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Selbst-Emancipation · 1892-03-04 · Heft 5 (4.3.1892) · p. Seite 54

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 5 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 54 (sequence 4)
Language
German
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Seite 54 Selbst-Emancipation •)lr. 5 daß die consequcnte Assimilation in Anbetracht des zähen Volkscharakters der Juden nie zur allgemeinen Geltung unter diesen kommen wird. Eine Assimilation ohne Blutvermischung. mit Beibehaltung der mosaischen Religion, ist eine halbe und daher nutzlose Maßregel, Taufe und Mischehe aber werden den Masten des Judcnthumes stets ein Gräuel bleiben. Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Die wenigen, welche diese letzten Schritte nicht scheuen, werden durch Ueberläuferei nur sich selbst retten, für die Maste des jüdischen Volkes und daher auch für die anderen Völker bleibt die Judensrage stehen. ' Die Lösung dieser Frage sieht eine andere Gruppe, die Socialisten, in der Erreichung ihrer Ziele. Es ist hier nicht der Platz, sich über den Socialismus ausführlicher zu verbreiten, cs geht aber auch nicht an, mit Stillschweigen über ihn hinwegzugehcn. Am weuigsteu ziemt dies den Ziv' nisten, welche wiffen, wie das schmeckt, eine Partei zu sein, deren Ziele dem hausbackenen Spicßbürgcrthum als unpraktisch gelten. Die Zionisten sind auch keine nationale Partei im landläufigen Sinne des Wortes, keine Partei der Redensarten, der Engherzigkeit, der Renommage. Die Zionisten sind insoserne national, als sie ihrem Volke helfen wollen, mit den übrigen Völkern gleich gerüstet in culturcllen Wettbewerb zu treten. In diesem nicht agressiven Sinne national, kann ein Zionist in wirihschastlicher Beziehung sogar socialistischen Grundsätzen huldigen, wird sich aber nie und nimmer dem osficicllcn Sociaiismus fügen können, welcher befiehlt, die bestehenden Stammes- und daraus folgenden Gesittungs- und Temperaments-Verschiedenheiten außer Acht zu lasten und so die sociale Frage schablonenhaft zu lösen. Besonders scharf tritt dieser Fehler des osficicllcn Socialismus bei der Judenfrage hervor. Sie werde durch die sociale Frage ao ixao gelöst sein. Abgesehendavon, daß nicht jeder so sanguinisch sein kann wie B e b e l, der den Sieg des Socialismus schon in naher Zukunft erwartet, und daß es daher nicht einzuseheu ist, war um die Juden bis dahin unter dem doppelten Drucke ihrer völkerrechtlichen Ausnahmsstellung und der allgemeinen wirthschaftlichen Misere verharren sollen, — abgesehen davon, ist es nicht wahr, daß die eventuell socialistisch gewordene Gesellschaft den Juden ohncwritcrs definitive Hilfe bringen wird. Es ist dies nicht wahr, weil die Eigenarten, Schwächen, Launen, Sympathien und Antipathien der Völker natürlicherweise auch in der socialistischen Gesellschaft fortdauern werden, also auch der Judenhaß nicht begraben sein wird, welcher tief in der Seele der Völker sitzt. Ja, noch mehr, die Juden werden cs in der socialistischen Gesellschaft noch s chlcchtcr haben, wenn ihre spcciclle Vorfrage nicht früher gelöst sein wird. Rur die nationale Wiedergeburt des jüdischen Stammes kann cs verhüten, daß der Antisemitismus in die sociale Acra hinübergeschleppt werde, wo er wegen der Allmacht dcS durch Beamte rcpräsentirtcn Volkswillciis gefährlicher wäre. Die Judensrage hat nicht mit der Zur Schritt geholten; sic muß ihr jetzt Nacheilen, darf aber nicht ganze Entwicklungsstadien überspringen. Und darum ist das Losungswort des Zionismus ein berechtigtes, welches da iciiiicl: „Land". (Schlich folgt) Unsere KMimatilM Tie Thatsache, daß die Rabbiner, also jene Personen, die in erster Linie berufen sind, alle das Judenthum fördernden Bestrebungen zu verbreiten und mit ihrem