Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 59 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 u. 7. Selbst-Emancipation Seite 59. lesen. Herz, was willst du noch mehr? Wenn z. B. der hochweise antisemitische Gemeinderath Gre gorig wegen seines ungebührlichen Benehmens von zwei Gemeinderathssitzungen ausgeschlossen wird, dann ist dadurch sicherlich das Judentum fiir ewig gerettet. Droht noch Herr Dr. Friedjung dem Herrn Dr. Lueger für dessen Geschimpfe mit der Reitpeitsche, so ist kein Artikel über diese wichtige Affaire lang genug. Wir Nationaljuden sind freilich anderer Ansicht und kümmern uns um all dieses saubere Gewäsche recht wenig. Etwas mehr Interesse ringen uns die außerparlamentarischen Antisemiten ab, welche uns einen Blick in die Volksseele gestatten. So ist die Beamtenversammlung im Rathhause, welche den Herrn Dr. Jacques zugleich mit Herrn Dr. L u e g e r einlädt, und diesen feiert, während sie jenen nicht sprechen lässt, nicht ohne. — Noch charakteristischer sind die Wahlen für den Gehilfenansschuss des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, welche im antisemitischen Sinne ausfielen. Speciell drang als Obmann der Antisemit Julius Axmann mit 3774 Stimmen gegen den liberalen Candidaten Julius Reitter mit 1889 und den Socialdemokraten Arnold Brauner mit 729 Stimmen durch. Dabei darf man die Hauptsache nicht übersehen, dass nämlich die meisten liberalen und socialdemokratischen Stimmen jüdischen Handelsgehilfen gehörten. — Auch der Prozess gegen den Buchhändler Sch wider noch, welcher antisemitische Bilderbögen in seinem Auslagefenster ansstellte, und der, weil diese Bilderbögen nur deutschländische, nicht aber österreichische Verhältnisse berühren, von den Geschworenen fteigesprochen wurde, verdient einige Beachtung. Der Vorstand der hiesigen Cultnsgemeinde hat am Purimtage eine neue Bibelschule im zweiten Bezirke, Rembrandtstraße, feierlich eingeweiht. Es sollen nun noch andere Bibelschulen - in den anderen Bezirken folgen. Wiewohl die Wiener Bibelschulen sehr weit von unserem Ideale einer hebräischen Schule entfernt sind, begrüßen wir sie dennoch mit Freuden als einen bedeutenden Fortschritt. Wien, den 27. März 1892. Gestern Abends veranstaltete der literarische Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria" seinen. ersten Geselligkeitsabend, der über alles Erwarten gut ausfiel. Es war eine Freude, das Wort Judentum, mit Wärme und Liebe ausgesprochen, aus Mädchenmunde kommen zu hören; sonst pflegen sich ja Mädchenlippen Dank einer verabscheuungswnrdigen Erziehung höhnisch zu kräuseln, wenn vom Judentum die Rede ist. Die ungemein zahlreiche Versammlung, welche den Saal der Hatschek'schen Restauration füllte, und sich aus den intelligentesten Gesellschaftskreisen recrutirte, war mehr als befriedigt, sie zeigte sich begeistert Die Präsidentin, Fräulein Franziska Reich, eröffnete den Abend mit folgender Änsprache: Hochgeehrte Anwesende! Im Namen und Aufträge des „Lit. Geselligkeitsvereines j. M. Moria", begrüße ich bei diesem ersten öffentlichen Geselligkeits-Abende unseres Vereines unsere lieben Gäste auf das Herzlichste. Insbesondere erlaube ich mir namentlich hervorzuheben — — ——— — — — Und nun, nachdem ich einer so angenehmen Pflicht Genüge gethan, werde ich mir noch erlauben, in kurzen Worten das Programm des Vereines zu entwickeln, der Sie heute hier versammelt hat. Unser Name bezeichnet unsere Aufgabe. Literarischer Geselligkeitsverein! Die Pflege der Literatur ist unser Zweck, aber nicht in doctrinärer Weise, sondern im fielen, ungezwungenen Gedankenaustausch, nicht blos mit dem Ernste verknüpft, deffen ein solches Streben naturgemäß bedarf, sondern auch mit heiterer Geselligkeit, die das Band festigen und zu einem angenehmen machen soll, welches unser gleiches Ziel und unsere gemeinsame Idee um uns schlingt. Wenn aber jemand die Frage aufwerfen sollte, ob denn zur Erreichung des von uns angestrebten Zieles die Begründung eines Vereines notwendig war, so glaube ich ihm nur einige Worte unseres berühmten Literarhistorikers, des H. Dr. Gust. Karpeles rentieren zu müssen, die unser Vorhaben nicht nur begreiflich machen, sondern auch die Berechtigung, ja Nothwendigkeit einer derartigen Bewegung erweisen, wie sie zur Gründung unseres Vereines geführt hat. In seiner Einleitung zur „Geschichte der jüdischen Literatur" sagt Karpeles unter Anderem: „Bildet schon die Erhaltung des jüdischen Volkes seit dem Verluste seiner politischen Selbstständigkeit eines der größten Räthsel der Weltgeschichte, so möchte der Umstand, daß der jüdische Stamm trotz aller Leiden und Verfolgungen eine wirkliche und bedeutsame National- Literatur schaffen konnte, womöglich noch räthselhafter erscheinen, läge nicht gerade in dieser Thatsache des Räthscls klare Lösung. Gerade diese geistige Regsamkeit, gerade diese Theilnahme an allen wissenschaftlichen Entwicklungen, gerade seine literarische Arbeit hat den jüdischen Stamm in der dunklen und