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Selbst-Emancipation · 1892-02-23 · Heft 4 (23.2.1892) · p. Seite 43

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 4 (23.2.1892)
Date
1892-02-23
Page
Seite 43 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. Selbst-Eiimncipation Seite 43. Judenthume als eines der obersten Postulate desselben betrachtet wird, um als selbstständiger Factor in die Reihe der Cultur-Notionen eintreteu zu können. Aber während das radikale Reform-Judenthum zur Assimilation dem Blute nach führt und das noch national-indifferente Status guo-Judenthum von demselben in diesem Sinne bearbeitet wird, streben die JüdischMationalen nur eine Assimilation dem Geiste nach an und dieß nur iusoferne, als sie im Vollbewußtsein der weltgeschichtlichen Bedeutung des jüdischen Volkes nicht g o l u s - j ü d i s ch e s, sondern würdevolles national-jüdisches Wesen m i t nl o d e r i! er Geistesbildung zu vereinen trachten. Die Jüdisch-Nationalcu wollen also die Versöhnung ihrer nationalen Religion mit der Wissenschaft, die jüdischnationale Idee in stets regem Contact mir der reichen und herrlichen Gedankenwelt der Culturnationeii; sie verlangen aber auch als fühlende und denkende Menschen von den srciheitlich gesinnten Völkern, mit denen sie für die höchsten Ideale der Menschheit eintreten, als ihr gutes Menschenrecht die Achtung vor ihrer nationalen Individualität. Wenn die Völker es wirklich mit der Freiheit ernst meinen, so können sie in dem National- Judenlhum keinen Staat im Staat, keinen Feind der europäischen Gesellschaft erblicken, sondern nur ein aus seine innere Versittlichung bedachtes Volkslhum, welches durch ehrliche und harre Arbeit, in friedlichem Wettbewerb mit den Völkern auf allen Gebieten der menschlichen Cnllur den ihm gebührenden Platz unter den Nationen erringen will. -~ Wir Zionisten haben es vermöge unseres Standpunktes nicht völhig, unseren Patriotismus, gegenüber unseren christlichen Mitbürgern besonders zu betonen; doch'müssen wir cs mit Rücksicht auf die uns im jüdischen Lager aus weitgehendster Opportunität entgegeiigebrachte Gegnerschaft zur Vermeidung von unliebsamen Mißverständnissen für angezeigt erachten, hier auf das feierlichste zu versichern, daß wir mit der schon von den Wclteroberern des Alterthums gerühmten jüdischen Treue unserem Vaterlande ergeben sind, für welches wir Gut und Blut zu opfern bereit sind. Sowie alle Juden, ohne Unterschied der Glaubensstärke und politischen Parteirichtung, betrachten es auch wir, aber nicht nur als religiöse, sondern auch als nationale Pflicht, dem Wähle des Staates, in welchem wir leben, nach besten Kräften zu dienen. Unser Vorbild ist hierin der große und nationalste Prophet Israels, der selbst die in Gefangenschaft schmachtenden babylonischen Inden ermahnte, das Wohl des Staates zu fördern, da in deffen Wohle auch das ihrige gelegen sei. Aber sowohl er. als auch die anderen großen Propheten des Exils trösteten die Juden, indem sie dieselben zum unentwegten Ausharren auf dem nationalen Standpunkte begeisterten. Damals ging das seinem Gotte und seiner Nation treu gebliebene Häuflein trotz erbitterter Verfolgung seitens der abtrünnigen Stammcsgenoffeu aus dem Kampfe für seine große und heilige Sache, den cs mit einer in der Weltgeschichte beispiellos dastehendm Ausdauer lührte, siegreich hervor. Derselbe Vorgang wiederholte sich in der glorreichen Makkabäerzeit, wenn auch in der Gestalt eines blutigen Bürgerkrieges, welcher durch das schmachvolle Sichaufdrängen der antuationalen hellenistischen Partei gegenüber dem damals bereits verlotterten Griechenthum provozirt wurde. Siegreich bestanden die makkabäischen Heldenbrüder mit ihrer Schaar todesverachtcnder Getreuen den mehr als ungleiche» Kampf mit dem übermächtigen äußeren Feind, den die hellenistischen Ben äther in's Land gerufen hatten, und den noch weit gefährlicheren