Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 60 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 60. Selbst-Emancipation Nr. 0 u. 7. wurde und sich die Rednerin der vielen Gratulationen kaum erwehren konnte. Ebendenselben Erfolg erzielte die zweite Rednerin des Abends Fräulein Sabine G rüder. Es that Einem, der gewohnt ist, die rauhe Weise, den kriegerischen, drohenden Klang von Männerreden zu vernehmen, ordentlich wohl, den Gedanken des jüdischen Nationalbewusstseins einmal auch „nach Mädchenart" in sanften milden Tönen verkünden zu hören. „Wir Mädchen wissen nichts von Politik, uns ist die Gelehrsamkeit der Männer ein großes Geheimnis, aber unser Gefühl sagt uns, dass es nicht schön, dass es nicht edel ist, sein Volk in der Stunde der Noth, im Augenblicke der Bedrängnis aufzugeben, es zu verläugnen oder gar zu seinen Feinden uberzugchen." Diese Worte fanden ebenso ftenetischen Beifall, als der Satz, dass in der Gründung des Vereines „Moria" zugleich ein Protest und ein Bekenntnis liege, „Protest gegen ehrlose Selbstverläugnung, Bekenntnis, fteies, fteudiges Bekenntnis, dass wir Jüdinnen sind mit Leib und Seele". Mit seinen zwei Rednerinnen hat der Verein entschieden Furore gemacht, aber auch die anderen Programmpunkte waren durchaus entsprechend. Die Deklamationen der Fräulein Neuberth und Werner, der Gesangsvortrag des Fräulein Bertha Schalit, sowie der humoristtsche Vortrag des Herrn Professor Nascher fanden verdienten Beifall. Zuletzt wurde getanzt. — Es wäre zu wünschen, dass folgende Geselligkeitsabende des Vereines „Moria" ebenso gut ausfallen, als der gestrige. Wie«, den 13. März 1892. Gestern veranstaltete der Palästina-Colonisations-Verein „ A d m a th Jeschurun" seinen diesmonatlichen Geselligkeitsabend. Es hatte sich ein ungemein zahlreiches Publikum eingefunden. Auf dem Programme standen zwei Vorträge, einer von Dr. Langbank über „das sociale Leben im alten Judäa", und ein zweiter von Dr. Nathan . Birnbaum über „die Heilung des jüdischen Volkes". Herr Dr. Lang bank erklärte vor Beginn seines Vortrages, dass derselbe viel zu groß ausgefallen sei, als dass er ihn an einem Abende absolviren könnte. Er werde daher einen Cyclus von Vorträgen über das angekündigte Thema halten und heute nur die Einleitung geben. Diese gestaltete sich äußerst interessant. Der Vortragende, welcher eine beneidenswerte Bibelbelesenheit verrieth, führte uns als angenehm unterhaltender Wegweiser über die Berge und durch die Thäler, in die Städte und auf die Fluren des alten Palästina. Wir glaubten auf dem heiligen Boden zu wandeln und das schöne sittenreine Culturleben -des alten Israel mitzuleben. Man kann nach dieser Einleitung mit Recht auf die Fortsetzung gespannt sein. Die Hörer belohnten die Ausführungen des Herrn Dr. Langbank mit reichem Beifalle. Herr Dr. Birnbaum schickte seinem Vortrage in Vertretung des durch einen Krankheitsfall in seiner Familie verhinderten Vereinsobmannes, Herrn Dr. M. Schnirer, eine Würdigung der Bedeutung des sel. Perez Smolensky, welcher am Schuschan-Purim seinen 50. Geburtstag gefeiert hätte, voraus. Hierauf gieng er zu dem programmmäßigen Thema über, das er unter vielem Applause des Publikums besprach. Besondere Zustimmung fanden die Stellen über die europäische Civilisatton, über den Socialismus der Juden und über den Kampf mit den Antisemiten. Speciell letztere lautete: „Die antt-anttsemittsche Polittk — so möchte ich sie nennen — hat in den letzten Jahren innerhalb des west- - europäischen Judentums an Vertretern und Nachttetern gewonnen. Bände werden vollgeschrieben und Stunden vollgesprochen mit diesem Zeug, das die kargen Restchen jüdischen Bewusstseins, statt sie ernsten Werken zuzuführen, leider leeres Sttoh mit- . dreschen lässt. Man zeige mir die Anttsemiten, die durch derlei gebessert werden; höchstens kommen solche bekehrte Wunderexemplare in rührseligen Zeitungsskizzen vor. Eher ist vielleicht das