Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 64 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64. Selbst-Emancipation Nr. 6 u. 7. Miscellen. Gi« A«todafe. Ein Bild, das sich in der Gallerte zu Madrid befindet, von Franzesco Rizzi gemalt, stellt die Hinrichtung, oder eigentlich den Gang einer Anzahl (wol heimlicher) Inden und Jüdinnen zum Scheiterhaufen dar, die 1680 in Madrid während der Feste, die der Hochzeit Karl >1. folgten, in Gegenwart des Königs, seiner Braut, des Hofes und der Madrider Geistlichkeit verbrannt wurden. Der große .Platz war wie ein Theater eingerichtet und mit Damen, in Staatskleidcrn gehüllt; der König saß auf einer Erhöhung, umgeben von den Hauptmitgliedern der Aristokratie; der General-Inquisitor Bischof Valdares präsidirte der Scene. Unter den Opfern von 1680 war auch ein jüdisches Mädchen von noch nicht 17 Jahren, dessen wundervolle Schönheit Me, die sic sahen, in Entzücken versetzte. Als sie zum Scheiterhaufen ging, rief sic der Königin zu: Große Königin! Ist nicht Eure Gegenwart im Stande „mir einige Linderung" in meinem Jammer zu verschaffen?! Erwäget meine Jugend, und dass ich verdammt werde wegen einer Religion, die ich mit meiner Muttermilch cingcsogcn habe!" — Die Königin wandte ihre Augen weg. — (Limborch Hist. Jnquis., Cap. XL. zu lesen: in W. E. X. Lecky's Geschichte der Aufilärung. 2. Thcil, Cap. 5.) Dos modernen Antisemitismus Natur und Bedeutung geht aus folgender Stelle der „Antiscm. Corrcsp.", des Ccntralorgans der deutsch-socialen Antisemiten, (Nr. 4) hervor: „Das Christentum, das als eine Neligionsschöpfung des semitischen Geistes ursprünglich nur für die Juden geschaffen war, hat erst infolge äußerlicher Aufpfropfung, wie sic durch die politischen Verhältnisse begünstigt wurde, uns mit dem semitischen Geiste inficirt und die besten und edelsten Kräfte unserer nationalen Anlage verdunkelt und brach gelegt. Die jetzt zum Selbstbewusstsein erwachenden nationalen Volkstriebe werden daher, wenn sie den Alp des Judentums abschüttcln wollen, nicht im Namen einer fremden, importirtcn und bereits stark in Zersetzung begriffenen Religion, sondern im Namen unseres ureigenen nationalen Geistes zu reden haben, der aus jener semitischen Umrankung sich ftci zu entfesseln beginnt, nachdem er bereits durch die Reformation sich von der äußeren Herrschaft der jüdischen Hierarchie losgcrissen hatte. Es handelt sich daher um lveit mehr als um ein bloßes Absehen von aller Religion. Es hat schließlich die Erkenntnis auch davon Platz zu greifen, dass das Christentum zum guten Thcile selbst Semitentum ist und dass daher erst dann von einer cndgiltigen Ausscheidung des Judentums die Rede sein kann, wenn das mit dem modernen Völkergciste in seinem letzten Grunde unvereinbare Christentuin ausgeschieden ist." Johannes Schere, der berühmte deutsche Culturhistorikcr, äußert in seiner „Geschichte der Religion" folgende Ansichten über Juden und Judentum: „Es ist etwas Exklusives, beispiellos Zähes und Beharrliches im Hebräertum. Ein unzerstörbarer Familiensinn, ein scharfer, ätzender, zcrftessender Verstand, ein unbcsicgliches Mißtrauen (?), eine unbczwingliche Energie und. Ausdauer, ein sozusagen gefrorener Fanatismus und unter Umständen eine mitleidlose Unduldsamkeit (?), endlich, was in religiöser Hinsicht der Hauptpunkt, eine wunderbare Kraft der Abstraktion. Das sind, will mir scheinen, die vertretenden Charaktcrzüge des Hebräertums". „Das ganze Leben der Hebräer, das war der Grundgedanke des Aiosaismus, sollte ein fortwährender Gottesdienst sein, von welchem der eigentliche Kult die Spitze bildete. Indem aber der Hebräer Gott diente, diente er zugleich sich selbst. Denn