Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 4 (23.2.1892)
- Date
- 1892-02-23
- Page
- Seite 49 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Seibst-Emanciption, Seile 49. Chronik. ^ete? Smolensky. Am 12. Schewat (10. Februar) jährte sich der Todestag des unvergeßlichen hebräisch-nationalen Schriftstellers zum siebeisixn Male. Wie hätten wir S m o l e n s k y jetzt gebrMt. damit sein gewaltiges Genie in wuchtiger Sprache wie mit Donnerkeilen die Zionsfreunde zur schöpferischen, zaglosen Thätigkeit begeistere. Wenn ihn aber der un rforschliche Wille der Vorsehung uns geraubt hat, so laßt uns wenigstens sein läuterndes Andenken im Volke forterhalten! Eine besonders passende Gelegenheit in dieser Richtung etwas zu tlnn, wird sich demnächst ergeben. Am Schuschan-Purim dieses Jahres würde Smolensky wenn er noch leben würde, seinen fünfzig st en Geburttag feiern. Der Lemberger Verein „Z i v n" hat beschlossen diesen Tag in großartigem Maßstabe festlich zu begehen, zugleich auch ein im Jargon geschriebenes Smolensk ritz e ft herauszugeben uns im Volke zu verbreiten. Zugleich fordert „Z ion" alle gesinnungsgenössischen Vereine auf, ebenfalls den bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag Smolensky's zu feiern, eventuell auch durch Gründung einer literarischen Gesellschaft, deren Zweck es sein soll, die hebräische Literatur zu heben und arme Schrifisteller in ihrem Streben zu unterstützen. Namentlich letztere Anregung verdient besondere Beachtung. — Vor einigen Wochen feierten die beiden zwei ältesten Söhne Smvlensky's — es sind nemlich Zwillinge — ihr Barmizwah-Fest. Der Religionslehrer, Herr Dr. Kanitz, hielt im Bethause der inneren Stadt Wien eine Ansprache an die beiden Knaben, in welcher er die Verdienste ihres Vaters hervorhob und sie ermahnte, ihm vachzueifern. Die gediegene Rede.rührte die Wittwe und Söhne S m o l e n s k y's zu Thränen. Aus Rußland. Eine neue Maffenauswüsung! Am 14. (28.) Januarjmußten 2000 jüdischeFamilien Moskau verlassen Ebenso werten die jüdischen Commis ausgewiese» werden, wodurch auch viele jüdische Kaufleute der ersten Gilde genötigt sein werden, ihre Geschäfte aufzugeben. Die Angestellten der Moskauer jüdischen Gemeinde wurden bereits ausgewiesen, die Schächter erhielten mit Noth eine Frist bis 14. (26.) Juni. — Es werden jetzt viele Flecken als Dörfer erklärt, um darauf die Ausweisung der Juden gründen zu lönneu. In Ungarn hat die Wahlbewegung eine kleine Judenhetze georacyl, welche den dortigen jüdischen Afsimilanten wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. In K a s ch a u wurden nämlich die Fenster der jüdischen Schule und der Synagoge vom „Pöbel" eingeschlagcn, weil sich der liberale Canditat H o d i k in einer Wählerversammlung ' für die „Reccption" der jüdischen Religion aussprach. Uebrigens verhallen sich sowohl die nationalen als die liberalen Führer gegenüber der von der Hauptstadt ausgehenden Receptionsbewegung zumeist äußerst reservirt, auch stoffen sogar schon recht barsch abweisende Antworten von ihren Lippen. Die Herren haben es eben mit ihrer Toleranz nicht so dringend als die ungarischen Juden mit ihrer Assimilation. — Minister B a r o ß erklärte neulich einer jüdischen Deputation: „Ich hege eine große Achtung vor lJhrer Religion, ich bewundere und liebe Ihren S t a m m." Welche Ungeschicklichkeit, ungarische Juden an ihren Stamm zu erinnern! — In Arad wurden am Wahltag von der nationalen Partei „Abzug Juden'-Rufe ausgestoßeu. Ausrvanöererelend. Das „deutsche (Centralcomitä für die russischen Juoen" versendet folgende Mittheilung: „Die russisch'jüdischen Auswanderer, welche derzeit an der deutschen Grenze anlangen, — etwa 200—300 täglich — sind zum größten Theilc höchst unzureichend gegen die Winterkälte geschützt. Wir bitten daher alle Menschenfreunde dringend, den Unglücklichen durch unsere Vermittlung Wäsche, Kleider u. s. w. zuwendcn zu wollen". Von den Socialdemoütaten. In Lemberg fand Ende Jänner u»d Anfangs Fevruar ein Kongreß der galizifchen Socialbemokratie statt. Derselbe erklärte in Bezug ans die Judenfrage auf dem Standpunkte des internalionrteu Brüsseler Socialistencongresses von 1891 zu stehe». Ein jüdischer Theilnehmer, namens Süsser, stellte den Antrag auf Herausgabe cines im j ü d i s ch e n Jargon mit hebräischen Lettern gedruckten Parteiblattes, das die socialistische Idee in das jüdische Proletariat, welches „ungeheuer viel Analphabeten in Bezug auf die polnische Sprache und Schrift enthält", hineintragen soll. Wir finden hier denselben bezeichnenden W.derspruch, den sich aucy der amerikanisch-russische Jude K o h a n ans dem Brüsseler Cougreffe zu Schulden kommen ließ, als er von der Assimilation der russischen Juden in Amerika sprach. „Anal, phabeten in Bezug auf die polnische Sprache und Schrift." Das ist erstens barer Unsinn, und zweitens eine gegen die Nationalitätsriechereides officiellen Socialismus verstoßende Jncousequenz. „Die polnischen Inden sprechen jüdisch-deutsch, daher müssen wir jüdisch-deutsch unter ihnen agitiren", hätte Süsser einfach sagen sollen; wie cr's aber aussprach, war cs eine bewußte oder unbewußte — gleichviel — Coguetterie mit dem polnischen Nationalgefühle. Wie kommt aber dieses in eine Versammlung officieller Socialisten? Doch nein, die nationale Idee wurde aus dem Congresse als dem Socialismus nicht widersprechend anerkannt. (Unsere Wiener socialistischcn Ideologen lassen sich auch nicht so weit herab.) Ja es wurde sogar die Wiederherstellung Polens als Programmpuiikt der galizifchen Socialdemokratie aufgestellt, freilich nur deshalb, weil eine solche Restauration die Macht des polnischen Adels und der polnischen Bourgeoisie brechen würde. Wenn sich unsere jüdischen Nur-Sociaiisten wenigstens davon ein Beispiel nehmen wollte,.! Die Wiedcraufricyiung Israels würde dem jüdischen Proletariate und der socialen Bewegung mehr Nutzen bringen als der ganze Judenanhang der internationaten j Socialdemokratie. durch welchen der Concurrent derselben, der Antisemitismus gewinnt. — Was aber die geplante socialistische Jargonzeitung betrifft, — und Agitationspläne werden bei Socialisten rasch zu Thaten — so kann hierin für uns nur ein Antrieb zu gesteigerter Thätigkeit liegen. Wir dürfen uns die galizifchen Juden nicht abjagen lassen, wir müssen sie ihrem Volke erhalten und für das Zionswerk raschesten» zu begeistern trachten. Für die Juden führtder Weg zur socialen Rettung nurüberdieStufe der nationalen Erl ö s u n g; werden sie diese überspringen wollen, so können sie nur straucheln und Schaden nehmen. In diesem Sinne wäre die Durchtränkung der jüdischen Massen mit den officiellen socialistischen Ideen ein Unglück. Aus Norbbulgarieu. Unter dieser lleberschrift veröffentlicht die Wiener „Neuzeit" eine Correspondenz aus Sofia, welche von Beleidigung der spagnolischen Juden strotzt und ihnen vorwirft. daß sie durch ihre Machinationen und Ränke das Verbot der Einwanderung der russischen Juden in Palästina erwirkten, und ähnliches in Bulgarien versuchten.