Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1892-04-07 · Heft 6-7 (7.4.1892) · p. Seite 56

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 6-7 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
Seite 56 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092717-3092723--0871-3093867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 56.Selbst-Emancipatton_9!r. 6 u. 7. den von ihm gedachten Voraussetzungen vorzustellcn. Diese Voraussetzungen aber sind falsch, die Mittel unsinnig, denn die Saat muß sich dem Boden und nicht der Boden der Saat accomodiren und deshalb können auch die gewollten Conseguenzen nicht eintretcn. Was aber in Galizien zu thun ist, darauf haben wir schon längst hingcwiesen. „Brechet die Ketten des Fanatismus, gäet dem Volke „mehr Licht", lehret sie ein menschenwürdiges Dasein sichren und einem sicheren Morgen entgegensehcn, und dann mögew sie selbst entscheiden, ob sie in ihrer nationalen Eigenart beharren, ob sie sich den Faden ihrer eigenen Geschichte weiter spinnen, aber auch ihrem Vaterlaude treue Bürger sein, oder ob sie ihre alte, ruhmreiche Fahne verlassen und auf dem Altäre fremder Götter opfern wollen."*) Man muß das Volk physisch und geistig stärken, sich seiner Aufilärung mit Leib und Seele widmen, ohne von ihni Selbstverleugnung und Sebstaufgebung zu fordern. Zu diesem Zwecke muß man freilich seine nationale Eigenart kennen, die Volksseele verstehen, in diesem unerschöpfficheu Born von Gesichten und Hoffnungen, Enthusiasmus und Verstandesschärfe, Geist und Gemüt, Ausdauer und Zuversicht den harmonischen Zusammenhang finden, für seine Ideale sich erwärmen und seine Leiden mitfühlen. Die äußere Tünche der Assimilation hat nichts erreicht und die radikalen Volksbcglücker werden ebenfalls die Judenfrage nicht lösen. Mit allgemeinen Heil,nethoden ist hier nichts anzufangen, die Judenfrage kann nur auf nationalem Boden gelöst werden. Sie muß eine Lösung haben, die auch zur Erlösung werde. — Die socialistische Agitation in die Mitte der friedlichen jüdischen Masse getragen, kann zwar Bruderzwist, Haß, Neid, Zwietracht in derselben erwecken, aber ihr Ziel d. i. die Assimilation, und das Mittel d. i. das Entstehen einer selbstbewußten, die Umwälzung der jetzigen Rechts- und Wirtschaftsordnung anstrebenden Classe wird sie nicht erreichen. Wir kennen nur Juden, schlechte und gute, d. h. Anhänger oder Berräther ihres Volkes, solche die mit Glücksgütern gesegnet, und solche, die Mangels jedweder Jndusttie oder producttven Erwerbes, wegen des noch zurückgebliebenen Cultur-Zustandes was ja Alles in Galizien der Fall ist — arm sind, aber Classengegensätze unter den Juden kennen wir nicht. Wir anerkennen die Existenz einer socialen Frage, die Notwendigkeit einer socialen Reform auf den, Gebiete der Wirtschaftsordnung., aber wir Juden haben keinen Anlaß, uns für das Wolergehcn anderer europäischer Völker einznsetzen. Wir können aber auch nicht so lauge warten — und es wird noch sehr lange dauern — bis, wie sich Bebel drastisch ausdrückte, der große Kladderadatsch losgeht. Wir haben schon genug geblutet für die Ideale der Menschheit, die Schlachtfelder der Freiheit waren auch mit unserem Blute durchttänkt, die Lieder der Freiheit haben auch unsere Brust erwärmt und gehoben, aber der Wahn, daß unser Heil von den europäischen Völkern kommen werde, hat die längste Zeit gedauert. Sind wir denn mit Blindheit geschlagen, daß wir das Zeichen der Zeit, das Jahrhundert der Individualität, der Nationalitäten, der Selbsthilfe nicht sehen? Alle Völker schaarcn sich um ihre Fahnen, nur unsere steht so einsam und verlassen von ihren Söhnen dal Mau will uns von außen einen Feind hineintragen, haben wir denn nicht genug Feinde unter uns selbst? Haben wir nicht genug Parteien im eigenen Lager, und da sollen wir die Schwachen, Bedrängten,- mit papierener Gleichberechtigung Ausgerüsteten uns noch mehr schwächen? Die socialistische Agitation in Galizien, die mit einer Zeitschrift in dem. sonst verpönten Jargon (auch ein-Beittag *) Vgl. meinen Artikel in der „S.