Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 6-7 (7.4.1892)
- Date
- 1892-04-07
- Page
- Seite 53 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 u. 7. Selbst-Emancipation Seite 53. durch die hebräische Nationalsprache, — alles das und noch vieles Andere gehört in das genannte Programm. Die verschiedenen Palästina-Vereine Europas sollten in diesem Sinne ihre Vereinszwecke erweitern; jetzt ist es gewiss nicht an der Zeit, die zionistische Action blos auf Auswanderer nach Palästina, gegenwärtig die für die Zionisten unbequemste Classe, zu beschränken. Außer ans die Propaganda sollte jetzt jeder national-jüdische Zionsverein, jeder Zionist sein Hauptaugenmerk auf die Hebung der Cnltur aller socialen und wirthschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung des heiligen Landes richten, in dieser Richtung thätig und hilfreich sein. So wie wir unsere Brüder in Europa erziehen müssen, dass sie den Drang nach Palästina in sich fühlen, so auch unsere Brüder dort selbst, dass sie durch ihre steigende culturclle Entwicklllng und ihre nationale Gesinnung zur Erweckung dieses. Dranges beitragen. B. Das asstinilirte Nationaljudentum. Das Nationaljudentum ist ein geharnischter Protest gegen die Assimilation. Als solches ist es der berufene Hüter der Volkseigenart, die es vor jeder Antastung schützen soll. Es muss sich daher dieser Rolle auch gegenüber dem Missbrauch erinnern, der mit dem Worte „national" selbst getrieben wird, indem man dasselbe in jener inhaltsleeren und declamatorischen Bederltnng nimmt, welche es bei einem Theile der Arier erhalten hat. Wenn Jüdisch-national-sein nichts Anderes sein soll, als das Sich-Berauschen an dem wiederholten Klange des Wortes „national", als ein ninunermüdes Sich-Ergötzen an nationalem Formelkram, mit einem Worte, als ein fashionabler Sport, so danken wir dafür. So „national" zu sein, können sich Völker erlauben, welche ausgesorgt haben oder besser, da sie für ihre nunmehrigen socialen Verpflichtungen kein Verständnis besitzen, ausgesorgt zu haben glauben. Für die Juden ist keine Zeit zu derlei Possen. Unser Volk ist in fiirchterlichster Bedrängnis, es muss aus derselben gerettet werden. Das ist ein Hochernstes Unternehmen, welches sich mit Geckereien nicht verträgt und Geist und That, nicht Flitter und Phrase erfordert. Borgen wir uns aber diese letzteren geradezu bei anderen Nationen aus, so thun wir das denkbar Widerspruchvollste. Wir assimiliren dann unser nationales Gefühl selbst bis auf das Aeußerste, wir cntivürdigen es, indem wir es zu heiligen vorgeben, durch die Nachäffung fremder nationaler Aeußerlichkeiten. Es hat in den letzten Monaten einer Schaar junger Gesinnungsgenossen, welche offenbar von den besten Absichten geleitet waren, beliebt, in einer österreichischen Provinz-Universitätsstadt die dortigen nationaljüdischen Studenten unter dem Gesichtspunkte der „Burschenschaft" zu vereinigen. Farbige Tellermützen nebst den sogenannten „Cerevis", tricolore Bänder, Pankereien und Duelle, daneben der eigenthümliche Jargon der deutschen „Burschen" in Leben und Kneipe — alle diese Dinge sollen ebenso viele Mittel sein, um die nationaljüdische Idee einerseits in ihren Anhängern selbst zu befestigen und andererseits den Nichtgesinnnngsgenossen Respect einzustößen. Der erstere Zweck kann nun damit gewiss nicht erreicht werden, und zwar sowohl aus einem tief innerlichen als einem äußerlichen Grunde. Eine allen Anfechtungen Stand haltende jüdisch-nationale Gesinnung kann nur dort Wurzel fassen, wo jüdischer Geist, wo die großartige und imponirende .Lebensanschauung des Völkchens Israel vorhanden ist. Wie die Palme nicht in der Nebelwelt des Nordens gedeihen kann, so kann sich der jüdisch-nationale Gedanke nicht in den Formen „feuchtfröhlicher" Burschenschaft entfalten, gibtesjakeinen größeren Gegensatz als den, welcher zwischen den Ueberlieferungen des Bibelvolkes und den germanischen Heidelberger Bnrschenschaftstraditionen besteht. Da der