Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 4 (23.2.1892)
- Date
- 1892-02-23
- Page
- Seite 45 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Selbst-Emancipation Seite 45 Der Kadiiliahlier, Herr Drd. maä. Moriz Teich, nahm sich nun die Muhe, Herrn Dr. G iü n f e l d zu widerlegen. Er that dies in so glänzender Weise, daß oft frenetischer Beifall seine Ausführungen unterbrach. Zunächst wies Redner den Vorwurf der Concurrenz mit dem bereits bestehenden Unterstützungsvereine der Cultusgemeinde*) zurück. Im Punkte der Humanität gebe es keine Concurrenz, zwei Vereine würden doppelt so viel wirken als einer. Noch ungerechlscrtigter sei die Befürchtung dem Comilö der mißlungenen Versammlung durch dcffen Uebergehuug vor den Kopf zu stoßen. Die heutige Versammlung bezwecke nicht die Unterstützung und Versorgung verunglückter Comitömitglieder, sondern die armer jüdischer Studenten. Daß die mißlungene Versammlung die e r st e Operation gewesen sei, sei nicht richtig, es wären schon viele Versuche gemacht worden, alle jedoch gescheitert. Für ein Mal könne vielleicht die Aussicht des Rectors durchgesetzt werden; bei folgenden Versammlungen werde sie aber fehlen, und dann., würbe, wenn man den projcclirten allgemeinen Verein nicht unter Polizeiaussicht stellen wolle, ein antisemitischer Ausschuß gewählt werden. Die Folgen hievon seien absehbar. Sohin wandte sich der Redner gegen den Haupttenor der bei der Versammlung vorgebrachten oppositionellen Aus führungen. Mit der überwiegenden Mehrheit der Erschienenen darin einverstanden, daß aus oem Gebiete der Humanität nur eine kosmopolitische Anschauung Berechtigung habe, verwahre er sich jedoch dagegen, daß, wie dies seitens der Opposition geschehe, die Politik in diese Berathung, welche der Abhelfung momentanen Unglückes gewidmet sei, gezogen werde. Er bitte die Verjanimlung, fortan das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß sich die jüdisch.ni Studenten hier nur versammelt haben, um armen sonst, ununterstützt' bleibenden jüdischen Kameraden zu helfen/ nicht aber, um den Procentsatz der antisemitischen Studenten abzuschätzeu, wie dies hi-r geschehen sei. Der Stand' Punkt des Zuwartens sei falsch. Docent Dr. G r ü n f e l d habe selbst bas Elend zugegeben; am meisten herrsche dasselbe im Winter, rasche Hilfe sei nolhwendig. Nach dieser Rede, welche großen Eindruck machte, sprachen einige Studenten theils für, theils wider den Antrag der „Kadimah". Unter den Contrarednern befand sich auch Hr. 8tuä. meä. B r o d s k y. ein russischer Jude, der wenigstens hier yane schweigen sollen, nachdem schon der Umstand, baß gerade er, der schlecht deutschsprechenve und russische Jude Einbervser der mehrerwähuten mißlungenen Versammlung war, zur Erregung der Antisemiten wesentlich beigetragen haben dürste. Haben übrigens die russischen Juden noch nicht genug von der allgemeinen Menschenliebe? Schließlich wurde unter der ungeheuerlichsten Aufregung der Versammlung zur Abstimmung geschritten, wobei sich 130 S t i m in e n f ü r u n d. 93 S t i m m e n gegen den A n t r a g d e r „K a d i m a h" ergaben. Als interessant ist zu erwähnen, daß die russisch-jüdischen Studenten, welche leider in Wien nicht so beschaffen sind, als in Berlin, Dresden, Paris und London, größtentheils contra stimmten, während der einzige in der Versammlung erschienene Nichtjude, ein mohammedanischer Araber, Hr. stuä. med. Muharrem aus Aegypten, pro stimmte und sich äußerte, daß er als Semite dies für seine Pflicht halte. Es mag zwar lief bedauerlich sein, daß sich eine so ansehnliche Minorität fand, welche noch immer vor dem *) Dieser Verein