Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-04-07 · Heft 6-7 (7.4.1892) · p. Seite 61

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 6-7 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
Seite 61 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092723--0876-3093872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 6 u. 7. Selbst-Emancipation Seite 61. des Herr» Landau betrifft, so gelang es demselben, den Entwicklungsgang und die verschiedenen Phasen unserer Literatur bis auf die Periode des „Haschachar" in klaren Umriffen darzustellen, wodurch die Verdienste und Bedeutung Smolenskys erst recht beleuchtet wurden. Ein von Frl. Steinmetz vorgetragcnes Gedicht Jehuda Halevi's unter dem Titel „Sehnsucht nach Jerusalem" und die Dcclamation von Goldfadens Jargongedichte: „Ein Stein vom Heyen" beschlossen den declamatorischen Theil des Abends, worauf man zu einem einfachen aber vertraulichen Abendmahle schritt. Dasselbe verdient schon deshalb hcrvorgehoben zu werden, da cs mit sehr gelungenen hebräischen Toasten der Iran Letzter und des Herrn P., ,unter anderem auch auf die meisten großen Männer Israels, gewürzt war. Nachdem auch noch einige kleinere jüdisch-nationale Lieder vorgespiclt wurden, verließen die Gäste in gehobener Stimmung den Saal. _ Russland. St. Petersburg, im Mürz 1892. Der Staatsrath hat den Vorschlag des Ministers des Innern, die-Zahl jüdischer Gemeinderäthe auf ein Fünftel der christlichen sestzusetzen, zum Beschlüsse erhoben. Die berühmte Jeschibhah in Wo losin ist, wie Sie bereits meldeten, von regiernngswegen geschlossen worden. In derselben oblagen 400 Schüler im Alter von 13 bis 25 Jahren dem Talmndstudinm. Ein großer Theil derselben strömte aus dem Auslande und selbst aus den entferntesten Ländern herbei. Die armen Studierenden wurden aus wohlthätigen Stiftungen erhalten. Leiter der Anstalt war der Rabbiner der Stadt. — Die Regierung fordert von der Jeschibhah die Beobachtung aller für die übrigen jüdischen Schulen geltenden Bestimmungen und verlangt daher Elnfiihrnng des russischen Sprach- und des Rechnenunterrichtes, Nichtbeschäftignng mit den vom Hasse gegen andere Religionen erfüllten und gegen die Staatsgesetze verstoßenden Stellen des Talmuds, Aufnahme von blos inländischen Schülern, Classeneinteilung. England. London, den 11 März 1892. Oberstlieutenant Albert G oldsmid, der neue Generaldirektor der jüdischen Colonien in Argentinien, hat gestern mit seiner Familie von Southampton aus die Reise nach Südamerika angetreten. Die Zionsfreunde Londons hatten bei ihrer Versammlung vom 28. Februar die Gelegenheit wahrgenommen, Oberstlieutenant Colonel Goldsmid ein Lebewohl zuznrufen. Der Versammlung präsidirte Herr Josef Prag, welcher in seiner Eröffnungsansprache die Verdienste Goldsmids als englischer Bürger und Militär sowie als jüdischer Patriot hervorhob und der Hoffnung Ausdruck gab, daß derselbe bei seiner Rückkehr ans Argentinien eine ähnliche Mission im heiligen Lande übernehmen werde. Kammermitglied Herr S. Montagn befürwortete die Resolution, daß diese Versammlung Col. Goldsmid vor seiner Reise nach Argentinien herzlich Lebewohl wünsche und bot im Verlaufe seiner Rede den Chovevei Zion pachtstei zwanzig Acres Landes unweit Londons an, damit daselbst junge Leute zum Ackerbau ausgebildet werden, welche nachher als Colonisten in Palästina verwendet werden könnten. Hierauf unterstützte Herr Arthur Sebag Montefiore die Resolution Montagus, indem er seine Bewunderung ftir Goldsmid aussprach, der bereit sei, zum Wohle seiner Nation die Civilisation mit der Einöde zu vertauschen. Schließlich überreichte der Präsident der „Chovevei Zion Society", Herr -Elim d' Avigdor dem Scheidenden eine kunstvoll gearbeitete Adresse der Zionssreunde. Dieselbe hat folgenden Wortlaut: Lieutenant-Colonel A. Goldsmid D. A. A. Hauptquartier. Die Mitglieder. der Chovevei Zion Association erlauben sich durch ihre Beamte und Vorsteher ihren herzlichsten Dank für die hervorragenden Dienste auszudrücken, welche Sie dem Gedanken der Colonisation Palästinas widmeten. Sie gratuliren Ihnen aufrichtig zu Ihrer. Ernennung zum General-Director des Hilfswerkes des Baron Hirsch, welches eine große Anzahl Juden als Ackerbauer in Argentinien zu besetzen bezweckt. Sie sind übeyeugt, daß Sie gegenwärtig die einzige Persönlichkeit sind, welcher eine so verantwortungsvolle Aufgabe mit der Hosfung auf endlichen Erfolg anvertraut werden konnte, da Sic durch Erfahrung, Organisationstalent und wahrhaft