Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 4 (23.2.1892)
- Date
- 1892-02-23
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-.Uv. 4. warf uns nämlich den Mangel dieses Rückhaltes in Wien vor. So wie Wasser ein unversöhnlicher Feind des Feuers ist, so Haffen uns die Böri'eumänner, die „Seelsorger" und Journalisten von jetzt. Eine „Neue freie Presse" wird unserer Sache nie gerecht werben, erst bis das Ziel derselben als vollzogene Thatsache vor ihr stehen wird. Sie haßt jede nationale Bewegung eines gedrückten Volkes und erst vor dein Erfolge streckt sie zähneknirschend die Waffen. Man sehe ihr Verhalten gegen die Polen und Iren einerseits, und die Ungarn anoererseils. Die Thalsache muff also geschaffen werden, welche den Lemcn imponirt, und das geht nur durch eine parteigemäffe Organisation, zu welcher man zwar viel Geld, gute Reden und gute Zeitungen, aber keine Baronenmillioneu, kein Prediger-Wortgeklingel, keine Gnade der von assimilatorischen Juden redigirten Tagespresse benöthigt. Wir bedürfen keiner Protection; unsere Bewegung rechnet mit dem Volke, welches cs versittlichen, vom Joche der Plutocratie, des neujüdischen Pfaffenthums und des journalistischen Geisterdrills befreien will. Und übrigens bringt ja unsere Bewegung täglich Männer hervor, die sich durch persönliches P r e st i g e die Achtung der gebilveren Kreise und der Massen zu erwerben wissen. Wir suchen schließlich in Wien nicht die in der Weltpolitik tonangebende Stadt oder die nationalen Besreiungstraditionen von Paris und London. In dieser Hinsicht sind wohl wir die „Praktischen" nnd Nüchternen. Unsere Gedanken schweifen gar nicht so weit; die Politik, die wir wünschen, soll eben mehr eine innere, als eine äußere, mehr Selbsterziehung als Diplomatik sein. Soweit aber letztere doch wird zur Geltung kommen müffeu, geben wir gewiß zu. daß die Angriffspunkte für eine solche Thätigkeit nicht in Wien, sondern anderwärts z. B. in Constantinopel oder London liegen. Doch was hat das mir der Frage der Centralisation zu thun? Das zionistische Partei-Organisatioiiscomilo hofft also nach allen Richtungen hin das Nichtige getroffen zn haben. Der Anfang mußte einmal gemacht werden; man wird von Vordringlichkeit nicht sprechen können. Möge die Mühe des Comites keine vergebliche sein, mögen seine Rufe nicht ungehört verhallen. Möge es ihm gelingen, die Gesinnungsgenossen zur Mitarbeit zu gewinnen, bann wäre alles gewonnen. Denn, wer Zionist ist, kann kein Mammousanbeter sein, wenn er Vermögen hat; kein Cleriker, wenn er ein Rabbinat versieht; kein Ueberzeugungsloscr, wenn er die Feder führt. Mit einem solchen Materiale läßt sich etwas durchsetzen, aber es muß gcsammelt sein. Diese Voraussetzung hat bis jetzt nicht bestanden. Die „zionistische Partei" soll sie weiden. B. An die Zionisten in Rußland" (Schluß) Es gibt nur e i n Mittel gegen diesen dreifachen Feind, und das ist die P r o p a g a n d a, — Propaganda durch Wort unb Schrifi, im weitesten Ausmaße und in für unser Volk passendster Weise. Propaganda? — werden die Zionsfreunde in Rußland fragen und hell auflachen über meine Naivität. Fehlt es uns denn, werden sie sagen, an Redeu, Büchern, Zeitschriften und Brochüren, und werden uns solche Dinge Helsens Werden sie uns retten aus der Noths Nicht geflügelte Worte sind uns nöthig, nicht klingende Phrasen, werden sie fortsahren, sondern — Millionen, Männer, wie *) Aus dem Hebräischen übersetzt. Seite 41. Baron Rothschild und Baron H i r sch. Bloß die Gründung neuer Colonien