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Selbst-Emancipation · 1892-04-07 · Heft 6-7 (7.4.1892) · p. Seite 52

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 6-7 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
Seite 52 (sequence 2)
Language
German
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Seite 52. Sclbst-Emancipation Nr. 6 u. 7. und beabsichtigen keineswegs, das Alles zu wiederholen, sondern bloß soviel, als wir für unseren heutigen Gegenstand benötigen. Bekanntlich hat das Einwanderungsverbot der Pforte dem sinnlosen Zuströmen der russisch-jüdischen Massen nach Palästina Halt geboten: aber es kam größtenteils zu spat, nämlich zu einer Zeit, wo das Unheil schon angerichtet war, d. h. wo bereits viele tausende aller Mittel entblößter Menschen plötzlich in ein Land gekommen waren, das ihnen noch keine Arbeit zu gewähren hatte. Was sollte dieses Land ohne Fabriken, ohne rationellen Ackerbau mit solchen Leuten anfangen? So entstand Roth und Elend, in Folge dessen auch Krankheiten,, wodurch die Palästinabewegung discreditirt wurde. Das Alles aber ist nur darauf zurückzuführen, dass nian die Grundabsicht des Zionismus für einige Zeit außer Acht elassen, die Zionsbewcgung mit der einfachen Auswanderungsewegung verwechselt und das Volk auf diese Weise falsch beratheu hatte. Der Zionismus ist ja seiner inneren Natur nach keine Hilfsbcwegung zur Beseitigung einer augenblicklichen Noth, sondern jene Bewegung, welche die Wurzel aller Judenverfolgungen treffen und solche unmöglich machen will; der Zionismus wendet sich ja nicht gegen einzelne Akte des Golus und mögen sie noch so erschütternd sein, sondern gegen die ganze Tragödie desselben. Daher hätte er auch gerade im Interesse des Volkes Israel und seiner Söhne mehr aus das Land Israel, als auf die flüchtigen Israeliten Rücksicht nehmen muffen. Würde er dies von allem Anbeginne gethan haben, so wäre er vielleicht schon jetzt in der Lage, dem momentanen Einwanderungsbedürfnissc mehr Genüge zu leisten, während er. da er es nicht that, nun rathlos und verlegen vor den verschlossenen Häfen Palästinas und dem dortigen Elende steht, sämmtlichc Ziussland verlassende Juden aber nach Argentinien ziehen lassen muß. Das wäre erspart geblieben, wenn man das Allernotwendigste nicht vergessen hätte, nämlich Palästina in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auf seine Rolle als Heimstätte, als Mittelpunkt der jüdischen Nation vorzubereiten. Was die politischen Schwierigkeiten betrifft, so wird es gut sein, auch in dieser Beziehung allen Optimismus und alle Leichtgläubigkeit abzustreifen. Nicht aus sanitären und auch nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wiewohl beide mit Recht geltend gemacht werden könnten, sondern einzig und allein aus politischen Gründen hat die Pforte die weitere Einwanderung russischer Juden in Palästina untersagt. Das beweist die äußerst strenge Praxis des Verbots, welche auf die höchsten Machtfactoren des Staates zurückzuführen .ist, das beweist auch der letzthin erhobene Prötest gegen die Ausiedlung der Friedmann'schen Expedition in dem Palästina benachbarten, aber noch auf ägyptischem Boden liegenden Midjan. Die Türkei traut eben dem Landfrieden nicht und fürchtet ein neues Griechenland oder Serbien, diesmal in Asien, dem für sie wichtigeren Erdtheile. Dieses voraussehbare Bedenken glaubte man nun seltsamer Weise durch die bekannte Vogel-Strauß-Politik umgehen zu können. Man vermied zwar so gut es ging den Schein einer politischen Partei, aber man ließ in der nonchalantesten Weise Schiff auf Schiff mit emigrirenden Juden nach dem heiligen Lande ziehen. Die Folge war, dass die Pforte die Bethcuerungen der Zionisten, keine politische Partei zu sein, nicht ernst nahm, vielmehr davor zurückschreckte, Palästina in aller Ruhe mit jüdischen Bewohnern füllen zu lassen. Sie hatte gerade durch die Unschuldsmiene, welche die Zionisten aufgesetzt hatten, Verdacht geschöpft. Anders wäre es gekommen, wenn man von vorneherein durch Anwendung diplomatischer Mittel die Türkei zu überzeugen gesucht hätte, dass, wie es ja thatsächlich der Fall wäre, eine jüdische Provinz Palästina fiir den Osmanenftaat, im