innere» Feind, dessen schrankenlose Genußsucht im Nahmen des die höchste Sittlichkeit lehrenden Judcnthums keine Befriedigung finden konnte. In der nun der glanzvollen, aber nicht lange andauernden Makkabäerherrschaft folgenden Geschichtsepoche, welche das traurigste Kapitel der jüdischen Geschichte, nämlich den Untergang des jüdischen Staates nach vorhergegangenem, unvergleichlich heldenmüthigem und erst mit der Niederwerfung des Bar-Kochba'schen Aufstandes seinen endgiltigen Abschluß findenden Kampfe gegen die römische Weltherrschaft in sich schließt, vollzog sich die vollständige Zerstreuung der Juden über die ganze, damals bekannte Erde; doch besaßen sie bis zum 7. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung in dem nach Millionen zählenden mesopotamischen oder babylonischen Judenthum, das unter der Herrschaft der dem David'schen Hause entstammenden und den neupersischeu Königen tributären Exilsfürsten eine autonome Stellung innehatte, einen nationalen Mittelpunkt, der erst durch den mächtig emporstrebenüen Islam vernichtet wurde. Damit verschwand auch der letzte Rest nationaler Selbstständigkeit. Zwar blühte unter der Herrschaft der Araber in Spanien Jahrhunderte hindurch ein nationales Judenthum im besten Sinne des Wortes, das sowohl durch seine glanzvollen Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur, als auch durch seine bahnbrechenden Forschungen auf dem Felde der exakten Wissenschaften einen überaus befruchtenden und segensreichen Einfluß auf die Entwicklung der modernen Civilisation ausübte; doch mit der hereinbrechenden Barbarei des Mittelalters, welches in den Kreuzzügen verkörpert, eine mehrhundertjährige Leidenszeit über die Juden herau'beschwor. dieselben in das finstere Ghetto Pferchte, ihnen Luft und Licht mißgönnte und sie jedes ehrlichen Berufes beraubte, mußte sich das Jndenthum von jeder öffentlichen Wirksamkeit ausgeschlossen, auf das ihm ureigene Gebiet der Religion zurückziehen, die der verfolgte und bedrückte Jude zu seiner Hauptbeschäftigung machte und in welcher er mit Recht Trost und Erhebung suchte und fand. Die Religion war auch wirklich das unzerreißbare innige Band, welches den Juden mit seinen Stammes-, Glaubens- und Leidensgenosseu verknüpfte. Seine nationalen Hoffnungen jedoch verdichteten, vielmehr verdunkelten sich zu einem unentwirrbaren Knäuel von mystisch u Vorstellungen über das Wesen des messianischen Zeitalters und ist es daher erklärlich, warum in der für das Judenthum im allgemeinen so trüben, aber trotzdem für dasselbe vieler Lichtblicke nicht entbehrenden Neuzeit einerseits das fanatisch-orthodoxe, anderseits das radicale Reform-Judenthum den Anschluß au den Zionismus, wie er von der jüdischnationalen Intelligenz verstanden wird, perhorreszirt. „Les extremes se touchent“. Ja, diese beiden so schroff einander gegenübeistehenden Parteien sind dem Zicnismus nur in Folge ihrer gegensätzlichen Weltanschauungen übelgesinnt. Während der jüdische ObscurantiSmus zu Folge seiner bisherigen Verschlossenheit gegen die europäische Cnltur noch imunr in den vorerwähnten mystischen Anschauungen über die nationale Zukunft des jüdischen Volkes verharrt und daher nicht begreift, daß die mit dem allmähligeu Fortschritte der Menschheit untre mbar verbundene nationale Erlösung Israels nur schrittweise und auf natürlichem, dem die Zeichen der Zeit verstehenden Kenner der jüdischen und allgeineiuen Geschichte darum nicht minder wunderbar erscheinenden Wege vor sich gehen kann, hat das von europäischem Wesen sich durchtränkt wähnende Affimilations-Judenthum den nationalen Boden gänzlich verlassen und sich auf einen rein confeffi onellen Standpunkt gestellt, ohne zu bedenken, daß es mit der von ihm acceptirten mosaischen Confeffion nur Mißbrauch treibt, indem gerade dieses Bekenntnis zumindestens seinem Wortsinne nach

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