Gasse" geboren und erzogen wurden, Erzählungen aus dem Leben derselben nach Tausenden veröffentlicht worden, aber ich finde zumeist in ihnen weniger Wirklichkeit, weniger Greifbarkeit, weniger wahre Züge, als in den Romanen über die alten Aegypter, oder über das Leben der Menschen im zwanzigsten Jahrhundert, oder endlich über das Thun und Treiben der Marsbewohner. So wie wir die Gesetze des Einzcllebens und seine Entwicklung nicht nachzeichnen können, wenn wir es von der Ferne oder von der Seite und nur für einen Augenblick betrachten, ebensowenig können wir in die Geheimnisse des Lebens einer Gemeinschaft, in seinen Gang und seine Veränderungen cindringen, wenn wir nicht mit Muße und Geduld, mit durchdringendem Forscherblicke, dem die seichtesten und feinsten Veränderungen, die leisesten Spuren, die schwächsten Regungen nicht entgehen, ans Werk treten. Das Los der Judengasse und ihres inneren Lebens ist dasselbe, als das des altjudischen Schrifttums. Jeder. Ignorant, jeder Hohlkopf, der oft nicht einmal das hebräische Alphabet ' kennt, erkühnt sich, wie eine Autorität über die alte Literatur der Juden ein Urtheil abzugeben. In anderen Literaturen *) Aus dem hebräischen Maimscript übersetzt. Volkstum so nachdrücklich erinnert. Dieser letzte Grund, der den Sederabenden soviel Macht auf das Herz des Volkes verleiht, ist vielmehr offenbar ihr historischer Charakter. Jeder der Sedercheilnehmer fühlt sich vom Hauche einer großen Epoche, vom Atem der Freiheit angeweht, er lebt den Wendepunkt im Leben des jüdischen Volkes, von welchem die Seder-Hagada erzählt, förmlich mit. Das Bewusstsein der Bedeutung, welche der Uebergang, eines Volkes, seines Volkes, von Knechtung zur Freiheit, von Abhängigkeit zur Selbstständigkeit besitzt, wird für den Augenblick so stark in ihm, dass es seine ganze Seele erfüllt und alle Vorurtheile und Liebhabereien daraus verdrängt. Gelänge es also, historische Eindrücke von solcher Großartigkeit und Wirksamkeit auf das für Freiheit so leicht erregbare jüdische Gemüt, mehrmals im Jahre, ja so oft als nur möglich, hervorzurufen, so wäre es möglich, die modernen Juden dauernd ans Judentum zu fesseln und dessen moralische «und materielle Wiedergeburt anzubahnen. Man könnte uns einwenden, dass ohnehin die meisten der zahlreichen jüdischen Erinnerungstage historische Feste seien und dennoch von einem nachhaltigen Einflüsse derselben auf die jüdische Gesinnung nichts bekannt sei. Ja, diese Erinnerungstage, wie z. B. der neunte Tag des Monats Abh auf der einen, und das Chanukafest auf der anderen Seite, haben eben in Folge ihres religiösen Minderwertes zu wenig Publikum, und dieses spärliche Publikum ist obendrein noch in Folge ihrer geringeren Feierlichkeit auf die geschichtliche Bedeutung der Feier weniger aufmerksam. Der Stoff zur Wirkung in nationaler Beziehung, der große geschichtliche Hintergrund, ist wol hier ebenso wie beim Sederabende vorhanden, aber es fehlt eben die Gelegenheit zur Wirkung. Wie schaffen wir nun die fehlende Gelegenheit? Es ist klar, dass wir weder die Autorität, noch den Beruf haben können, das religiöse Ceremoniell zu verbessern, resp. zu ergänzen, — einige assimilatorische Stimmen haben uns ja würde ein solcher Mensch auf der Lüge ertappt werden und nicht Ehre und Lob, sondern Schimpf und Schande ernten. Doch unser Schrifttum ist eben eine ras nullius; was man von ihr erzählt und erdichtet, wird anderseits geglaubt. Selbst vernünftige und gelehrte Männer, welche sich sonst der größten Gründlichkeit, Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit befleißen, keine Autoritäten kennen und sich nur auf ihr eigenes Urtheil verlassen, werden leichtgläubig, wenn es sich um unsere alte Literatur handelt. Sic stützen sich dann ohne Zaudern auf ein schwankes Rohr, schöpfen ihr Wasser aus geborstenen Cistcrncn, statt sich an die erste Quelle zu wenden. Dagegen sind jene, welche sozusagen auf dem Schoße des alten Schrifttums grpßgczogen und ihre Getreuesten sind, absichtlich oder unabsichtlich bemüht, seine Mängel und schwachen Seiten zu verhüllen. Wie die ersteren es nicht für nötig hielten, den Geist unserer alten Literatur zu erforschen, ihr Wesen zu durchdrungen, ihr Verhältnis zu der Zeit, wann, und zum Orte, wo sie entstand, zu prüfen, ihre Beziehungen zu den anderen Literaturen zu erkennen, sondern sich begnügten, ihre verderbte Sinnesart in sie hineinzulesen und sic so zu verunstalten, — ebenso haben sich auch die Letzteren nicht angestrengt, um die Grundanschauungen unserer Literatur bloßzulegen, frei von jeder Schminke, sondern haben ihr vielmehr Gewalt angethan, indem sie alles Mögliche, was die Neuzeit, oft auch ohne Berechtigung, für gut und schön hält, in sie hineintrugen. Auch sie haben uns also eine unechte statt der echten Thora gegeben. Ein ähnliches Verhängnis, wie das eben geschilderte, lagert auch über unserer „Gasse" und ihrem Leben. Viele haben Erzählungen, Betrachtungen und Skizzen über diesen Gegenstand geschrieben, aber sehr wenige unter ihnen haben gezeigt, dass sie das Leben der „Gasse" und des „Ansiedlungs-

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