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Selbst-Emancipation · 1892-04-07 · Heft 6-7 (7.4.1892) · p. Seite 65

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 6-7 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
Seite 65 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 6 u. 7. Selbst-Emancipation Seite 65. das Gesuch.des braven, jungen Mannes — er nennt sich Löwe — bereits zum sechsten Male abgewiesen hat. Er war schon seit Jahren geprüfter Professor der Philologie, seine Zeugnisse waren glänzend, sein Lebenswandel tadellos. Sechs Mal hatte er es versucht, vaeant gewordene Lehrstellen zu erlangen, sechs Mal war er — gewiss ein merkwürdiger Zufall — zu Gunsten jüngerer, weit weniger tüchtiger Collegen zurückgesetzt worden. Er hatte gearbeitet mit dem Fleiße eines grübelnden Gelehrten, hatte sich auch durch literarische, in sein Fach einschlagcnde Arbeiten ruhmvoll hervorgethan, Lob und Lorbeeren gabs genug, aber — er war übergangen worden. Er hielt ein gedrucktes Bcdauerllngsschrciben in der Hand — eine Antwort aus seine sechste Bitte um Brot. Sein Stolz hatte sich beleidigt geftihlt, als das fünfte Gesuch abschlägig beschieden war, aber ein Blick auf seinen kranken arbeitsunfähigen Bater, aus seine verhungerten Geschwister, aus seine gute Mutter, die des Hauses Lasten trug, auf seine treue Braut, ein braves, aber armes Mädchen, und er schrieb zum sechsten Male ein Bittgesuch und ward wieder — abgewiesen. „Abgcwiesen!" Zum sechsten Male! Unglaublich! Ein Mann wie Moses Löwe . . .! Ach so! Moses! Moses! Nun ja, freilich mein lieber Mauschelebeu. Sie wollen doch nicht Professor werden', Sie sind ja ein Jude. Diese Juden, die besten Stellen wollen sie uns wegnehmen, überall drängen sic sich hin; fürwahr, es ist ein „Berzwciflungskampf des Ariertums mit dem Semitentum!" Löwe starrt auf die abgehärmten Gesichter seiner Familie. Die Not war aufs Höchste gestiegen. Kein Bissen Brot im Hanse. Die jüngsten Kinder schlafen. Das jüngste, ein Knabe, regt sich im Schlafe, es bewegt die Lippen, die Zähnchcn — es träumt — vom Essen. Träume fort, süßer Knabe, träume fort, immer immer fort, erwache nicht wieder; denn du träumst ja süß. Löwe starrt ins Leere. Der Wind reißt das Fenster auf. Löwe hört das Rauschen des nahen Flusses. Es ist Nacht. Zn viel der Qual, zu viel gelitten. „Ich bin ja unnütz; ein hungriger Magen weniger. Aber sie, meine brave Braut! Wie wird sic weinen! Meine Eltern — ihre letzte Hoffnung!" Und Löwe beschließt zu leben. Aber so kanns nicht weiter gehen. Es muß, muß anders werden. Ein Gedanke ist ihm gekommen, wieder gekommen, so oft durchdacht und so oft verworfen. Und doch! Moses hat einen Entschluß gefasst. Er wirft sich aufs Lager und — weint. Moses Löwe steht todtenblcich vor dem Altar. Fünf Personen nur sind in der Kirche. Er bemst sein Haupt. Er fütjft cs kalt von seinem Nacken herabrieseln. Der Priester spricht die Forinel. „Amen" hört er die Umstehenden rufen. Er ist einer Ohnmacht nahe.-„Benedict Löwe" heißts im Taufschein.-— Benedict Löwe ist Professor am Gymnasium geworden. Die hungernde Familie hat sich den Magen nicht verdorben. Die Kinder sehen rosig aus. Die Mutter lächelt vergnügt, die glückliche Braut rüstet zur Hochzeit. — Und Benedict? Benedict heißt daheim bei den nichtsahnenden Eltern Moses. Es ist der erste Abend des Peßachfestes. Die Stube ist hell erleuchtet, die Tafel schön gedeckt und voll besetzt. Glückliche lachende Gesichter. Der Alte ist ein frommer Mann welcher auf den geringsten der Bräuche hält. Der kleine Samuel stellt die vier Fragen; der Bater gibt die hergebrachte Antwort und erzählt der Familie im Urtexte jene alte, uralte Geschichte von den Leiden und Freuden des Volkes Israel, von ihrer Knechtschaft im Lande Mizraim und der endlichen Erlösung ans der Sclaverei. „Mein