jüdisches Fühlen ganz besonders geeignet sind, ein neues Heim für die Ausgestoßcncn in Israel zu schaffen. Aber die Chovcvei-Zion Englands wissen es wvhl, daß Sie trotz der Uebernahme neuer Pflichten unserer Bewegung nach wie vor Treue und Anhänglichkeit bewahren werden". Nachdem diese Adresse auch verlesen war, ergriff Herr Oberstlieutenant Goldsmid selbst das Wort. Er dankte und versicherte, daß er schweren Herzens scheide. Seine Motive seien die besten; er gedenke mit Argentinien anzufangen und mit Zion zu endigen. Er lverde bemüht sein, die Colonisten zu argentinischen Bürgern zu machen, zugleich aber das jüdische Nationalgefühl in ihn eil wach zu halten. Sollte sein Unternehmen gelingen, hoffe er, es in Palaestina fortzusetzen, Auch beabsichtige er. in kürzester Frist in Argentinien einen Chovevei-Zion-Verein zu gründen. Aehnlich hat sich Oberstlieutenant Goldsmid gegenüber dem Mitarbeiter eines englischen Blattes, der ihn interwiewte ausgesprochen. Er kenne nur ei ne wahre Rettung für Israel, sagte er. die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina und er werde auch in Argentinien diesem Gedanken dienen. „Daily Graphic" entwirft von Oberstlieutenant A. E. W. Goldsmid, dem „Josua des neuen jüdischen Auszuges", folgendes fesselnde Bild: „Es würde schwer fallen, einen Mann zu finden, welcher besser für den schwierigen Posten des Generaldircctors der jüdischen Colonien in Argentinien geeignet wäte. Befähigen ihn einerseits seine militärische Erziehung und besonders seine Erfahrungcil als Vice-Generalquartiecmeister der englischen Armee in hervorragendem Maße, die Lösung großer Transport-, Organifations- und Colonisationsprobleme in die Hand zusnehmen, so sind andererseits in seinem ausgeprägt jüdischen Geiste jene Eigenschaften. Mitgefühl für den Nächsten und edle Begeisterung in der Verfolgung seiner Pläne, vereinigt, welche die Grundbedingung jedes Erfolges bilden. Oberst Goldsmid steht jetzt in seinem 46. Lebensjahre. Ein liebenswürdiger, genialer und energischer Mann von Welt, erinnert er durch seine Verbindung von heiterer Kameradcric mit starkem religiösen und Race-Gefühl sehr an Lawrence Oliphant. Er entstammt einem Geschlechte von Soldaten und einer der ersten Familien in Israel. Die Tradition führt den Ursprung der Familie Goldsmid auf die Makkabäer zurück, ein Glaube, welcher auch in dem Wappen der Familie zum Ausdruck gelangt. Wie dem auch sei» mag, so haben doch die Vorfahren des Obersten die militärischen Gaben des Geschlechtes in glänzender Weise bcthäligt. Seinem Großonkel, General Goldsmid, wurde bei Waterloo ein Pferd unter dein Leibe erschossen, sein Großvater hinterlicß ein ausgezeichnetes Andenken im 19. Dragoncrregimente und fast alle seine männlichen Anverwandten haben sich in der Annee mit Ruhm bedeckt. Einer seiner hervorragendsten Vorfahren von mütterlicher Seite war Oberst David Franks, welchem während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Washington als Adjutant zur Seite stand. Einen großen Theil seiner freien Zeit hat Oberst Goldsmid den Jntereffe» der jüdischen Gemeinde gewidmet, zu deren eifrigsten Mitgliedern er zählt. Besonderen Antheil nahm er an der Colonisation Palästinas und an der Förderung der Idee eines neuen jüdischen Reiches. Im Jahre 1883 besuchte er Palästina und hielt sich bei Lawrence Oliphant auf dem Berge Carmel auf. Eine reizende Erinnerung an jenen Besuch lebt in seiner kleinen Tochter Carnicl fort, welche auf dem heiligen Berge zuerst das Licht der Welt erblickte." Schweiz. Kern. 28. Februar 1892. Gestern Abends haben sich hier zehn russische jüdische Studirende, darunter 3 Frauen vereinigt, um unter dem Namen „Verein für Wissenschaft und Lebe» des jüdischen Volkes" eine jüdische Corporation ins Leben zu rufen. Zum Vorsitzenden wurde Herr stud. phil. CH. Schitlowski, znm Cchriftsührer Herr stud. Phil. A. Chandschi gewählt. Dieser bescheidene Verein kann schon als Errungenschaft gegenüber dem hier herrschenden Jndifferentismus betrachtet werden. In dem hiesigen russischen und polnischen Lesezimmern findet nian z. B. kein einziges 'jüdisches Buch oder Zeitungsblatt, wiewohl 90'>/„ der hiesigen „russischen" und polnischen" Colonie Juden find. Ein noch charakteristischeres Beispiel ist folgender Vorfall, der sich vor einiger Zeit ereignete. In der hiesigen russischen Studenten-Hilsskaffa berieth man über einen Antrag, Mittel zur Unterstützung der nothleidenden Bauern in Russland

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.