im heiligen Lande kann unsere Wunden heilen. Merkwürdig sind die Wege unseres Volkes. Bis in die letzte Zeit, welche Unglück über unser Volk brachte, kasteiete es sich, spürte nach gottgefälligen Werken und nnternahm es, durch Reue. Gebet und Wohlthun („t’schubhah, t’fillah uz’dakah"; sein Verhängnis zu bekämpfen. Jetzt ist es in's andere Extrem verfallen und erwartet alles von einigen Geldriesen, welche gar nicht senke Leiden kennen. Diese unsere Aerzte fragen gar nicht den Kranken, wo es ihn schmerze. Beamte und Bedienstete stehen zwischen ihnen, die wohlgtborgeu in ihren Palästen sitzen und durch ihre mit dem stocke kurirenden Sendlinge unglückselige Experimente anstellen, uns den armen Leidenden. Ich habe lange Zeit über die Wurzeln der Krankheit meines Volkes, über alle Heilmittel seiner Aerzte nachgedacht und bin zur Erkenntnis dessen gekommen, daß der Grund aller seiner ließet in seinem Mangel an nationalem Bewußtsein liege. Wir wiffen nickt, daß wir ein eigen Volk mit eigenthümlichen Tugeuden und daß wir berechtigt und verpflichtet sind, für unsere nationale Aufrichtung zu kämpfen; nicht aber bloß, an die Völker uns anznlehnen, unter welchen wir wohnen, nicht blos an ihre Befferung, an ihr Mitleid zu appelliren. Die einzige Heilung für die Wunden, welche uns v.n allen Völkern geschlagen wurden, ist vielmehr die v o l l k o mm e ii e Einigung nnd die Erkenntnis unserer nationalen Pflichten. Eine zweite Art der Selbst! ettung wäre allenfalls noch der Abfall von der jüdischen Religion und die Blutvermi'chung, d. h. wenn mau von der andern Seite auf die letztere eingeht. Aber diese Selbstrettnng wäre sicherlich keine für unsere Kinder, vielleicht erst eine solche für unsere Enkel. — vielleicht, weil nämlich forschende Geister der Zukunft auch die Gefährlichkeit dieser Juoenstämmlinge für eine geordnete Gesellschaft werden haarklein beweisen können. Ueberhaupt wird das älteste unter den lebenden Völkern seinen Glauben, für welchen es durch -drei Jahrtausende geblutet hat, nicht für die Hoffnung preisgeben, dadurch vielleicht seinen ferneren Nachkommen irgend einen Nutzen zuzuwendeu. Die Vereinzelten aber, welcle ihre Religion abschwören — und solche hat es zu jeder Zeit gegeben — haben damit doch nicht im Geringsten dem Unglück des ganzen Volkes abgeholfen. So erweist sich denn -der erstangegebene Weg der Rettung als der einzig verläßliche und richtige, — Inden zu bleiben und uns auch wirklich als solche zu führen. Wenn wir nicht für unsere nationale Existenz eintreteu werben, werden wir stets und überall zu leiden haben, unter allen Regierungsformen, ebenso bei absolutistischen als bei constitutionellen Systemen, ebenso in Republiken als in wahren Demokratieen. Wir werden leiden, auch wenn wir alle Bräuche unseres Volkes bei Seile lassen; denn der Haß der Völker gegen uns wurzelt tief in ihrem Herzen und ist so alt, wie wir selbst. Darein bringt der Wechsel der Regierungen keine Aenderung. Dieser Haß schlummert zeitweilig, der kleinste Anlaß genügt, um ihn wieder zu wecken. Würde unser Volk sich darüber klar seiu, daß es ein Volk ist. würde es wiffen, daß nur in seiner Einigkeitzseine Kraft, nur in ihm selbst seine Hilfe liege, dann könnte es aller Hinderniffe und Schwierigkeiten Herr werden. Zehn Millionen Menschen, welche während hundert Generationen zahlreiche Erfahrungen gesammelt haben, sind im Stande, ihre Lage so einzurichten, daß sie nicht ein schwanken ' zwischen Himmel und Erde sei; zehn Millionen Menschen Selbst-Emancivation