Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 58 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58. Sclbst-Emancipation Nr. 6 u. 7. Kämpfer hervor, dagegen läßt der Ruf Amerika zum Beispiel — wenn man nämlich dort die neue Heimat Israels gründen wollte, — die jüdische Volksseele kalt. Es rühren sich höchstens das höchste Elend, das keine Forderungen stellen darf, und der kühle Unternehmersinn. So aber wird kein ■ Volk wiedergeboren! Es ist auch nicht leicht, aus einem Handelsvolk ein Ackcrbauvolk zu machen. Nur Begeisterung kann diese Herkulcsarbeit bewältigen; mit geschäftsmäßiger Trockenheit wird sich dieser Schritt nicht thün lassen. Aus dem Boden seiner Ahnen wird der jüdische Bauer diese Begeisterung schöpfen, von fremdem und ihm gleichgültigen! Boden wird ihn der kleinste Misserfolg scheuchen. Es ist überhaupt nicht möglich, ein jüdisches Gemeinwesen anderswo als in Palästina zu schaffen, ohne sich einer Altcrnative auszusctzcn, welche den elementarsten Ansprüchen eines Heims für Israel wicdcrstrcitct. Es würde dies nämlich entweder ein Land sein, welches abseits vom Weltgctricbe liegt, und dorthin passt das rcgsanic, mittheilsamc, verkchrslustigc jüdische Volk, das vielmehr unter den Culturnationcn der Erde bleiben muss, nicht, — oder cs würde ein Land sein, in nächster Nähe der Culturzentrcn und daher der verderbenden Einflüsse derselben. Keine der beiden Gefahren, weder Versumpfung noch neues Golus, ist in Palästina zu befürchten. Es liegt einerseits inmitten der Culturwclt, andererseits ist cs vorläufig wenigstens von ihr abgeschlossen, so dass cs ihre Unsitten nicht ausilchmcn kann. Und noch eines ist zu bedenken. Palästina ist ein semitisches Land, Palästina liegt im Orient. Die Juden sind ein orientalisches Volk. Dort ivcrden sie sich heimisch fühlen, dort aber auch eine Culturmission übernehmen können, welche nach dem ganzen Laufe ihrer Geschichte ihnen und nur ihnen zukommt. Nicht umsonst haben sie auf ihrer zwcitausendjährigcn Wanderung durch die arische Welt sich einerseits arische Vorzüge ungeeignet, sich andererseits ihre semitische Eigenart bewahrt. So sind sie berufen, den Orient aus seiner Lethargie zu wecken, ihn der Geschichte wicderzugcbcn und ein großes Werk im Dienste der Menschheit zu thun. Nach dem Orient,' nicht unter lauter heterogene Völkerschaften, gehört das wiedcrcrstandene Israel. Rechnet man zu allen diesen prinzipiellen Gründen . noch hinzu, dass Palästina, trotz aller verleumderischer Angaben seiner Gegner ein fruchtbares Land ist, welches nur der Bebauer und einer geordneten Verwaltung harrt, dass Palästina leicht und schnell von den Hauptländern der jü-, bischen Diaspora zu erreichen ist, dass das türkische Volk, die türkische Regierung, der türkische Sultan, — Palästina gehört bekanntlich zur Türkei, — den Juden besonders gewogen sind, so wird es noch mehr klar, dass die Wahl der Stätte für das jüdische Ccntrum. nur auf Palästina fallen kann. Was der Zionismus ist, glaube ich nun, soweit dies in dem Rahmen eines Vortrages möglich ist, auseinandergcsetzt zu haben. Zum Schluffe will ich noch, um gewissen regelmäßig gegen den Zionismus erhobenen Angriffen zu begegnen, so kurz als möglich ausführen, was der Zionismus nicht ist, mache hiebei aber darauf aufmerksam, dass ich mich über dieses Thema bei anderen Gelegenheiten bereits ausführlich ausgesprochen habe. 1. Der Zionismus ist nicht reaktionär. Er ist es deshalb nicht,!veil er weder feudal noch klerikal, noch chauvinistisch-national ist. Die Assimilation hat den Fortschritt nicht gepachtet. Wenn sie ihn auf dem Wege der Vermischung sucht, so . ist das ihre Sache; es geht'aber nicht an, den Zionisten den fortschrittlichen Geist abzüsprechcn, weil sie dem jüdischen Volke ein eigenes Gebiet zur Bethätigüng desselben schaffen wollen. 