Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 55 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 u. 7. Selbst-Emancipätion Galizien und die Absichten der sich zur Erbschaft nach derselben anschickenden socialistischen Partei ins rechte Licht zu stellen. Man konnte es übrigens voraussehen, daß die galizische Social-Demokratie ihr hauptsächlichstes Augenmerk auf die Juden werfen würde. Bilden sie ja doch seit jeher das Groß der nicht nur rechtlich, sondern auch wirtschaftlich Enterbten, der Proletarier. Bei den eigentümlichen volitischen und wirthschaftlichen Verhältnissen des Landes, Herrschaft einer adeligen, conservativ-clericalen,. von der Ueberzeugung einer historischen Mission getragenen Partei; ein in Verdummung und Finsternis zurückgebliebener Bauernstand, der deshalb ein gefügiges Werkzeug in den Händen der alle Bestrebungen auf Civilisation des Volkes abwehrenden Magnaten ist; Mangel an einem eigentlichen bürgerlichen Mittelstände mit Ausnahme der Juden; das Darniederliegen von Gewerbe und Industrie — ist diese Partei überzeugt, daß ihre Theorien hier keinen besonders geeigneten Boden finden würden. Der Lemberger Parteitag hatte daher vollauf Zeit, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen. Der Referent, Herr Daszynski.'der „polnische" Lassalle, schloß sich in seinen Ausführungen der Brüssel'er Resolution an, fügte aber gewisse Aeußerungen hinzu, die nicht nur der Ausdruck einer genauen Kenntnis der jüdischen Volksseele sind, sondern auch den Ueberzeugungen und Wünschen weiterer christlicher Kreise entsprechen. Er unterschied unter den Juden drei Strömungen und zwar die assimilatorische, die emigrationssüchtige und die nationale, oder wie er sie nennt separatistische. Wenn ihm auch keine als berechtigt erscheint, so glaubt er doch der geschichtlichen Logik und der Macht der Thatsachen Rechnung tragend, zugeben zu müssen, daß die letzte, d. h. die nationale Strömung, die meiste Aussicht auf Erfolg hat. Ein Gegenwicht sei nur zu finden, meint er, in der Erweckung des Classenkampfes, in der Gewinnung der großen Masse für die socialistischen Ideen, zu welchem Zwecke auch die Versammlung entsprechende Beschlüsse fassen möge. Diese Aeußerung eines Nichtjuden über die positiven Ergebnisse der Assimilation kann Niemanden, der genauer in die Verhältnisse eingeweiht ist, Wunder nehmen; zumal ja die maßgebenden Kreise in Galizien die Assimilation stets mit scheelen Augen ansahen, und dem Juden, dem einst so gedemütigten Factotum der immer Geld benöthigenden Adeligen, nicht so leicht eine gleichberechtigte Stellung neben sich einräumen wollten. Die Assimilation gieng von jüdischen Männern aus, die voll ehrgeizigen Strebens, ihr Polentum stets zu Markte trugen, . dem nationalen Chauvinismus -schmeichelten, und durch Schlagworte, wie „Verbürgerlichung" „Vergesellschaftung" der großen jüdischen Masse ihrem Werke die Krone aufzusetzen suchten. In Wirklichkeit hatten sie eher deutsche Anschauungen als polnisch-nationale Ideale, welchen sie eben so ferne standen, als den Bestrebungen ihres Volkes.*) Diese kühl berechnenden Alten fanden in der dem Judentum bereits ganz entfremdeten Jugend einen begeisterten Anhang. Alles wurde daran gesetzt, das jüdische Volk zu polonisiren; man begnügte sich nicht mit dem polnischen Patriotismus, mit der Liebe zum Lande, man musste schwärinen, für das, was man nicht fühlte, was man nicht verstand. Trotzdem werden die Juden bei jeder Gelegenheit erinnert, dass sie hier einst so gastfreundlich ausgenommen wurden und dass sie sich bis nun noch nicht dankbar erwiesen haben; sie werden Ausbeuter des Volkes, Friedensstörer, Fremdlinge genannt, während man sich mit demselben Athemzuge gegen den Vorwurf des Antisemitismus*^) der ja, wie sich der jüdische Abgeordnete Herr Dr. Byk im Parlamente „geistreich" ausdrückte, „ein spezielles Wiener Gewächs" sei, verwahrt. b*) Vgl. meinen Artikel in der „Selbst-Emancipatioil" I. 1891 **) Die sattsam bekannte „Podhajcer Affaire" nnd