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Selbst-Emancipation · 1892-03-04 · Heft 5 (4.3.1892) · p. Seite 53

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 5 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 53 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5. Selbst-Emancipation Seite 53. den socialen Fluch des Judenthums gezwungen. Lustgeschäften nachgehen, und hiebei körperlih und sittlich zerrüttet werden. Entschädigt das kleine Häuflein Reicher und Wohlhabender die gedrückte, gedemüthigte Masse unseres Volkes 9 Ist es denn wirklich ein Gradmesser des Entgegenkommens gegenüber den Juden, wenn einer der ihrigen irgend eine Auszeichnung erhält; macht denn dieselbe den knurrenden Magen der Mehrheit satt, oder ihre durch ausgezwungene Schwächen getrübte Seele wieder licht und heiter? Ja, wir brauchen nicht nach dem Osten Europas zu gehen, um den über der Judenheit waltenden Unstern zu schauen. Auch im Westen gibt es des Unglücks und der Entwürdigung genug. Darüber hilft uns die sogenannte „Mission des Judenthums" nicht hinweg, welche dieses angeblich in der Zerstreuung zu erfüllen hat. Indem sie unseren Volksstamm zum Christus macht, der unter die Völker zieht, den Eingottesglauben und die Liebe verkündend und Leiden dafür erduldend, umgibt sie ihn mit dem romantischen Schimmer des Verkanntseins. Oh, es ist schlau ausgedacht l Es hätte ja sonst eines Tages geschehen können, daß der mit seiner jämmerlichen Altkleiderbürde und dem Schimpfe der Gassenjungen beladene Handeljude, daß der im Dienste des Mammons vertrocknete Galopin. daß der von der erdrückenden Concurrenz gequälte Kaufmann, daß der um seine schönsten Hoffnungen betrogene jüdische Geistesarbeiter, daß sogar der jüdische Millionär, seiner falschen schrelsüchtigen Freunde müde, — daß sie alle sich gefragt hätten: Gibt es keine« Aufschwung zu besserem, würdigerem Sein? Um diese Frage, zu vermeiden, um den unausrottbaren Idealismus des jüdischen Volkes durch ein Surrogat zu befriedigen, wurde die „Mission" des Judenthums erfunden. Ein Volk, welches übergenug mit sich selbst zu thun hat, welches, an Leib und Seele krank, hilflos daliegt, maßt sich an, der Mentor -der Menschheit zu sein, und . will, nicht einsehen, daß es diese Rolle Äst'"dann'mit Aussicht auf Erfolg antreten kann, wenn es ans eigenen Füßen stehen wird. Sehr gut sagt von dieser Mission des Judenthums der kürzlich vergorbene Zionistenführer Dr. Pi« Sk er in Odessa in seiner berühmt gewordenen Brochure „Autü-Emancipation": „Darum mäßen wir von der Wahnvorstellung ablassen. daß wir mit unserer Zerstreuung eine providentielle Mission, erfüllen — eine Mission, an welche keiner glaubt, ein „Ehrenamt, das wir, aufrichtig gesprochen, gerne aufgeben möchten, wenn nur zugleich damit auch der Schimpfname ,,Jude" aus der Welt geschaft werden könnte". Und nun' ziehen wir aus allem Vorhergegangenen die richtige Nutzanwendung, bringen wir Volksrecht und Volkspflicht mit Volkswahl in Einklang. Gewinnen wir das, «ras wir als drittes Moment in der Begriffsbestimmung des Zionismus bezeichnet haben. „Die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer „gründlichen Umgestaltung der völkerrechtlichen und wirlh- „schaftlichen Verhältnisse des jüdischen Volkes, dadurch, „daß ein Territorium gefunden werde, welches den vor „Verfolgerwuth fliehenden Juden ein Asyl und Sammelpunkt, dem ganzen jüdischen Volke ein Rückhalt und M't- „telpunkt sei. Die Hauptursache, daß bisher alle Versuche, Israel zu helfen, mißlangen, ist, daß sie durchwegs der Gründlichkeit entbehrten, daß sie, um mich wieder eines Ausdruckes des bereits citirten Dr. P i n s k e r zu bedienen, Palliative waren, welche sich nur gegen die Folgeübcl der Krankheit richteten, das Grundübel aber, die Krankheit selbst unberücksichtigt ließen. Man hat zwar die Ghettomauern stürzen gemacht, die gelben Flecke gelöscht, die