basirt überhaupt auf ganz anderer Grundlage, als studentische Unterstühungsoereine. Er hat hohe Mitgliedsbeiträge und ist mehr rin Wohlthätigkeitsverein von Reichen sür Arme, ein Verein zur Unterstützung von Studenten, aber kein studentischer Nnterstützungsverein alten Popanze der „Separation" erzittert und die abgetragenen Schlagwörter einer zum Tode verurlheilten Aera mit dem vollen Brusttöne der Ueberzeugunq in die Welt hinausstöbt, — aber im Ganzen ist es ein Sieg, ein glänzender Sieg, den die „Kadimah" errungen hat. Hunderte Studenten folgen dem Rufe der einst so verachteten „Kadimah"! Was treibt sie? Die Thatsachen sind es. welche sie wider ihren Willen und ohne daß sie es merken, zum Zusammenschlusie treiben. Sie müssen zur Selbsthilfe greifen, da ihnen die Andern die brüderliche Hilfe versagen. Diejenigen aber, die noch immer nichts lernen wollen — eins haben sie doch schon gelernt; sie kommen, wenn die „Kadimah" ruft, sie sehen si v einem nicht zu unterschätzenden Gegner gegenüber, — und das genügt vorläufig; frei, lich ist es nicht genug, um die Antisemiten zu majorisiren' was ein Oppositioneller für so leicht erklärte. Dazu gehört mehr Solidaritätsgefühl, und finden sie dieses einmal, dann sind sie die längste Zeit Gegner jüdisch>r Stuoenten-Unterstützungsvereine gewesen und sie brauchen die Majorität nicht mehr. Um nun auf den geplanten jüdischen Mediziner-Unterstützungsverein zurückzukommen: Es wurde eine Commission eingesetzt, welche die Vorarbeiten in Angriff nehmen wird. Professor Dr. Zuckerkandl hat dieselbe ermuthigt und ihr gegenüber die Meinung ausgesprochen, daß der allgemeine Verein unmöglich zu Stande kommen könne. Alle diese günstigen Auspicien hindern aber die Wiener Tagespresse nicht, die Begebenheiten der oben geschilderten Versammlung und was damit in Verbindung steht, in einer geradezu empörenden Weise zu entstellen und zu verdrehen. Das hat übrigens die sogenannte „Judenpresse", welche in Wahrheit allem Echtjüoischen feindselig gegen» übersteht und nur ihr neuzeitlich überlünchtes Ghettojudenthum herausstreicht, in Gewohnheit. Mau konnte ihrerseits kein anderes Vorgehen erwarten; sie müßte sonst nicht mehr sie sein. S ch o m e a. Brigmal-Eorrejpvndelyen. Oefterreich-Nngarii. Men, den 15 .Februar 1892. In Wien, Oesterreich und Wtjieuropa überhaupt, macht man sich die Rettung des Jiidenthums leicht. Man erhitzt sich wegen irgend eines Antiffemitenhäuptlings und — Israel ist erlöst. Der bekannte Dr. Lueger hat im Abgeordnetenhause eine Kapuzinade gegen die Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft, der er sträfliches Einverständnis mit einigen jüdischen Spedilionsfirnieu in Rumänien und sonstige unschöne Dinge vorwarf, losgelassen, hierauf haben ihm der Handelsulinistcr und Herr Dr. Jagues schroff geantwortet nno Herr Dr. Bloch hat die Gelegenheit wahrgenommen, „Beuschel" dazwischen zu rufen. Lueger hat nochmals replicict, natürlich mit gewohntem Pathos. Dann ist die Sache in die Tagesblätter gekommen und von da unter die Bevölkerung. Der jüdische Theil derselben namentlich kannte Tage lang keinen interessanteren Gespcächsgegenstand als diese schmutzige Geschichte und freute sich kindisch über die „Abführung" Luegers. Interessant ist übrigens, daß in den Bureaux der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft ein starker antisemitischer Wind weht. In Beantwortung einer antisemitischen Jnterpe llation erklärte Ministerpräsident Graf Taaffe tut Abgeordnetenhause, daß die bestehenden Gesetze ausreichen. um jeder irgendwie bedenklichen Einwanderung russischer Inden zu begegnen, in Folge dessen eine bedeutende Abnahme im