Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 5 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Selbst-Emancipation. Die Friedinanmade. Eine in letzter Zeit vielbesprochene Angelegenheit hat wieder einmal gezeigt, wie wenig die Tagcsblätter die ihnen von den antisemitischen Organen beigelegte Bezeichnung „Judenprrsse" verdienen. Einerseits griffen sie .die I n d e n c o l o n i t in M a d j a n" erst auf, als sie in allen jüdischen Fachzeitungen bereits des Lang-n und Breiten besprochen war — in jüdischen Dingen li.auch: man ja nicht unnötigerweise eine prompte Berichterstattung zu haben — andererseits nützten sie als sie sich endlich herbeiließen, lie Geschichte ihren Lesern mitzutheilen. dieselbe weidlich für ihre Zwecke aus. Namentlich die "Neue Freie Presse". Man sieht ibr förmlich die Freude an, den Gedanken eines „Judenstaates" an der Hand des traurigen Abschlußes der Friedmanniade ironisiren zu können. Mit gesperrten Lettern wird die von F r i e d m a n n aus-. gesprochene Absicht „einen Stamm zu bilden, um den sich die Nation schaar.en kann" dem Leser vor die Nase gerückt. Doch wir würden auf die ganze Sache und die Besprechung, welche sie in der Tegespreffe gesunden hat, gewiß . nicht an leitender Stelle zmückkommen, wenn wir cs nicht für uöthlg halten würden, der Abenteuerlichkeit der midjanitisch cn Expedition die von klaren politischen Grundsätzen ausgehende und der Mitte! jeder politischen Bewegung sich bedienende zionistische Lehre entgegen zu stellen und noch so manche andere Nutzanwendung aus der mißglückten Fahrt zu machen. Wir wollen von der Wahl des Territoriums Midjan als Stätte eines projcctirten „Judenstaates" hier absehen und nur die Methode betrachten, welche F r ie dm a n n bei seinem colonialen Unternehmen eingeschlagen.i hat. Mit einem Haustein Juden verschiedener Länder, geführt von volksfremden Offizieren, zog er aus, um die Grundlage zu einem neuen Judäa zu bilden. Dadurch, daß er dreißig übrigens kräftigen Juden die preußischen Exercier« regeln einbläuen ließ, wollte ec wettmachen, was achtzehnhundert Jahre Golus an der körperlichen und seelischen Stärke eines Bolkes von acht Millionen gesündigt haben/ Er war in der nächsten Nähe von Aegypten, aber d i e vierzig Wüstenjahre fielen ihm nicht ein, welche die Juden mitmachen mußten, bevor sie von da in's gelobte, Land kamen, wie wohl der Weg nur einige Tagereisen lang ist. Die vierzig Wüstenjahre — das ist die Lehr« und Läuterungszeit, welche der Erlösung eines jeden Volkes vorangehen muß. Ein Volk muß sich seine Freiheit verdienen, indem es nach derselben strebt, und durch dieses Streben sich veredelt. Auch muß cs das B o l k selbst rhun, nicht ein einzelner Mann, der für dasselbe Vorsehung spielen will. Die großen Heroen des Volkes sind nichts anderes als Führer, welche cs sich für seine eigensten Ideen mit Naturnothwendigkeit schafft; ohne das Vorhandensein dieser Ideen wären auch diese Führer ohnmächtig. Paul F rie d m a n n steht übrigens nach keiner Richtung hi» in dem Verdachte, ein Heros nuferes Volkes zu sein. Sein Plan, mit zwei Dutzend durch den Corporalstock eingeschüchterter Golusjudeu staute peile einen Militärstoat. zu bilden, und dies in einem alles eher als einlabenberi Landstriche, kann einen solchen Verdacht gar nicht aufkommen lasten, wie wohl wir, aufrichtig gesagt, erwartet hätten, daß es seiner Energie wenigstens gelingen werde, eine kleine Colonie zu gründen