das ist das bewunderungswürdige großartige des Mosaismus, dass er auf der Grundlage des religiösen Glaubens und der gottesdienstlichen Bräuche ein bis ins Einzelnste ausgeführtcs System der sozialen Wolfahrt begründete und für die Bestätigung desselben eifrig machte. Es ist ein merkwürdig feines und umfassendes Verhältnis für die Bcdürsnissc der Wirklichkeit in dieser Gesetzgebung, ein energischer Realismus, und bei aller hervorbrcchendcn altsemitischen Wildheit und Grausamkeit (?) doch auch wieder eine heilige Scheu vor der Natur und ihren Geboten. Selbst den: Acker wird sinnig das Bedürfnis der Erholung zugeschricbcn; ja im siebenten Jahre soll er ausruhcn von seinen Anstrengungen. Ebenso zeigen die Verbote, Stier oder Lamm an einem Tage zugleich mit ihren Jungen zu schlachten, oder die auf ihren Jungen ergriffene Vogel,nulter zu fangen, von schauungsvollcr Scheu und Milde. Die gcsundheitspolizcilichcn Vorschriften über Rein und Unrein beweisen tiefe Einsicht in die menschliche Statur, und in die klimatischen Verhältnisse. — Während des Jubeljahres mußte alle Feldarbeit ruhen, wieder eine ehrfurchtsvolle Rücksicht auf die unbelebte Natur, und alle Knechte und Mägde aus israelitischem Geschlecht wurden bedingungslos ftci und veräußerte Grundstücke fielen ohne Ersatz des Kausschillings an ihre ursprünglichen Besitzer oder deren rechtmäßige Erben zurück." „Moses, der Sohle des Ainram und der Jochibcd, aus dciil Stamme Lcvi, ist einer von jenen größten Männern, die dem Erdball für alle Zeiten ihre Fußtapfen eingedrückt haben. Er bedarf des mythischen Aufputzes — womit fast alle Rcligionsstistcr behängt werden — durchaus nicht; auch ohne diesen wird man vor der Person diesen großen Kultur- Heros die tiefste Ehrfurcht fühlen. Denn ein Kulturheros das war er, und zrvar war er der, welcher von allen den' unermeßlichsten Einfluß auf die Weltgeschaftc geübt hat, — Die ganze Größe des Mannes wird dem bewundernden Blick erst recht klar, wenn wir betrachten, wie er nicht nur auf Israel, sondern durch . dieses ans die Menschheit gewirkt. Denn wohlverstanden,' der Mosaisinns in seiner Reinheit ist eine Religion des Lebens, wie gar keine andere, nicht eines vorgcstellten Lebens, nein, des wirklichen, faktischen, des Erdcnlcbcns. Er ist aber auch eine Religion des Geistes,; denn im Mosaismus ist zuerst Gott völlig von der Natur cmaucipirt. Er ist losgelöst vom Dasein der Natur, er steht ihr gegenüber, über ihr, er beherrscht sie als freie sittliche Macht. Der Mosaismus verwirft aber nicht nur den Pantheismus, sondern auch den Polytheismus Und Dualismus; er ist strenger Monotheismus: „Gott ist einer, und nur dieser Eine ist Gott!" „Die weitere Geschichte des Judentums," führt Scherr aus, „bietet in der Weltgeschichte den einzigen Anblick eines Volkes, welches, obwohl cs keine — eigentliche — Heimat mehr besitzt und keinen Staat mehr bildet, doch nicht in die übrigen Völker eingcgangen ist, sondern sich als eine geistige Einheit behauptet hat.". Rrllelristischrs. Der Wenegat. Eine Skizze aus dem Leben von Mayer Ebner. „Nun, wieder nichts?!" „Abgcwiescn." Die Frau, die die Frage gethan, war sich klar, dass keine andere Antwort kommen konnte. Ist es doch bereits zum sechsten Male, dass sie dieses vielsagende Wort aus dem Munde ihres Sohnes vernimmt. Abgewiesen! Nun, es ist ja nichts weiter daran, als dass einer ganzen Familie eine so und so viele Jahre dauernde Hungercur bevorsteht.. Gewohnheit stumpft ab. Der liebe Herrgott ließ die zehn Mäuler der Familie im Status quo, auf dass sie sich ja nicht , durch ein reichliches Mittagmahl den Magere verderben. Dieselbe Besorgnis hegte wahrscheinlich auch jene hohe Instanz, die