Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 54 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 54. Selbst-Emancipatton M. 6 u. 7. entschiedenst protestiren, sowie dagegen, daß manderlei Bestrebungen als Ausflüsse nationaljüdischer Gesinnung, . als einen Programmpunkt der zionistischen, Partei erkläre, wie dies einige. assimilatorische Zeitschriften mit leider berechtigtem Hohne zu thun sich beeilt haben. Die kleine Gruppe unserer Freunde aber, welche sich, wie wir annchmen, gegen ihre bessere Einsicht von Einzelnen verleiten ließ, dem nationalen Judentum ganz unnötigerweise das Burschenwescn zu schenken, bitten und beschwören wir. diese unglückselige, Spielerei bei Seite zn lasten. Die zionistische Partei hat nichts dagegen, und kann nichts dagegen haben, wenn ihre jugendlichen Anhänger die Köpfe nicht hängen lassen; sie hat auch nichts dagegen, im Gegentheile sic sieht cs gerne, wenn sich dieselben durch Leibesübungen stählen, und der körperlichen Ghettoverkümmerung des jüdischen Stammes entgegenarbeiten; sie begrüßt cs endlich mit Freude, wenn jüdische junge Leute sich freundschaftlich und zu gemeinsamem Wirken für ihr Volk zusammenthun. Die jüdisch-nationale Partei kann es aber nie billigen, daß dies alles iii den reactionären Formen eines fremden Volkes geschehe, daß die natürliche Jugendlust in eine gemachte Tollheit, daß der Wunsch nach Stärke und Ge- ' wandtheit zum Händelsuchen und sinnlosen Schlägereien, daß der Solidaritätssinn zum beschränkten Kastengeiste werde, — mit einem Worte, daß ein unechtes Nationaljudentum entstehe aus, Kosten des wahren und reinen jüdischen Geistes. Zur Tage in Böhmen. ii. Die das jüdische Interesse tangirenden Ereignisse in Böhmen, haben infolge ihres nationalen Charakters anch für uns Interesse und daher schenkt ihnen die „S. E." die Beachtung, welche sie den „jüdischen" Ereignissen in anderen Ländern versagt. — zum Unterschiede von vielen jüdischen Zeitungen, die ihr ganzes Können daran setzen, über das Wachsen und Fallen — namentlich Letzteres — des Antisemitismus, über Ernennungen unserer Glaubensgenossen, überhaupt über jede jüdische oder antiseinitische Lappalie ihre Leser zu informiren, wobei natürlich für das Judentum ein Nutzen gleich Null hcrauskommt. Im Prager Josefftädterderzeit jungtschechischcn Bürgerclub, welcher zum größten Thcil jüdische Mitglieder zählt, wurde anlässlich einer Wählervcrsämmlung vom Äbg. Jnwald über den Antisemitismus Klage geführt. Im weiteren Verlaufe der Versammlung wurde ziemlich unverblümt mit einer eventuellen Abschwenkung der Juden vom jungtschechischcn Programme gedroht. Da nun die Inden iin Böhmen politisch eine nicht unbedeutende. Rolle spielen, und ihr Einfluß nicht unterschätzt werden darf, sahen sich Jungtschechen genötigt, die Thatsache ihres Antisemitismus zu dementieren, und selbst der wackere V a ch a t y erklärte in einer Wählerversammlung in Prag, dass er die Weisheit,, mit der nian ihn, den fteisinnigen und demokratischen Menschen, zum Antisemiten stemple, unbegreiflich ' finde. Aber ihm Herrn Dr. Vachaty musste sofort nach dieser Aeußenmg die Erkenntnis gekommen sein, dass dieselbe im Widerspruch mit seinem faktischen Wirken stehe und, dass cs daher vorthcilhafter sei, Nichtantisemit mit — Vorbehalt zu sein, denn er fuhr fort: „Ich bin kein Anttsemit, aber, — wenn man sieht, wie die jüdischen Blätter z. B. die „Neue freie Presse" aus bloßer Profitmacherei alles Tschechische und Slavische, beschimpft und angreift, dann'muss man, wie Dr. Lueger in Wien, Antisemit aus Notwehr sein. Wenn die Juden in Prag nicht provozieren würden, so gäbe es daselbst keine politischen und nationalen Reibereien. Herr Dr. V a sch aty hat durch und bei den Wiener Antisemiten Carriöre gemacht, er hat sie vortrefflich copirt und steht z. B. dem