Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 4 (23.2.1892)
- Date
- 1892-02-23
- Page
- Seite 44 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 44 Selbst-Emaiicipaiion Nr. 4 die Erhaltung der jüdischen Nation zur unabweislichea Pflicht macht. Wenn cs nr noch eines Beweises bedarf, um die im Affimilations-Judenthume herrschende Begriffsverwirrung zu kennzeichnen, so ist dieser durch die Haltung der Radicalen, so zu sagen der Bergpartei des Affimilations- Judenthumes gegeben. Diese — die Radicalen nämlich, obwohl durch und durch irreligiös, stellen sich, nur durch den Antisemitismus gedrängt, auf den er- und verlogenen Standpunkt der jüdischen Glaubensgeuosseiischaft, während siein der lächerlichsten und unwürdigsten Weise die doch nicht hinwegzuleugnende jüdische Stammesgeuoffenschaft mit allen Spitzfindigkeiten ihrer in diesen Blättern schon oft gebührend gewürdigten Sophistik in Abrede stellen; ihr Ideal ist ein confuscs Weltbürgerthum, dem zu Liebe sie ohne Bedenken die positive Religion und die großen Traditionen des jüdischen Volkes ans dein Altar der Lvcial- Demokratie als Opfer darbringen wollen, ohne für diese ihrer Meinung nach edle Selbstverläugnung die erhoffte Anerkennung ihrer Gesinnunsgenofsen finden zu können. Uns National-Juden steht eS vollkommen ferne, deswegen die Bestrebungen der Social-Demokraten, soweit sich dieselben auf das im gesetzlichen Wege Erreichbare richten, für unberechtigt zu halten oder gar gefährlich zu finden. Von Haus aus warmfühlende Demokraten, die für die erhabenen Ziele der wahren Demokratie mit jener erhebenden Ueberzeugung^ Eintreten, die nur ein in seinen historischen Uebcrlieferungen fcstwurzelndes Judenthum zu verleihen vermag, können wir doch nicht den Standpunkt unserer, ihrer Religion und Nation, entfremdeten Stammesgenossen theilen, da es ein moralischer Selbstmord wäre, uns nach einer vnrtausendjährigen großen Vergangenheit aus dem Buche der Geschichte zu streichen, besonders in einer Zeit, wo gerade das Judenthum berufen erscheint, auf nationaler Grundlage die Führung einer zielbewußten und loyalen Demokratie zu.übernehmen. Es wäre auch ungerecht und der Cultur-Nationen unwürdig von dem jüdischen Volke zu verlangen, caß es an dem vielleicht bedeutsamsten. Wendepunkt der Menschheitsgeschichte sich selbst aufgebe — in einer Entwicklungsphase des Judeuthums, wo es noch als Ration, blos als.Ration und nur auf dem Boden seiner Väter im Stande sein könnte dem moralischen Riesenschaven, welchen die materialistische Geistesrichtung unseres Zeitalters dem jüdischen Volke zugefügt und der physischen tzerabgekommenheit, .in welcher sich leider der größere Thcil desselben infolge seines gräßlichen materiellen Elends befindet, durch die practische Betätigung der in dem Boden der Wirklichkeit wurzelnden jüdisch - religiösen Ideen, beziehungsweise durch harte und ehrliche Bauernarbeit ein überlegenes Gegengewicht entgegenzustellen. Alle Bedenken, welche gegen den Nationalismus im Allgemeinen erhoben werden und die nur ihren Grund in den Auswüchsen desselben haben, können beim National-Jndenihum nicht geltend gemacht werden; denn dieses, von sittlich-religiösem Bewußtsein erfüllt, kann unmöglich aus das niedrige Niveau des Raffen-Nationalismus herabsinken, kann nie und nimmer als ein zersetzendes Element in einem gesunden fremden A olkskörper betrachtet werden. Die Besten der Nationen mögen darüber entscheiden, ob ein von sittlichem Ernste getragenes