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Selbst-Emancipation · 1892-02-23 · Heft 4 (23.2.1892) · p. Seite 42

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 4 (23.2.1892)
Date
1892-02-23
Page
Seite 42 (sequence 4)
Language
German
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Seite 42 Selbst-Emancipalion Nr. 4 können Mittel und Wege finden, um nicht länger von jedem Volke geschlagen, gepeinigt und verfolgt zu werden. So lange unser Volk diese einfache Wahrheit nicht begreifen wird, wird cs auch nicht nützen, wenn man es von einem Lande in's andere bringt. Wenn sich nicht das Volk s e l b st ein Nuhcplätzchen sucht, wird es dasselbe auch nicht finden, ebensowenig in Palästina als in Amerika. Keine Maßregel wird unserem Volke nützen, wenn es nicht selbst seine wahre Stellung unter den Völkern erkennt. Das Geld der Großen und die voreilige Coloniengrüuduvg kann nur zum Verderbe» und zur sittlichen Entartung unseres Volkes beitragen und unserer Zukunft schaden; das Volk als solches muß um sein Schicksal bekümmert sein. Alle Thaten und Werke der Zionssrennde sind werthlos. wenn da und dort Theilnahmelose Zurückbleiben. So lange wir den Gedanken der Wiedergeburt unseres Volkes auf dem Boden seiner Väter nicht zum Gemeingute aller Söhne unseres Volkes, wo immer sie wohnen mögen, machen, werden wir in der Colonisa.- tion des heiligen Landes nicht den geringsten Erfolg er» zielen. Nur wenn wir den nationalen und Colonisationsgedanken durch Propaganda unter dem Volke verbreiten, dann werden wir auf unsere Existenzfrage die richtige Antwort finden. Wenn wir uns nicht der Propaganda in ihrem modernen Sinne bsdiencn, so glaubt die Menge des Volkes, daß wir für sie einen einträglichen Handel in Palästina suchen und wird sich wie eine Sache von demjenigen nach Argentinien führen lassen, der ihnen dort einen einträglicheren Handel verspricht. Auch die „Fortschrittler" er- . fahren eigentlich von uns nicht recht, was wir wollen und sind daher geneigt, uns für Schwärmer oder Neactionäre zu halten. Sind wir Nationale, wenn wir uns vom Volke entfernt haben? Wie soll die Menge an uns glauben, wenn wir ihr stets zurufen: Gehet nach Palästina!, — ohne ihr zu erklären, warum wir sie dazu auffordcrn. Zwingt aber die eiserne Nothwendigkeit unsere Brüder? sich einen Zufluchtsort aufsuchen und ebenso, wie nach anderen Ländern auch nach Palästina zu gehen, so finden sie dort schon bei den ersten Schritten die größten Schwierigkeiten, und wir erweisen uns ohnmächtig, ihnen zu Helsen. Wir schreien dann bloß: „Seid so gut und kehrt an Euern Ort zurück" und warnen unsere Brüder, nur ja nicht nach Palästina zu gehen. Nur dann werden wir die Colonisation Palästinas predigen dürfen, wenn wir zuvor unseren Brüdern dem Weg dahin gebahnt haben, wenn wir uns mit den Herren des Landes verständigt haben werden. Das kann aber erst dann sein, wenn der Colonisationsgedanke ein Gemeingut unserer Nation, nicht Privateigcnthum einzelner Individuen sein wird. Wir fürchten uns in der Oeffentlichkeit genau und ausdrücklich von der Colonisation Palästinas zu sprechen, was würden die Völker dazu sagen? Sie dürfen ja doch dergleichen gar nicht hören s Aber, wenn die Einwanderung der Juden nach dem heiligen Lande zunimmt, dann verschließen sie wohl die Augen?! Ein Mann kann seine Absichten und Thaten geheim halten; nimmermehr vermag es ein ganzes Volk. Wenn es nicht an der Zeit ist, öffentlich über unsere Zwecke in Palästina zu sprechen, so ist es auch nicht an der Zeit, nach Palästina zu gehen, wenn man uns auch alle Thore daselbst erschließt. Die Judenfrage ist heute eine Frage aller Völker. Wenn diese sehen werden, daß wir selbst diese unsere Frage lösen wollen, als ein: Volk, das einen festen Willen von