und dadurch für eine Anzahl gedrückter Juden die Brodfrage zu lösen. Die Handlungsweise F r i e d m a n n' s, welcher, wie dio „Jüdische Presse" versichert, von den edelsten Absichten erfüllt war, ist für beim jüdischen H,lfs.verk gebräuchliche Jrrthümer typisch. Trotz des himmelweiten Unterschiedes zwischen seinem abenteuernden Unternehmen und der nüchternen Wirksamkeit diverser Persönlichkeiten und Körperschaften im Sinne der Nur-Colouisatiou haben sie ein Gemeinsames: Das Mit-der-Thür-ins-Haus-Fallen. Und ebenso wird trotz allen Gegensatzes in Hinsicht auf Einfluß und Einsicht Friedmann als Typus für alle Wohlthäter gelten müssen, welche die Geschichte des jüdischen Volkes nach eigenem Gutdünken den Volksideen entgegen teilten wollen. Eine wahrhaft volksfreundliche Partei mutz beide Fehler vermeiden: die Unvermittelheit der nationalen Hilfe und die Herrschaft individuellen Willens beim Hilfswerk. Drum wollen auch wir Zionisten das jüdische Volk für die nationale Erlösung erziehen, so daß es mit seine m Willen und seiner Kraft auf geschichtlichem, allem Zwange fernliegenden Wege das Ziel erreiche — e i n j n d isches Gemeinwesen auf j ü d i - s che m Bo den. B. Die Principien des Zionismus. Vortrag, gehalten von Dr. Nathan Birnbaum bei dem vom Deremc „Admath Jeschurun" in Wien am 23. Jänner 1892 veranstalteten DiScussionS-Slbende. (Fortsetzung.) „Die Erkenntnis, daß die Lage des jüdischen Volkes „eine, durchaus unglückliche und unwürdige ist". ' Diese Erkenntnis ist .leider nicht allgemein in unserem Volke; es bekundet diesbezüglich eine gewisse^ Dickhäntigkeit — man verzeihe mir den etwas derben Ausdruck; Wenn's nicht veritable Hiebe absetzt, wenn's nicht Mord und Plünderung, Landesverweisungen, Ausnahmsgesetze und Massenelend gibt, so spürt so eine moderne.jüdische Haut eigentlich gar nicht, daß sie verletzt und besudelt wird. Daß fünf Millionen Juden, der größere Theil unseres Volkes, wie die wilden Thiere gehetzt werden, mittel- und obdachlos umhcrirren, geht uns nicht an, weil wir die physischen Schmerzen selbst nicht fühlen; aber die moralischen und wirthschastlichen Ohrfeigen, welche wir selbst erhalten, sollten wir doch wenigstens empfinden. Es ist was unsäglich trauriges um das geschwächte Feingefühl eines Volkes. Schwarz auf weiß lesen wir das Wort „Gleichberechtigung"/ aber grau in grau ist die tiefgehende gesellschaftliche Mißachtung, welche man für uns hat, und die, bei den einzelnen Individuen vom rasenden Haß bis zum leisen, trotz aller liberalen Selb stvol würfe nicht zu bannenden Vorurtheile nuancirt, nur in den wenigsten und auserlesensten Persönlichkeiten gänzlich fehlt. Wir bilden «ns ein, mit den Völkern mitzulebcn, in Wahrheit aber leben wir unter ihnen ziemlich vereinsamt und auf uns selbst angewiesen. Wir sind die Zielscheibe billigen Spottes für Jedermann, gutmüthigen für die Gutartigen, böswilligen für die Bösewichte. Wir haben trotz der schätzbarsten Vorzüge etwas Carrikirtes, denn unsere Prätensionen liegen in Hader mit den durch unsere Natur und das Hebelwollen der Gesellschaft uns auferlegten Schranken. Uebrigens ist auch unser materielles Fortkommen durch die Vorurtheile erschwert. Ich verweise sie auf die ungeheure Zahl der Jüngli ige, welche aller Gabm des Geistes, und Charakters ungeachtet ob ihrer jüdischen Abkunft ungekannt und unbeachtet verkümmern. Ich verweise Sie auf die Tausende und aber Tausende von Unglücklichen, welche durch'