-E." I. IL91 Nr. 6. zum richtigen Verständnis der Assimilation) arbeiten will, muß'kläglich mißlingen. Auch mit der Chimäre der Beseitigung des Anttsemittsmus, oder richtiger des eingewurzelten Judenhasses und Brodneides, kann nichts ausgerichtet werden. (Schon jetzt läßt es sich eine socialistisch angehauchte sog. demokratische Zeitung in Lemberg nicht nehmen, bei jeder Gelegenheit in pöbelhafter Weise die Juden anzugreifen, eine andere sog. liberale Zeitung.nennt Herrn Feldmann, einen Assimilanten reinsten Wassers, der sich in der polnischen Literatur einen angesehenen Namen erworben hat, nicht anders als den „jüdischen Socialisten" Feld mann.) - Unseren Gcsinnungsgenosson in Galizien aber erwächst jetzt um so mehr die Pflicht, das vernachläßigte Werk einer wahren Volksaufklärung und Volkserlcuchtung wieder aufzunehmen und gedeihlich fortzuführen. Die jüdische Solidarität, die ja das beste Zeichen eines nicht nur confessionellen, sondern auch nattonalen Bandes ist, und die ja in Galizien noch auf gesunder Grundlage beruht, wird das Meiste zur Regeneratton und Erlösung der jüdischen Nation beittagen. Unser Heil kommt nur von uns selbst und durch uns selbst. Wien, am 5. März l892 Saul Raphael. Die Orthodoxen in Ungarn und das Nationaljudentum. Jedes der israelitischen Religionsseste, jedes der israelitischen Religionsgesetze erinnert uns an unsere Nattonalität, an unser aüserwähltes Volkstum, weil es uns die Momente zum Bewusstsein bringt, welche uns von den anderen Völkern unterscheiden. Die Bibel, die Profeten, der Talmud verkünden uns eine glänzende Zukunft, verheißen uns die Heilung unseres verunglückten Volkes. Das Judeutuni als Religion und das Judentum als Nation gehören so innig zusammen, wie Flamme und Kohle. Der ist also kein Jude mehr, der nicht alle Söhne seines Volkes mit inniger Liebe umfasst, der nicht auf die messianische Zeit und die Erlösung Israels hofft und nicht an die Verheißungen der Profiten glaubt; er. leugnet die göttliche Lehre, leugnet die Vergelmug des Guten und Bösen in ihrer Anwendung auf die Gejammtheit des Volkes, dem ja eben dafür, dass es so standhaft in seiner Verehrung des einzigen Gottes ausgeharrt hat, ein herrlicher Lohn zngesichert ist. Diejenigen aber, welche an das Kommen des Messias glauben, sind verschiedener Meinung darüber, wie die Hilfe aussehen und in welcher Art sie kommen werde. Es verhält sich dies gerade so wie z. B. mit dem Glauben an die Wiederbelebung der Todten, welche die Einen als leibliche, die Anderen als rein geistige Auferstehung auffassen. In solchen Dingen bleibt es eben dem Forscher überlassen, die Lehre' der Bibel und des Talmuds je nach der individuellen Gemüths- und Geistesart auszugestaltcn. So sieht Such der Eine dem Erlöser entgegen, der mit einem Schlage Heilung bringen wird, während sich der Andere ein allmäliges Aufdämnlern des Erlösungsmorgens denkt; aber gläubig sind Beide. Der Eine beweint den Untergang des jüdischen Staates und die Zerstreuung und zweitausendjährige Wanderschaft des jüdischen Volkes; der Andere, der Nationale, sieht ein, dass nur, wenn jeder Jude fein Möglichstes thun wird, um das Elend seines Volkes zu erleichtern, wenn wir selbst die Arme nicht verschränken werden, wenn wir selbst unsere Fesseln zerreißen werden, Gott seine Hilfe schicken wird. Er begreift, .dass wir in Übereinstimmung mft dein größten aller Profeten Jesajah und mit den Rabbinern des Talmuds durch Hilfswerke, ftir unsere Stadt und unser Land die Erlösung beschleunigen können und' müssen, und baut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.