Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 4 (23.2.1892)
- Date
- 1892-02-23
- Page
- Seite 47 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbst-Emancipation Seite 47. Nr. 4. dieselbe aufklärend wirken würde. Indessen gingen die juder.feindlichen Blätter auf die Sache nicht mehr ein, weil sie erstens schon zum wiederholten Malen die Thalsache constatirt haben, daß die Juden eine Nation bilden, von Len Vorgängen im jüdischen Lager aber keine Vorstellung besitzen, zweitens selber wichtigere Begebenheiten und Projccte zu besprechen haben. Denn noch nie zuvor ist die antisemitische Hetze so stark gewesen, wie sie in der letzten Zeit angewachsen ist- Täglich spricht hier in großen Volkversammlungen irgend ein antisemitischer Agitator, und die Macht der Juden- Hasser nimmt immer zu, so daß die hiesigen Israeliten nicht mehr, wie früher, die Augen vor der traurigen Thatsache verschließen, andererseits beiden beständigen Wühlereien der Feinde in eine gewiffe Aengstlichkeit verfallen. Was soll man auch dazu sagen, daß die Anzahl der größeren Vereine der deutsch-sozialen Partei allein (es gibt bekanntlich außer dieser roch zwei, nämlich die christlich-soziale unter der Leitung von Stöger und die antisemitische Volkspartei unter der Ägide des Redakteurs des „Rcichshold" Dr. Böcke!) während des letzten Jahres von etwa 35 aus 130 angewachsen ist? Neuerdings sprechen die Antisemiten von einer Millionadresie, welche sie an den Kaiser richten wollen. In dem betreffenden Entwurf sagen die Antisemiten, daß der Emancipation der Juden faßt zum Ruin des deutschen Volkes nicht nur den besten Theil des deutschen Nationalvermögens sich angeeignet, sondcin auch die ihn verliehenen Rechte nur dazu benutzt haben, das Denlschthum von Grund aus zu vernichten; daher wenden sich die Antisemiten an den deutschen Kaiser mit der Bitte, daß das deutsche Volk aus den Händen der Juden befreit werde. Jeder der großen Vorfahren des Kaisers Wilhelm habe weltgeschichtliche Aufgaben gelöst. Die schwierigste aller Aufgaben jedoch, die Befreiung des deutschen Volkes von seinen bösartigen Feinden anzustreben, fei dem jetzigen Kaiser von der Weltgeschichte zugedacht. Die Adresse wird indeß wahrscheinlich nicht zu Stande kommen, da mehrere der antisemitischen Häuptlinge in großen Versammlungen sich gegen dieselbe ausgesprochen haben. Dieselben glauben wohl nicht daran, daß diese Adresse eine Million Unterschriften erhalten könnte, da vor einigen Jahren gleich im Beginn der neuen judeuseindlichen Aera eine solche nur 250.000 Unterschriften aufgetrieben hat. Bekanntlich gibt cs mehr Privatantisemiten als ossicielle, und die werden euch ohne Adresse fertig. Auch ist die Aufmerksamkeit aller durch eine andere Angelegenheit abgelenkt worden. Die gesammte Judenschaft wird wieder einmal verklagt. In Lauten ist ein christliches Mädchen ermordet gefunden worden, welches mehrere Halsschnitte hatte. Selbstverständlich muß hier ein Ritua>mord zu Grunde liegen, und einen jüdischen Schächter namens Buschoff, trifft der Verdacht, das Ver brechen begangen zu haben. Ob ein Jude einen Mord begangen hat oder nicht, jedenfalls ist schon jetzt die dortige Bevölkerung in großer Aufregung, so daß der bekannte Vertheidiger der Juden, Ricke r t sich veranlaßt sah, die Angelegenheit im Abaeordnetenhause zur Sprache zu bringen und wieder die Unschuld der Juden nachzuweisen. Welche Demüthigung, welche Schande! Die Juden aber freuen sich. Jedenfalls ist es doch sonderbar, daß die Blutbeschuldigung gerade während des letzten Jahrzehntes mit Consequenz immer wieder auftritt, im Jahre 1878 im Kaukasus, 1883 iu Ungarn, im vorigen Jahre auf der Insel Corfu und Jetzt sogar in Deutschland. Während des letzten Monates sind viele Comitss seitens des Vereines ,Esra" in verschiedenen Städten Deutschlands gegründet worden, u. A. in Hamburg und Breslau. An der Spitze des Comitss in Breslau stehen Rabbiner Dr. Rosenthal. Oberlehrer Dr. Ba d t und Docent Tr. Braun; dem Vereine sind 58 Mitglieder beigetreten. Ueberhaupt eutfaltet der Verein „Esra" durch die Wirksamkeit der