Sohn, warum so stumm?" Benedict ist bleich — todtenblcich geworden. Er kann nicht weinen. Weinen wäre ihm Erleichterung. „Moses, was ist Dir"? ruft die Mutter. „Nichts" presst er hervor. Der Alte fährt in der Ausübung des Ceremonells fort. Er schüttelt den Kopf; den ersten vorgeschriebenen Becher hatte Moses verschmäht, ebenso die übrigen drei; ja als ihm der Vater einen Becher mit gelinder Gewalt aufzuzwingen versucht, hatte Moses scheu und ängstlich seine Hand zurückgezogen. Die Mutter ist still und ernst geworden. So hat Moses noch nie ausgesehen. Blass, abgezehrt sitzt er da, ein Bild des Jammers, des moralischen und körperlichen Siechtilms. In der jüdischen Gemeinde herrscht eine entsetzliche Auftegung. Ein Kreuz im Hause des frommen Wolf! Der Alte hatte getobt, gerast; die Kirchendiener, die das schwarze Tuch mit dem weißen Kreuz gebracht, hat er geprügelt. Die Mutter ruft in ihrem wahnsinnigen Schmerze: „Ich geb' Euch nicht meinen Moses, nein, er ist mein lieber Sohn, mein Augentrost, meine Hoffnung. Was wollen diese schwarzen Männer? Fort mit Euch, mit Eueren Bildern." Drinnen im Zimmer ruht die Leiche. Die Braut hat den todten Bräutigam nicht verlassen, sie kniet an seinem Sarge. — Glockengeläute, monotoner Priestergesang; schwarze Männer tragen den Sarg aus dem Hause; die Heiligenbilder flattern im Winde. Die Gemeinde ist auf den Beinen. Trotz des schlechten Wetters hat sich Jung und Alt eingesundcn. Wenig Mitleid ist auf den Gesichtern zu lesen. „Ein Meschumcd war er — Strafe Gottes." Die fast wahnsinnige Mntter fährt mit — nach dem Friedhof. Sie hält die Braut des Sohnes umschlungen. „Wie gefällt Dir Dein Bräutigam? Heute ist Hochzeit, ja Hochzeit mit eineni Todten auf dem „guten Ort." Hahaha!" Nur der weise Rabbi hat den alten Wolf ansgesucht und mit ihm einige leise Worte gewechselt. Er tobt nicht mehr, er schreit nicht mehr, er ist still und ernst geworden. Die Gemeinde sorgte für die Familie; jüdisches Erbarinen ist größer als die Schadenfreude einiger Schlechten. Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redakteur! Wie man mir erzählt, hat der Chef Redakteur der hiesigen ,Jsr. Wochenfchr., Herr Rabbiner Dr. Rahmer, der hier allgemein als Ehrenmann bekannt ist, die Verfasserschaft des „Selbstemancipation" überschricbenen Artikels seiner Zeitung zurückgcwiesen. Ter Artikel ist vielmehr nach seiner Versicherung von demselben Mitarbeiter seines Blattes, der auch den Artikel „der Nationaljude" geschrieben, abgefaßt worden. Aus diesen! Grunde können die in der „Chronik"' der Nr. 4 der „S. E." der Redaktion der „Jsr Wochenschr." gemachten schweren Vorwürfe nur ans einem bedauerlichen Mißverständnisse beruhen, dessen Aufklärung zur Wahrung der Ehre des Herrn Dr. Rahmer, der übrigens auch national jüdische Zuschriften in sein Blatt ausgenommen hat, hierniit gegeben sein mag. Magdeburg, 14. März 1892, Hochachtungsvoll Zur Frage der Vergrößerung der „Seldfk-Emancipation" Es sind bereits viele Mittel in Vorschlag gebracht worden, welche dazu dienen sollen die Vergrößerung der „S. E." herbeizufiihren. Dass sie bisher so wenig fruchteten, dürfte hauptsächlich auf Conto der Mutlosigkeit der Juden zu setzen sein, welche in dieser Zeit der Be» drängnis ihre ganze Auftnerksamkeit dem Praktischen widmen. Es wäre unnütz, gegen diese bedauerliche Thatsache auch hier wieder anzukämpfen, vielmehr sei hier ein neues Mittel empfohlen, welches uns vielleicht doch zu dem Ziele eines wöchentlichen Erscheinens der „S. E." führen wird: Lotterien, in welchen Bücher nationalen Inhaltes gewonnen werden. Wir haben ja jetzt fast überall Gesinnungsgenossen, welche gerne theilnehmen würden. Zugleich würde eine solche Lotterie zur Verbreitung von Büchern nationalen Inhaltes beitragen. I. L—r—

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