langen Leidensnacht des Mittelalters zähe und widerstandsfähig gemacht. Seine Literatur hat ihn erhalten. Die große Schöpfung der jüdischen Literatur aber, die drei Jahrtausende hindurch mit innerer Nothwendigkeit aus dem nationalen Elemente des Judenthums herausgewachsen, bleibt in ihrem tieferen Kern unverständlich, wenn wir sie nicht vom religiös-nationalen Standpunkte aus erfassen und verstehen lernen." Soweit Karpeles. — In unserer Zeit nun, wo nicht nur an Jeden und Jede in Bezug auf das Verständnis des Zeitgeistes so bedeutende und im Grunde auch berechtigte Ansprüche gestellt werden, sondern auch das Princip der Assoziation immer mehr zum herrschenden wird, in unserer Zeit, sage ich war es nicht nur begreiflich, sondern auch fast selbstverständlich, daß wir Mädchen ebenfalls die großen Ideen, welche die Welt bewegen, begreife» lernen und an ihre Realisierung unsere, wenn auch noch schwache Kraft wenden wollen. Aber wir fühlten bald, daß wir nicht einmal unserem kleinen jüdischen Volke so dienen konnten, wie wir wollten, denn — wir kannten cs fast gar nicht. Wer die Schuld daran trägt? Wir Mädchen wahrlich nicht. Jch.will nicht auf den jüdischen Unterricht, insbesondere den literarischen zu sprechen kommen, ich würde sonst leicht polemisch werden, ich will auch nicht erwähnen, wie in den Schulen uns eine förmliche Antipathie gegen alles jüdische entstand, ich will daran festhalten, daß wir aus der Schule ins Leben treten mit einem Deficit an jüdischer Bildung und was noch ärger ist, an jüdischem Empfinden, oder dass ich deutlicher werde, an Einpfinden für das Judentum. Da sahen wir uns plötzlich in die sattsam bekannten Strömungen des öffentlichen Lebens versetzt. Wir sähen die Zurücksetzungen, wirerfuhren die Kränkungen, die unsere Volksgenossen zu ertragen haben, wir hörten von Leiden, die uns unglaublich dünkten in ihrer Grauenhastigkeit, und alles nur deshalb, weil die davon Betroffenen — Juden wäre». Ist denn das Judentum so vcrdammlich, sind seine Lehren so gefährliche, ist der Geist seiner Gesetzgeber und Dichter ein so verderbter, dass solche Mittel notwendig sind, so fiagtcn wir uns? Wir begannen ein Interesse für das Schrifttum des Judentums zu bekommen, in dem sich doch sein Geist wiederspicgelt, wir singen an die Werke jüdischer Dichter zu lesen, die Geschichte seiner Thaten und Leiden zu erforschen und — siehe da! — ein herrliches Gebäude bot sich unseren Augen, die Pracht des salom. Tempels erstand uns von neuem. Aus Gold und Ccdernholz war der Bau! Das Gold edlen Geistes und fühlenden Herzens lag überall zu Tage, und wir lernten einsehen, dass die alten Juden, unsere Vorfahren, aus festem Holze geschnitzt waren, dauerhaft über alle Zeiten. Und da uns das Verständnis aufgieng, wie stolz wir auf unser Volk sein dursten und welche Größe das unschcin bare Aeußere barg, da hätten wir zögern sollen, die neu gewonnene Erkenntnis weiter zu verbreiten? Das wäre nicht Lässigkeit, nicht Jndiffercntismus, das wäre ärger gewesen, es wäre Verrath! Darum haben wir jüdische Mädchen uns vereinigt, darum die Pflege der Literatur als Zweck unserer Bereinigung erwählt. Wir erkannten nicht nur ihren unmittelbaren bildenden Wert, wir sind auch überzeugt von ihrem mittelbaren, wir wissen, dass wer die Geschichte und Literatur seines Volkes kennt, ganz anders zu seinem Volke stehen, ja ganz anders sein eigenes Leben führen kann, als der, dem diese Kenntnis fehlt, oder der gar aus Unkenntnis fiir sie nur Verachtung hegt. Verzeihung, wenn der Gegenstand, über den ich sprach, mich zu einer längeren Auseinandersetzung verleitete, als ich beabsichtigte. Ich eile dem Schluffe zu. Ich knüpfe wieder an das Wort unseres Literarhistorikers an. „Die Literatur hat den jüdischen Stamm erhalten! Sie hat ihn nicht nur erhalte», sie wird ihn noch weiter erhalten. Denn nur die Begeisterung, die wir aus unserer nationalen Geschichte und Literatur schöpfen, lehrt uns, für unser Volk allezeit mit aller Kraft einzutreten, ihm den gebärenden Platz unter den anderen Bölkenr zu erringen, es zu befähigen, an der großen Culturarbeit der Menschheit mit Erfolg mitzuarbeiten. Die jüdische Frau und das jüdische Mädchen aber werden nicht theilnahmslos zusehen. Wir werden den Beweis liefern,dass unser Volk Frauen und Mädchen hat, die es verstehen und lieben- Unser Lohn aber sei das Glück unseres Volkes, das Bewusstsein mitgeholfen zu haben an dem Werke geistiger Befreiung. Wir thun, was wir mit unseren schwachen Kräften können. Sei es ein Beispiel, das unserem Volke zu dem langersehnten Frieden verhilst, sei es aber auch ein Zeugnis, dass in uns allen der Geist lebt, der Geist unserer Ahnen, welcher der Menschheit die Leuchte der Sittlichkeit und Religion gab. Wir werden trachten, chn stets lebendig zu erhalten. An Ihnen ist es, uns zu helfen. Es ist kein Wunder, wenn diese Rede, welche ebenso wirkungsvoll vorgetragen wurde, als sie mit Talent verfasst ist, mit einem unbeschreiblichen Enthusiasmus ausgenommen