2. Der Ziöuislnus ist weder eine Abart der Orthodoxie, noch eine solche des Reformjudenthumes, wie einerseits die Reformer, andererseits die Orthodoxen behaupten. Der Zionismus steht über den religiösen Parteien, er will sie, ohne ihre Ueberzcugungen zu bceinstußen, zu gemeinsamem Kampfe für das jüdische Volk einigen. Der Zionismus vertagt den Kampf der religiösen Ueberzcugungen bis nach dem Erreichen seiner Ziele. 3. Der Zionismus ist nicht antireligiös. Er kennt das innige Band, welches jüdische Nation und jüdische Religion umschlingt; er weiß, dass jene ebensowenig ohne diese, als diese ohne jene gedacht werden kann. 4. Der Zionismus ist nicht gefährlich. Der Antisemitismus keimte, wurde und gedieh zu einer Zeit, wo es noch keinen Zionismus gab, und gerade den assimilirtesten Juden gegenüber. — Nicht, dass wir Nation sind, ist der Kern der antisemitischen Theorien, welche der Zionismus angeblich unterstützen soll, sondern der Vorwurf, dass wir eine von Grund aus verderbte Nation sind. Es kann uns nur nützen, wenn die Völker unser Selbstbewusstsein und unseren Willen, sittlich uns zu läutern, merken. Bisher war myn das von uns nicht gewöhnt. Ucbrigens ist die Stimmung der Nationen gegen uns nur insoferne berechenbar, als wir wissen, dass wir ihnen so ziemlich nichts recht niachen können. 5. Der Zionismus ist nicht unpatriotisch. Derjenige, der aufrichtigen Herzens sein Volk liebt, hat ein wahreres Vaterlandsgefühl, als der Opportunist. Wer sein Volk leichten Muthes verlassen kann, ist nicht verlässlich. Der Zionist sucht für das ganze israelitische Volk ein Vaterland, weil die Thatsachcn cs verlangen; er liebt aber auch das Vaterland, in welchem er geboren ist, weil er in ihm lebt und inchr oder rvcniger geschützt ist. Die Interessen seines spccicllcn Vaterlandes und des ersehnten Vaterlandes der jüdischen Nation collidicrcn auch in keiner Weise. Der Zionist ist also weder in der Theorie noch in der Praxis unpatriotisch. .6. Der Zionismus ist nicht undurchführbar. Palästina, namentlich mit Zuziehung Syriens, hat Raum genug, um mehrere Millionen Juden aufzunehmen. Es hat die natürlichen Bedingungen, welche Voraussetzung des Gedeihens der Colonisativn sind. Das sagt die Wissenschaft, das sagen aber auch die seit 10 Jahren bereits gegründeten Colonien, welche sowol materiell als geistig gedeihen. Ihre arbeitsamen, hebräisch denkenden und zum Theilc auch schon hebräisch sprechenden Bewohner verheißen ein glückliches Gelingen des Werkes. Alan fürchtet den Siegcszug der Kosaken nach Jerusalem; als wenn die anderen Nationen lauter kleine Kinder wären, die sich das bieten lassen werden. Man denke doch an England. Man fiirchtct auch neue Krcuzzügc nach dem gelobten Lande. Ein Blick auf die Geschichte zeigt aber, dass der Einfluss des kirchlichen Geistes auf die Politik im steten Abnchmen begriffen, ist. Die Zeit der Kreuzzüge ist vorüber, wie das Mittelalter. Der Zionismus ist ebenso durchführbar, als er edel und großartig ist. Nur eines könnte feine Bestrebungen scheitern machen, und das wäre die Apathie des Volkes. Bei einem großen Theilc desselben jedoch haben wir diese Apathie schon besiegt; wir wollen hoffen, dass cs uns auch bei dem anderen gelingt. Dann steht nichts im Wege, um an unser Ziel zu kommen, welches. ohne jede Pastorale Symbvlisirung, in seinem einfachen schönen Wortvcrstande genommen, „Zion" heißt. '_ OriginaL-Correspondenzrn. Oesterreich-Ungarn. Wien» den 3. April 1892. Der Monat März bot dem Wiener Judentum die willkommenste Unterhaltung. JmGemeinderath und Landtag tobten nämlich die Antisemiten, man konnte die saftigsten Antiseinitengeschichten in den Tagesblättern