Dr. Lueger in Nichts nach. Er ist im Stande, seinen Abscheu vor dem Antisemitismus und die schönsten antisemitischen Schlagwörter, seine freisinnige und demokratische Gesinnung und seine unbegrenzte Verehrung für die russische. Regierung in einem Athemzuge zu äußern; und dabei sitzt er gar fest im demokratischen und freisinnigen Jungtschechenclub als einer der Ersten und Berühmtesten. Die Komödie, welche die Jungtschechen jetzt aufführen, ist nicht neu in der Geschichte. „Nun ja! wir müssen praktischen Nutzen, wenn nicht für die Partei, so doch für uns erzielen, wir dürfen nicht wählerisch in den Mitteln sein, die uns zum Ziele führen, hilft uns nicht der Liberalismus, sy sei uns die Reaction willkommen. Am allerwenigsten werden wir besondere Rücksichten nehmen, wenn es sich nur um die Juden handelt. Die Juden sind gewöhnt, dass man sie mit Fußtritten trakürt; brauchen wir sie wieder einmal, so verzeihen wir ihnen und versprechen ihnen Gleichberechtigung, Achtung und Freiheit. Sie haben dann die Prügel schon wieder vergessen." So ungefähr lautet der Calcuch Und die Juden in ihrem Optimismus glauben wirklich an das Ende des Antisemitismus, glauben daran inniger und fester, als an die Ankunft des Messias. Sie sollen aber, ehe sie - eine Partei unterstützen, sich erst überzeugen, ob diese ihnen dauernden und wirksamen Schutz angedeihen lassen kann. Sind die Verhältnisse derart, dass, wie z. B. in Böhmen, von dem Verhalten der Juden wichtige oder unwichtige Entscheidungen abhängen, so müssen sie doppelt vorsichtigt sein, iveil ihre Verantwortung eine große ist. Die Juden in Böhnem können sich nicht mit den Tschechen oder Deutschen identifizieren, sie müssen sich offen, als das erklären, was sie in Wirklichkeit sind, als „die dritte Nation." Gustav Seidemann. Der Sonalisnrus und die Juden in Galtzien. Das Gespenst der Judenftage kommt nicht -"zur Ruhe. Unstät und flüchtig, mit grinsendem Angesichte taucht es hervor, bald hier, bald dort und voll unheimlicher Angst sieht sich jeder Stand, jede Partei, jede Elaste, mag sie dem leidenschaftlichen Alltags-Getriebe noch so entrückt, und den höchsten Idealen der Menschheit noch so nahe sein, gezwungen ihre Stellung derselben gegenüber zu bezeichnen. Auch die socialistische Partei hat davon keine Ausnahme gemacht, sie, die hervorgcgangen aus dem Communismus der Liebe St. Simon's. emporgesprossen aus dem Streben nach Gleichberechtigung Aller, die nichts als die Arbeitskraft ihr Eigen nennen, nach wirthschaftlicher Gleichheit lind Gerechtigkeit, und die Verewigung der Proletarier aller Länder erstrebend, doch gewiß über alle jndenfeindlichen Vorurteile erhaben zu sein schien. Der Brüsseler Arbeiter-Congreß wußte dieser Frage noch auszuweichen, indem er über den Antrag des Delegirten der hebräischen Arbeiter-Syndicate in Amerika Cohan, zur Judenftage Stellung zu nehmen, zur Tagesordnung überging, andererseits in einer Resolution u. A. „die nur auf ein 'Manöver der Capitalistenclasse und der politischen Reaction zurückzuführenden anti-und philoseinitischen Hetzereien" verurtheilte. Letztere Resolutton gab wegen ihres nichtssagenden Inhaltes und der angeblichen Nachsicht gegenüber den jüdischen Elementen in Arbeiterfteiscn zu einer großen Verstimmung Anlaß, wie Herr D asz insk i auf dem Ende Jänner d. I. in Lemberg versammelt gewesenen polnischen socialdemokrattschen Congresse erklärte. Der Lemberger Provinzialtag befaßte sich überhaupt eingehender mit der Judenftage. Wenn wir demselben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, so geschieht dies in erster Linie wegen der großen Zahl unserer Brüder in Galizien, 772.000 nach der letzten Volkszählung von 1891, und zweitens, weil die Vorgänge auf dem Lemberger Congresse geeignet sind, das Masco der langjährigen assimilatorischen Wirtschaft in