Interesse der Hebung der Cultur und im Interesse der Stärkung des Orientalismus nur von großarttgem Vortheile sein könnte. Mit diesen Ueberzeugungsversuchen hätte man endlich durchdringen müssen, — und wäre dies bis heute noch nicht der Fall gewesen, so würden wir wenigstens die Beruhigung genießen, nichts verdorben zu haben. Diese Beruhigung haben wir nun nicht. Aber noch immer ist die Sache nur erschwert, nicht verloren. Die Erwirkung einer gesetzlichen Aufhebung des bekannten Verbotes und von Garantien gegen die. Erlassung ähnlicher Verbote in Zukunft ist noch immer möglich. Freilich ist der zweite wichtigere Theil dieser Aufgabe, die Erlangung der erwähnten Garantien, ein besonders schwer zu bewältigender, und wird auch nicht so bald im Angriff genommen werden können. Voraussetzung ist, dass die einflußreicheren Gruppen des Judenttuns, jene, welche im Westen Europas und iii Amerika leben, sich zum Zionismus bekehren, dass also dieser eine allgemein jüdische Volksbewegung wird, welche im Stande ist, ihren Wünschen nach allen Richtungen hin Ueberzeugungskraft und Nachdruck zu verleihen. Von diesem Vorziele sind wir aber noch sehr weit entfernt, und nur die regste Propaganda kann ein Näherkommen beschleunigen. Das ganze jüdische Volk muß, wie wir dies in den letzten Monaten mehrfach betont haben, zum Zionswillen erzogen werden, bevor wir an die Colonisation im großen Maßstabe werden denken können. Wenn aber die Gutmachung des begangenen politischen Fehlers lange Zeit in Anspruch nehmen wird, die wir zumeist und zunächst mit der Volkserziehung auszufüllen haben, so ist damit noch nicht gesagt, dass wir in Palästina selbst weiter nichts zu thun haben. .Im G.'gentheile muss sich hier der zweite Theil der Vorbereitung Palästinas zum nationalen Centrum Israels, die wirtschaftliche Vorbereitung nämlich, abspielen. Auch in dieser Hinsicht wurde gesündigt. Vor Allem hat sich die Anlage von Colonien unter Protection eines Einzelnen — und sei er auch der'edelste und von den hochherzigsten Absichten geleitete Mensch, — nicht bewährt. Es wird hiedurch eine Art Unterthanenverhältnis geschaffen, welches im Vereine mit einer oft nichts weniger als idealen Beamtenwirthschaft^den Trieb der Selbstständigkeit und das Gefühl der Verantwortlichkeit in den neuen Bauern ertödtet und so ihre Schaffenskraft und Schaffenslust vermindert. Es wird sich daher empfehlen, künftighin bei Coloniengründnngen diesen Fehler zu vermeiden, und wird es dann gewiss auch nicht schwer sein, die in Betracht kommenden Persönlichkeiten in diesem Sinne zu berathen. Doch neue Coloniengründungen stehen in Ansehung der herrschenden Verhältnisse überhaupt — nicht so bald bevor, es sei denn, dass man mit' Ernst daran gehen sollte, einen größeren Theil der einheiinischen jüdischen Bevölkeruitg als Bauern auf dem flachen Lande anzusiedeln. Ja, diesen palästinensischen Juden hat inan zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der niedrige Culturzustand, die Armuth und die Zwietracht derselben waren von den Zionisten übersehene Gefahren für die neuen Ankömmlinge, die leicht -davon angesteckt werden konnten und zum großen Theile auch wurden. Da nun durch das Verbot ein nothgedrungener Stillstand in dem planlosen und überstürzten Colonisiren eingetteten ist, so könnte gerade jetzt mit einiger Muße das Terrain für die Einwanderer einer späteren Zeit durch eine Ordnung der Zustände der jetzigen jüdischen Einwohnerschaft Palästinas geebnet werden. Man schätze diese Aufgabe nicht gering! Sie ist zunächst das Wichtigste, was sich in Palästina iin Sinne des Zionismus thun lässt. Das Programm dieser Thätigkeit enthält aber auch ttotz ■ seiner engen Grenzen eine Masse von Punkten, von welchen ein jeder mit Liebe und Eifer behandelt sein will. Die Reförmirung des alten Chalukasystems, wozu die bereits erwähnte Gründung von Einheimischen-Colonien, sowie von Jndusttien,. in welchen Einheimische zu beschäftigen wären, am meisten beittagen würde, die nachdrücklichsten Bemühungen zur Hebung des Bildungsstandes der eingeborenen Judenheit, die Verdrängung der Jargone, des deutschen sowohl als des spagnolischen,

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