lärmende, sinnliche Freudentaumel des arischen Pessimismus, dort der heitere sinnige Ernst des semitischen Optimismus. Und gerade ein nationales Judentum soll sich dazu hergeben, solche Widersprüche aneinander schweißen zu wollen, statt darnach zu trachten, dass der jüdische Student tvieder mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu dem erquickenden Borne ^seines jüdischen Volkstnnis zur ückkehre, in die Anschauungen desselben sich einlebe, wahrhaft wieder Jude werde? Die „Burschenherrlichkeit" muss den jüdischen Studierenden ja schon ans rein äußerlichen Gründen von diesem seinem Ziele entfernen. Das Burschsein occupirt bekanntlich den ganzen Menschen, ritterliche und nnritterliche Beschäftigungen verschiedener Art füllen seine Zeit aus und lassen ihm keine Zeit für eine ernstere im Interesse der Rettung unseres Volkes geübte Thätigkeit. Das „Nationalsein" ist ihm Selbstzweck geworden, während es ihm nur Mittel zuni Zwecke der Volkswohlfahrt sein sollte; es ist eine gekünstelte Erregung seiner Phantasie, während es eine natürliche Regung seiner Seele sein sollte. Und daher schwindet dem „jüdisch-nationalen Burschen" in einer Unmasse von Details der große Gedanke, in einer Menge „nationaler" Exercitien die nationale That. Ebensowenig aber als die „jüdisch-nationale Burschenschaft" zur Stärkung des nationalen Bewußtseins beitragen kann, ist sie im Stande, die Achtung Anderer vor unserer oft verkannten und verspotteten Sache zu erhöhen. Im Gegentheile, auch hier ist sie, von vorübergehenden Scheinerfolgen abgesehen, nur negativ zu wirken in der Lage. Was zunächst die Arier betrifft, so habeil wir bis jetzt alles Andere eher vernommen, als daß die arischen Studiengenossen der erwähnten „jüdisch-nationalen Burschen" besonderen Respect vor ihren Nachahmern bezeugt hätten. Es ist auch klar, daß ihnen diese neueste jüdische Schöpfung als ein Mißbrauch, als eine Carricatur ihrer eigenen nationalen Ideale gelten muß. Diese Verirrung kann auf den Arier, speciell ben Deutschen, keinen besseren Eindruck machen, als der Weihnachtsbaum im jüdischen Hause auf den Christen. Doch die jüdischen Jünglinge, lvird gesagt, werden durch die „jüdisch-nationale Burschenschaft" der nationaljüdischen Idee geneigter gemacht. Wir wollen hier nicht näher darauf eingehen, wie geringen oder wie wenig dauernden Werth Werbungen solcher Art haben, vielmehr bloß auf eine Thatsache Hinweisen, welche so gewaltig ist, daß ihr Ruf deil Erdkeis durchhallt und vielleicht nur in manchen entlegenen Erdwinkeln überhört wird. Wir meinen die sociale Bewegung. Sie ist es, welcher die jüdischen Jünglinge in Hellen Scharen folgen; sie ist es, welche dieselben, mag sie sie auch in manchen Beziehungeil irre führen, mit vernünftigem Widerwillen gegen die Spielereien des europäischen Nationalismus erfüllt. Der erdrückenden Mehrheit der jetzt die Gymnasien verlassenden Juden erscheint das bllrschikose Thun und Treiben der „national" gesinnten Körperschaften ebenso als eine Lächerlichkeit, als es ihren Vorgängern noch vor einem Jahrzehnt als Summe aller Jugendweisheit galt. Und da soll unsere junge zionistische Bewegung die Unklugheit begehen, sich diesen Zopf anzuhängen, den die fortschreitende Zeit in die Rumpelkammer zu werfen sich anschickt, wie sie es mit anderen gleichwertigen Dingen schon gethan hat? Der heutige Socialismus hat seinen übertriebenen und unbegründeten Haß gegen das natürliche nationale Gefühl und. Bewußtsein aus den Auswüchsen des europäischen Nationalismus geschöpft. Sollen wir uns nun jede Aussicht auf die Gewinnllng neuer Anhänger unter der fast durchwegs socialistischen oder doch socialistisch angehauchten jüdischen Jugend dadurch benehmen, daß wir fremde als national sich ausgebende Alfanzereien acceptiren? Wir können also aus inneren sachlichen Gründen sowohl, als aus Gründen der Taktik niemals die Einbürgerung des Burschenwesens in der nationaljüdischen Studentenschaft gutheißen; wir müssen gegen, alle diesbezüglichen Versuche