Herren Bambus undTuroff eine sehr lebhafte Thätigkeit. An die Colonie „Mischmar Hajarden" sind wiederum 1000 Fr. gesandt worden. L. M. Rußland. «Odessa, den!). Schcwat 5682. Auf Befehl des hicsigen Stadthaupimamres S e l o n e i fand diese Tage eine unangekündigte Revision vieler jüdischer Bethäuscr statt, welche zunr Resultate hatte, da» 27 derselben angeblich wegen ihres sanilätswidrigen Zustandes behördlich ge sperrt wurden. Obwohl zugegeben werden muß,, daß viele unserer Synagogen in puncto Eignung der hierfür bestimmten Localitäten manches zu wünschen übrig lassen, so muß man doch bedenken, daß diese harre Maßregel den ärmsten und gläubigsten Theil der Bevölkerung gerrossen har, welcher ans Mangel an Mitteln nicht im Stande ist, würdige Gotteshäuser zu erhalten. Da auch das Ministerium des Innern die heute als so gefährlich verschrieenen Synagogen anstandslos bewilligt hatte, dürfte vielleicht doch dem Gerüchte Glauben zu schenken sein, daß die Schließung der Synagogen nur eine Verminderung der wahlberechtigten Tempelvorsteher bezwecke, um dem Rabbiner Chain, Jona G u r l a n d dir Majorität bei der bevorstehenden Wahl des Kronrabbiners zu sichern. Gegen die Verfügung des Stadthauptmannes wurde von Seiten de, Tempelvorsteher beim Ministerium des Innern Protest erhoben und hofft man von der Gerechtigkeit desselben Aufhebung der allzu harten Maßregel. — Zir Beginn des Sommers dürfte hier ein Comitö des Baron H i r s ch behufs Beförderung armer Juden nach Argentinien zusammentreten. Ben-Jakob. Cngland. London den 8. Februar 1892. Am Sonnabend, 3). Jänner d. I. fand hier iu dein Synagogengebäude in der Princess-slreet eine große össentliche Versammlung (Meeting) auf Initiative des Vereines „Bne Zion" statt. Der Raum war dicht gefüllt. Der Vorsitzende, Herr Fin leist ein erössnete die Versammlung und erklärte in wenigen aber ausdrucksvollen Worten die Bedeutung des Vereines, indem er auf die ungeheure Wirkung der jüdische» Literatur auf den Verlauf der jüdische» Geschichte hinwics; Ed berief sich auf die Art der Thätigkeit der jüdischen Eapacirälen bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft und erklärte die unvergleichliche Bedeutung der Erziehung von Kindern eines und desselben Volkes in denselben Gefiihlcn, Begriffe» >tnd derselben Sprache Er bemerkte auch, daß die „Bne Zion" ans diesen Gründe» in London eine nationale, siidische Bibliothek gründen wollen. 'Rach Herrn Finken ft e i n, dessen Worte einen großen Eindruck auf die Anwesenden machte, ergriff Herr L a s i n s k i. welcher auch an der Thätigkeik der moskauer Nationalisten theilgenommen hatte, das Wort, um den Wert einer nationalen Ääiliothek für die Londoner Juden, daß sie nehmlich dadurch die Möglichkeit finden würden, das Bedürfnis der Erlernnng und Entwickelung der uationaken Sprache und Literatur befriedigen zu können. Hierauf sprach Herr Rabi » ovitsch und führte aus, daß, während der Verein „Choveve Zion" sich hauptsächlich um die materielle Seite der Volkssache durch Einrichtung einer Kolonie in Palästina u. s. w. kümmert, der Verein '„Bne Zion" die geistigen Bedürfnisse unseres Volkes zu befriedigen und in ihm das Selbstbewußtsein und die Kenntnis seiner Geschichte und Gegenwart zu entwickeln bemüht ist. Der nächstfolgende Redner war der berühmte zionistische Agitationsredner Herr M a c o b i, der sich von dem Unternehmen der Bibliotheksgründnng ferne halten zu müssen erklärt, weil er dagegen fei, daß Leute ohne entsprechende Vorbildung ander als Bücher religiösen Inhaltes vorgelegt werden. Der Vorsitzende stellt hierauf der Versammlung den Schriftsteller Herrn M. Rabinovitsch aus Paris vor und verkündet ein- Panse, um während derselben neue Mitglieder einzuschreiben. Rach der Pause kamen die Herren S esf, Rosen und M a c o b i zu Worte. Herr Rosen forderte unbedingt die Griindung einer Nationalbibliothek. Nach ihm sprach Herr S e f f. Er erklärte, daß er sich, nachdem er die Literatur der Judeufrage in den verschiedenen Sprachen gelesen überzeugt habe, daß diese Literatur auf diese Frage keine gehörige Antwort gebe