National-Juden» thum, von dem Bewußtsein der ihm von seiner he'ligen Religion gegenüber. allen Nationen auferlegten hohen Pflichten erfüllt, der Sache der Civilisation größere Dienste erweisen kann, als ein seiner Reli gion und Nation gleich entfremdetes, einem kraffen Materialismus verfallenes Judentum, das aller Ideale baar, sich selbst zur Last, sich in selbstmörderische Weise aas dem Buche des Lebens löschen will. - 8. Ll. Wien, 20. Jänner 1892. Eine jüdische Studenlenversammiuug. Wien, den 4. Februar 1892. Dem Rufe des akademischen Vereines „K ad i m a h" folgeno, versammelten sich am 30. v. M. Nachmittags i» RoditscheksRestanrationslocalitäteu circa zweihunvertfünfzig jüdische Studenten, um über bie von dem genannten Vereine vorgeschlagene Gründung eines jüdischen Medici n e r-U n t e r st ü tz u n g s v e r e i n e s zu berathen. . Der Obmann der „Kadimah", Herr Drd. med. Siegmnnd Werner eröffnet? die Versammlung mit einer Ansprache. In derselben wies er auf die Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes und auf die Nothwenvigkeit einer Unterstützung der armen jüdischen Studenten hin. Die jüdischen Studirenden müßten sich, wie dies die Vorgänge bei der letzten famosen Versammlung zur Belebung des Heimgegangenen a l l g e m e i n e ii medicinischen Unter stütznugsvereines zeigten, endlich auf eigene Füße stellen. (Stürmischer Beifall.) Der akademische Verein „Kadimah" habe sich als der einzige jüdische Slndentenvereiii berufen gefühlt, die Sache anzuregen, will aber die Fortführung desselben der jüdischen Studentenschaft selbst überlassen/ Rach Herrn Werner ergriff das Mitglied der „Kadimah" Herr sind. jur. A. >H o r o w i tz das Wort, um in gewohnter formvollendeter-- Weise die Zustande an der Wiener Universität zu g-ißeln, welche einem Geschichtsschreiber der Zukunft iiur^Anlaß zu Mitleid geben weiden. Er lheiltdie Geschichte in Alterthum und Mittelalter — das Mittelalter daure noch an — und gibt dem Wunsche Ausdruck, es möge bald die Neuzeit an- .brechen. Nun kam die Opposition zu Wort, und zwar war Herr sind. med. F r i e d j u n g ihr erster Redner. Er machte vor allem darauf aufmerksam, daß die jüdischen Medicincr in großer Majorität und bei der vielbesprochenen Versammlung nur unterlegen, weil sie in zn geringer Zahl erschienen seien. Durcheinen speciell jüdischen Unterstützungsverein könnten nur die liberalen Christ-.n ins Lagcr der Antisemiten getrieben werden. Wir dürfen uns nicht separiren und auch nicht provociren. Die Gründung des jüdischen Vereines würde eine Provocalion bedeuten. Redner fordert schließlich zur Gründung eines allgemeinen medicniischen U'iterstiitzuirgsvereiiies auf. - ' Rach mehreren Pro- und Contrareoiiein ergriff, lebhaft acclamirt, Universitätsdocent Dr. G r ü n f e l d das Wort, um sich gegen den projectirten jüdischen Verein auszusprechcii. Er brachte im Großen und Ganzen, die Gründe seiner Gesinnungsgenossen vor und rieth ebenfalls, es nochmals mit einem allgemeilien Vereine zu versuchen, wobei er das Gleichnis anwandte, daß man durch eine mißglückte Operation sich nicht abhalten lassen dürfe, eine zweite zu wagen. Auch liege in der Gründung desVe reines eine verletzende Uebergehung des früheren Comilos und übrigens gebe es ja einen Studenten-Unterstützungsverein der Cultusgemeinde, wobei freilich Redner zugeben mußte, daß das Elend der jüdischen Studenten ein sehr großes sei und nur ein Theil der Unterstützungsgesuche erledigt werden könne. —