seinen Vätern ererbt hat, dann werden sie uns unterstützen, wie sie anderen Völ kern beigestanden haben, welche ihre Wünsche nicht ver- J heimlichten. Wenn das Kind nicht weint, wird die Mutter nicht aufmerksam. Wenn wir nicht selbst unsere Wünsche, kundmachen» woher sollen sie unsere Brüder kennen, die uns zu helfen vermögen, und die Völker, die an unserem Auferstehen Interesse nehmen? Mögen alle unsere Brüder wissen, was unsere Nationalen und Zionsfreunde wollen. Mögen alle Völker erfahren, daß wir uns ein sicheres Heim auf dem Boden unserer Väter errichten wollen; — und dann, nur dann werden wir in Wahrheit gerettet werden! Lud sn B rainin. Zur Klärung. Wie oft hören wir nicht unsere Seelsorger wie sich unsere Reformprediger so gerne nennen lassen — darüber klagen, daß die Religion nicht mehr wie früher das einigende Band zwischen den Juden des ganzen Erdballs bilde. Indem die Zunahme des religiösen Jndifferentismus in Verbindung mit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Nationalitäten die wachsende Entfremdung zwischen den Juden verschiedener Länder, ja Provinzen ein und desselben Staates und — was doch schon sehr viel bedeuten will — selbst den Antagonismus zwischen den Israeliten derselben Provinz bewirke. Mau sollte nun glauben, daß diese Führer der modernen Judenheit, so nahe der Erkenntnis der Uebel, an welchen das heutige Judenihum krankt, in der Erweckung des jüdischen Stammgefühls, in der Wiederbelebung der jüdischen Nation den fest zusammenhaltenden Kitt erkennen, durch welchen dem modernen Judenthum ein neuer belebender Geist eingehaucht werden könnte; man sollte erwarten, daß die geschichtlichen Heilswahrheiten, die so laut und vernehmlich den unvergänzlichen Bestand des jüdischen Volkes predigen, von den berufenen Factoren des , Judenthnms beherzigt würden; man dürfte zumindestens hoffen, daß unsere Seelsorger in dem wievererlpachenden Nationalbewußtsein der intelligenten jüdischen Jugend, die doch die Hoffnung ihres Volkes bildet, die Anzeichen eines allmählig sich vollziehenden Gesundungsprozesses und den lebhaftesten Protest gegen die Zersetzung im Judenthum erblicken würden. Statt dessen müssen wir Nationaljuden die betrübende Wahrnehmung machen, daß unser ideales Streben, unser nur das Beste unseres Volkes bezweckende Wollen gerade von diesen Führern des modernen Judenthums nicht nur ignorirt — was man noch vom Standpunkte einer allerdings oft bis zur Selbsterniedrigung führenden Opportunitäts-Politik halbwegs begreifen könnte — sondern auch verfehmt und — gelinde gesagt — in der unverantwortlichsten Weise angegriffen werden, indem man unseren Bestrebungen Motive unterschiebt, denen die zionistisch gesinnte Intelligenz, in ihrer Gcsammtheit vollkommen fernesteht. Die Führer des Assimilations-Jüdenthums glauben durch die äußerste Bekämpfung des jüdischnationalen Gedankens den Nationen am besten den Beweis erbringen zu können, daß das Reform-Judenthum allen nationalen Idealen entsagt, daß es auf Zion längst vergessen und nur das eine heiße Verlangen empfinden, sich mit den Nichtjuden zu einer homogenen Volksmasse zu amalgamieren. Dem gegenüber, muß hier auf das Entschiedenste betont werden, daß die Accomodation bes Judenthums an den modernen europäischen Geist*) auch von dem nationalen *) Eine Accomodation ist gar nicht nötig, weil der moderne curo- ' päische Geist nichts anderes ist, als der Geist des semitischen und orientalischen Völkchens Israel; es gilt nur aus der Golusvcrkümmerung zw diesem Geiste zurückzukehren, wodurch man zur reinen Urform der europäischen Civilisation gelange» würde. Das nur zum Wortlaute obigen Satzes. Dem Sinne nach billigen wir obige Ausführungen. Die Redaction. .

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