in letzter Zeit die Geschichte der Salzhandel-Gesellschaft. Zur letzteren vgl. die sich als „philosemitisch" gerircnde „Trybuna" 1897 Nr. vom 13. Februar. Der socialistische Congress in Lemberg hat nun Klarheit geschaffen. Ein eifriger Verfechter der assimilatorischen Heilslehre, von dessen zwar kurzer, aber intensiver agitatorischer Tätigkeit die zahlreichen kurzlebigen Abonnements eines gewissen Assimilations-Organes den besten Beweis liefern, hat selbst über sie den Slab gebrochen. Herr Suesser, der wol ein Mandat haben dürfte, im Namen der polnisch-national gesinnten jüdischen Jugend zu sprechen, schloß sich den Erklärungen des Herrn Daszynski an, und entwickelte sein eigenes Programm mir Rücksicht aus das Verhalten der Socialdeinokratie gegenüber den Juden. Er gebe zu, daß die assimilatorische Thätigkeit bis nun keine Früchte getragen habe, doch glaube er die Ursachen nur in den Verhältnissen und nicht in den Personen zu finden. DaS Losungswort der jüdischen Bourgeoisie >!) „Verbürgerlichung" sei eine Phrase geblieben, weil mau dasselbe auf falschem Wege realisiren wollte. Es gehe nicht an, nur durch Beseitigung des Chalat*), des Jargons, durch oberflächliche agitatorische Tätigkeit, schöne Worte, Ausrufe, wie dies bis nun geschah, das große Ziel zu erreichen, und es sei gut, dass es so geschah.**) Herr Suesser scheint selbst etwas wie Schadenfreude über das Misslingen seines eigenen Werkes zu empfinden und doch scheut er sich die richtigen Consequenze» daraus zu ziehen, sondern stellt wiederum dasselbe impotente Programm als das freilich mit anderen Mitteln zu erstrebende Ziel hin. Man hat bis nun nichts erreicht, nun solle der Svcialismus, der Retter in der Not, helfen. „Durch Erweckung des Classenkampfes," heißt es, „würde dir jüdische, religiöse und wirtschaftliche Solidarität gebrochen und das ersehnte Ziel d. i. die Assimilation herbeigeführt werden." „Die jüdische Solidarität, jene Saite, auf der die „oberen Zehntausend" bisher die melodiösesten Töne hervorriefen (!), die bei ihnen dieselbe Stelle vertritt, tvic der nationale Chauvinismus bei den unteren Sphären anderer Völker***), sei das einzige Hindernis der s. g. Assimilation. Die Zerstörung dieses Bandes sei für uns die wichtigste Ausgabe. Denn so lange die bedrohte Bourgeoisie nicht aushören wird, sich in den Augen des Volkes zu indentificiren mit der Unantastbarkeit der Religion und des Cultus, so lange kann von einem Selbstbewustsein des jüdischen Proletariates und Beseitigung der jüdischen Solidarität keine Rede sein. Die Differenziruug der jüdischen Masse, und Gleichstellung des Classenkanipfes unter ihnen mit dem anderer Völker, würde das Meiste beitragen zur Erreichung der Assimilation." Also der Socialismus, ein Schleppträger semitischer Bestrebungen, ein Hilfsmittel zurRealisirung nationalen Eigendünkels, das ist wohl die allerneneste Erfindung, auf welche die polnischen Socialisten Patent nehmen sollten! Es muß betont werden, daß die socialistische Agitation in Galizien nicht Selbstzweck ist, nicht die Anbahnung einer besseren wirtschaftlichen Existenz, Beseitigung der kapitalistischen Productionsweise zu ihrem Ziele hat, sondern, wie der Antragssteller selbst erklärte, — Erweckung des Classenkampfes, dieses einzigen Mittels zur Zerstörung jüdischer Solidarität, behufs Ermöglichung des bis nun mißglückten Assimilationswerkes. Freilich hat Herr Suesser auch das Bestreben, das jüdische Volk — er nennt es Masse — zu geläutertem Selbstbewußtsein zu bringen, sein Intelligenz-Niveau.zu erhöhen und ihm eine menschenwürdige Existenz zu bereiten. Doch um welchen Preis? Er ist Pole «!< und Socialist, resp. polnischer Chauvinist mit socialistischen Allüren, und dies genügt, um zu zeigen, daß er nicht im Stande ist, sich dies Alles anders, als unter *) Langer Rock der polnischen Juden. **) Vgl. den Auszug aus dem Protocoll des Congresies in der „Ojczyzna" I. 1892 Nr. S. ***) Gehört der polnische Chauvinist Suesser auch zu den „unteren Sphären" V