Einfluß zu unterstützen, zum großen Theil der jüdisch-nationalem Sache feindlich gegenüber strhcn, ist cine^traurige. Diese Herren und ihre Laieu-Gcsinuungsgcnosten zweifeln, daß die jüdisch-nationale Sache der jüoischcn Religion nützlich ist, wollen den Antisemiten keine neue Waffen bieten, fürchten die Phllosemiten zu verscheuchen und schließlich ist ihnen die ganze Sache unbequem. Es wird daher an der Zeit sein, die jüdisch-nationalen Bestrebungen in Beziehung zu diesen 4 Punkten zu bringen und zu beleuchten, wie diese sich zu einander verhalten. Ist der jüdische Nationalismus der jüdischen Religion sch ädlich? Diese Frage zu beantworten fällt nicht schwer. Da die Religion und Nation im Judenthum untrennbare Theile sind, wüsten logischerweise die fördernden Bestrebungen des einen Theiles dem anderen zu Gute kommen und umgekehrt. Und gerade in unserer religiös indifferenten Zeit ist es ein Glück für das Judenthum, daß eine Partei erstand, die der mächtig fortschreitenden Glanbenslosigkeit, welche man im Judenthum mit dem Mantel der Assimilation bed:ckt, cntgegentritt. eine Partei, die ihre Stützen nicht nur bei älteren sondern auch bei jungen Leuten sucht. Werden z. B. die Mitglieder des Vereines „Kadimah", welche wohl olle einst eine hervorragende soziale Stellung als Doctoren und Gelehrten einnehmen werden, nicht stet» ein warmsühlendcs. jüdischdenkendes Herz bewahren? Werden sie nicht getreu ihren Jugendprincipien stets alles jüdische Interesse vertreten und unteistützen? Sehen wir uns dagegen den großen Theil unserer heutigen jüdischen Doctoren an. Nicht nur, daß sie nichts für'» Judenthum thun. sie arbeiten ihm sogar entgegen. Das ist leicht begreiflich; haben sie sich doch ihre burschikosen Erfahrungen in der Kneipe oder an ähnlichen Orten geholt, dort, wo man des Judenthums nur in frozzelnder Weise gedenkt. Aus tausenden Lippen steigt täglich das Gebet unb rua zu Gott empor .und jene Partei,'deren Zweck darin besteht, diesen Wunsch zu realisieren, sollte antireligiös sein? Herr Dr. Ielli n e k meint zwar, daß man Gott nicht vorgreifen dürfte, Gott wisse schon, wann der rechte Moment zur Erfüllung seines, dem jüdischem Volke gegebenen Versprechens sei und dann bedürfe er der jüdisch-nationalen Partei nicht. Diese Naivetüt des Herrn Dr. I e l l i n c k sticht gar seltsam von der Concestion ab. die er den Andersgläubigen macht indem er sagt:,.,Die Religion der Zukunft, zu welcher die Menschen nach einer Entwickelung von Jahrtausenden sich bekennen werden, wird nicht das b e st e h e n d e in der Thora g e o f f e u b a r t e I u d e n t h u sein, sondern eine Religion ohne Namen, in welcher die Wahrheiten, Principien des Judenthums A n er ke n n u n g finden werden." Alle Achtung vor der immensen Gelehrsamkeit des Herren Dr. I e l l i u e k, aber Widersprüche paffiren ihm doch mitunter Bekommen die Antisemiten durch d i c B e st r e b u n g en d e r j ü d i s ch-n « t i o n a len P a r r e i. n e h e Waffen gegen das Judent h n m i i, d i e H a n d? Diese Frage mvß man vom dem Gesichtspunkte, daß die Juden den Antisemiten begreiflicherweise nichts recht machen können, bejahen. Man wird wohl einzelne antisemitische Geistcsheroen in Versammlungen ungefähr so sprechen hören: „Christen! Eine neue Gefahr droht uns, die Juden wollen „ach Palästina auswanderu und da werden sie möglichste viel Geld nnd Werthsachen mitzunehmen trachten und uns ausgesaugt zurücklasten, wie weiland die Aegypter!" Die Mehrzahl der Antisemiten aber dürste mit Rücksicht auf die herrliche Perspective der Ruhe nach aufreibender Thätigkeit die jüdisch-nationalen Bestrebungen mit etwas sreniivlicheren Augen als sonstige jüdische Bestrebungen betrachten. Ist dies jedoch nicht der

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