Gegentheil der Fall. Doch ich will darauf gar nicht restectieren, denn es ist ziemlich gleichgilttg, ob die Raserei der Anttsemiten ein wenig steigt oder fällt. Die officiellen Anttsemiten sind gar nicht die gefährlichsten. Sie lärmen, toben und missfallen. Dagegen waltet ruhig fort, ohne sich zu erhitzen und ohne sich bloszustellen, — die unausrottbare philiströse Abneigung gegen den jüdischen Stamm. Sie ist die treibende Dampfkraft, der Anttsemittsmus als solcher ist nur der Rauch, der aus der Locomotive „Judenhass" emporsteigt. Diesen Rauch fängt man ab und bildet sich dann ein, die Maschine zum Stehen gebracht zu haben. Da prüfen sie den Schönerer auf seinen Stammbaum, den Schneider auf seine Stampiglien, den Stöcker auf seine Wahrheitsliebe, den Lueger auf sein Herz und Beuschel, verkünden die Prüfungsresultate dem harrenden Volke — und dieses jubelt ihnen dankbar zu und entfernt sich glücklich lächelnd mit den Worten: „Der hat's ihnen gegeben!"—Den Antisemiten nämlich. Der Anttsemitisnlus ist nun todt, ganz todt, mausetodt. — Tags darauf aber gibt es in diversen Staaten Hunderte erschlagene und beraubte, tausende von Haus und Hof vertriebene, und wo die Cultur besonders hingeleckt hat, wo es also schon besser ist, tausende verspottete und zurückgedrängte, in die Ecke gedrückte Juden. O, kodier Antisemittsmus!" Von dem unterhaltenden Theile des Abends ist der humoristtsche Vortrag des Professors Nascher hervorzuheben, der die gewohnte Meisterschaft verrieth, von den: uns aber aufrichttg gesprochen, der ernste Schlnssaccord am besten gefiel. Professor Nascher wäre unstreitig ein noch weit besserer Kanzelredner als Humorist geworden. Weil wir aber schon einmal bei der Frage von Ernst und Scherz angelangt sind, sei eine Bemerkung nicht unterdrückt, die zu unterlassen Ihrem Berichterstatter zu viel Ueberwindung kosten würde. Der Verein „ Admath^-Jeschurun" scheint nicht das Richtige zu treffen, wenn er den von ihm veranstalteten ernsten Vorlesungen eine etwas zu seichte Lustigkeit folgen lässt. Gerade am letzten Abend ist es . allen überzeugten Mitgliedern unangenehm ausgefallen, dass gewisse Elemente unter den Besuchern die Tanzzeit fast gar nicht erwarten konnten und die Vorträge durch ihre geräuschvolle Theilnahmslosigkeit geradezu störten. Wenn das Wiener Judentum schon wirklich so oberflächlich ist, wie es den Anschein hat, so veranstalte der Verein perfecte Kränzchen und Bälle ohne jeden tendenziösen Beigeschmack und er wird auf diese Weise wenigstens den Leuten, welche zu nichts Anderein zu brauchen sind, größere Summen für die Vereinszwecke abnehmen. Die Agitattonsabende aber reinige er von allem Unkraut und er wird denkende Geister eher auf seine Seite zu ziehen im Stande sein. Kurz, eine weise Trennung wäre hier sehr angezeigt. Krody, 21. Adar 5652. Auch hier, ivo bis nun die jüdisch-nationale Idee keine Aeußerung fand, gelang cs endlich einigen Jüdischnationalen ein Lebenszeichen von sich zn geben. Am Schuschan-Purim, dem 50. Geburtstage des sel. Nationaldichters Smolensky wurde in einem kleinen Kreise junger und älterer Herren und Damen eine Gedenkfeier abgehalten, welche glänzend ausfiel. Die Einladung war von einigen sozusagen Colonisten des Lemberger „Zion", an deren Spitze der bekannte' junge hcbr. Dramatiker L. Landau und der hebr. Literat M. B., standen, Nach einer kurzen, aber sehr geistreichen Begrüßung "der Gäste durch den genannten Dichtertrug Frau BerthaLetzter*)ein schönes hebräisches Gedicht vor, worauf ein von Frl. Sophie Steinmetz künstlerisch durchgeführtes Mcndclsnhn'schcs Stück auf dem Claviere folgte. Der Schwerpunkt des Abends lag aber in einer wisienschastlichen Vorlesung über die hebr. Literatur bis auf Snwlensky von Herrn Landau, woran sich das.Verlesen der Biographie Smolensky durch Herrn N. anschloß. Was die Vorlesung *) Bekannt als Frl. Gold durch gediegene hebr. Briefe im ,Ha'am"; siche auch „S. E.", Jahrg. 1891.