Judengesetze beseitigt, aber man hat die Kraft des Fluches nicht gebrochen, der neue Ghetto zu bauen, nene Flecke zu zeichnen, neue Judengese tze zu geben geeignet ist. jenes Fluches, der aus den brennenden Trümmern Zions aufstieg, um Israel auf seinen Wanderzügen zu geleiten, und den man hebräisch das GoluS nennt. Das Golus ist ein Vulkan, aus welchem sich jeden Augenblick ein Lavastrom ergießen kann, Emancipation, Gleichberechtigung und Toleranz mit sich fortreißend und vernichtend, der aber jedenfalls immer eine dichte Wolke der Völkerabneigung hervorstößt, welche sich schwer und bang auf die Lungen unseres Volkes legt. Solange dieser Vulkan nicht erlischt, gibt es keine dauernde Rettung süc Israel. Diese ist nicht auf staatsrechtlichem, sondern völkerrechtlichem Wege zu suchen, weil unsere Lage eine völkerrechtliche Abnormität ist, aus der erst in zweiter Linie staatsrechtliche Nebel sich abzweigen. Wir sind ein Volk ohne Land, eine Nation ohne Boden, und das ist unser Unglück. Unsere besten Freunde können uns nicht helfen, wenn Ulan uns irgendwo prügelt, denn es gibt ja keine Einmengung in die inneren Verhältnisse eines anderen Staates. Wir selbst sind noch ohnmächtiger und können uns höchstens an der Grenze des betreffenden Staates ausstellen, um unsere verfolgte» und vertriebenen Brüder mit alten und neuen Kleidern, mit Suppe und Kaffee und mit Fahrkarten nach Amerika zu erwarten. Das kann nicht für alle Zeiten genügen. Es muß ein Territorium, welches, wenn auch^unter dem bescheidensten völkerrechtlichen Titel, unser ist. gefunden werden. Dieses Land soll der Mittelpunkt unseres über das ganze Erdenrund zerstreuten Volkes werden, Mittelpunkt und Rückhalt. Wer unter unseren Slammesgenoffen dieses Land aufsucht und wer es auch nicht aufsucht, beide sollen sich seines Schutzes erfreuen, der eine des materiellen Gewinnes einer Heimat für sich selbst, der andere des moralischen Gewinnes einer Heimat für Pas.Volk als solches. Durch ein jüdisches Vaterland würde di- Stellung Israels unter den Völkern mit einem Schlage eine normale, eine auf dem Prinzipe der Gegenseitigkeit beruhende, und daher eine geachtete werden. Das jüdisch: Volk soll Boden gewinne». Boden ist das Zaubermittcl, welches in den Völkern das Gefühl stolzer Kraft wachruft, ste vor Unnatur und gänzlicher Ver- Wahrlosung behütet, ihnen körperliche und sittliche Gesundheit verleiht. Israel wird seinen Boden wieder bebauen .müssen,- ein Bauernstand wird ihm erstehe», froh seines Berufes und Lebens. Aus dem Marke dieses Standes wird sich der ganze jüdische Volkskörper verjüngen, die Nervosität und Zerfahrenheit, welche sich so oft bei gebil, deten Juden finden, werden abnehme», der Baalsdienst des Geldes an Andacht verlieren. Die Wiederverkuüpfung des jüdischen Stammes mit der Scholle, die er bebaut, wird auch die wohlthätigsten Folgen für das unmittelbare Geschick derjenigen Juden habe», welche nicht direct an dieser Wiederverknüpfung theilnehmen, indem sie im Exils verbleiben, welches dann eigentlich kein Exil mehr sein wird. Man denke an die Vermeidung antisemikischer Gefahren in Folge Zuströmens ausländischer Juden, so wie an die Dämpfung des Judenhasses überhaupt durch das Fallen des Procentsatzes der jüdischen Bevölkerung. Also „Land" ist die Parole oes Zoinismus. Es wäre dies ein Umweg zur Erlösung des jüdischen Stammes, wird gesagt, die ärgsten Zeiten seien überstanden; noch ein Weilchen Nebel und dann werde es für immer hell werden. In den Völkern ausgehend, würden die Juden das vergangene Elend vergessen und in Zukunft keines mehr ertragen müssen. Ich will.über die moralische Seite dieser Auffassung schweigen, aber "sie schlägt auch der Geschichte ins Antlitz. Man ist noch immer nicht belehrt, wie wenig dauernd. Bölkcrgunst sich erweist, und man bedenkt andererseits nicht.

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