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Selbst-Emancipation · 1892-02-23 · Heft 4 (23.2.1892) · p. Seite 40

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 4 (23.2.1892)
Date
1892-02-23
Page
Seite 40 (sequence 2)
Language
German
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Seilt 40. Selbst-Emancipaiion. Sir. 4. Daß aber das im Artikel „der neue Cours" ausgesprochene Wort eine Mutter der That werde, danach habemwir redlich gestrebt. Wir weinen die von der Nedaction dieses Blattes und seinen nächststehenden Freunden ausgehenden Bemühungen zur Schaffung einer Organisation der zionistischen Partei, oder, was dasselbe ift, zur Schaffung dieser Partei selbst. Das Coinile, welches dieser Ausgabe sich unterzog, hat bisher zwei Aufrufe an Gesinnungsgenoffen versendet, in welchen es seine Ziele und die Art, wie dieselben zu erreichen wären, auseinandersetzt und um die Unterstützung aller Zionisten bittet. Bevor noch der zweite Aufruf erschien, erstanden dem ersten bereits mannigfache Gegner, die ihre Opposition in gewiffen Zeitungen ondeuteteu oder hievon auf privatem Wege das Organisationscomite wissen ließeu.zZwei Punkt waren es namentlich, welche das Mißfallen dieser Herren erregten: Die Bezeichnung unserer Partei als einer politischen und die Wahl Wiens zum Parteicentrum. Der erstangeführte Punkt hat eine principiellere Bedeutung, und schon deshalb wollen wir ihn zunächst besprechen. „Unser Mittel ist nicht die „Nedowo", es ist die „Politik" hieß es in dem Aufrufe; das war nur eine Variante einer Stelle aus dem Artikel „der neue Conrs", wo gesagt wurde, daß mau „nicht Politik macht im Wege des Geschäftes und der milden Gaben". Nun liegt ans den schönen Tagen der Affimilation her manchen Zionisten noch ein gut Stück zaghaften Opportunismus, der sich so trefflich in eine coufuse Deutelei kleidet, in den Gliedern. Die nat'onaljüdische Idee hat den Sinn dieser Männer noch nicht in dem Maße geläutert, daß sie allen Hokuspokus von anno dazumal miffen könnten. Sie thun den eigenen Gefühlen und der Logik Gewalt an, um den Zionismus ja nur recht unpolitisch erscheinen zu lassen. Die Einen spielen sich ans die bloßen „Wohlthätigkeitsapostel" hinaus, und sind glücklich, wenn sie irgend einen Tropf zu einer kleineren oder größeren Spende überreden, welche sich gewöhnlich nie mehr wiederholt; dann glauben sie Zion in der Tasche zu haben. Die Anderen schämen sich wohl dieser ebenso, lächerlichen als ganz und gar unnützen Maskerade und verkünden öffentlich und ganz ohne Scheu ihre Ansichten, welchejeder Vernünftige als national-, religions- und socialpolitische erllärcn muß, protcstiren aber nichtsdestoweniger dagegen, daß die Zionisten als politische Partei bezeichnet werden. Daß gerade diese letztere Kategorie von Zionisten von der politischen Natur der Zionsbewegung tief überzeugt ist, wiffen wir recht gut; zur Verleugnung dieser Ueberzeugung werden sie durch tactische Gründe getrieben. „La politique, c’est ce qu’on ne dit pas“ („Politik ist das, was man nicht sagt") citirte ein geistig hervorragender Zionist anläßlich unserer Organisationsbestrebungen. Um Citate ist es ein eigen Ding. Sie hinken gerade so wie Vergleiche. Der Citirte-.hat sich nämlich, wenn er überhaupt die Wahrheit gesagt hat, gewöhnlich etwas gedacht, wozu das Thema des Citirenden keine Analogie hat. Der Politiker gibt wohl nicht die Details seiner Thätigkeit jedermann preis, aber er läßt niemanden darüber im Unklaren, daß sein Geschäft die Politik ist, so wie der Kaufmann zwar seine Geschäftsgeheimnisse wahrt, aber gewiß nicht versuchen wird, jemandem vorzumachen, daß er etwas anderes als ein Kaufmann sei. „La politique, c’est ce qu’on ne dit pas“ wird sich dem Sinne nach besser übersetzen lassen: „Politisiren ist das, was man nicht sagt." Es gibt auch keine Partei der Welt, welche politische Ziele verfolgt, sei cs im engeren Sinne des Wortes, sei es national-, religions- oder socialpolitische, und sich selbst als nicht bestehend erklären sollte. Alle Parteien der Welt erringen durch ihr offenes politisches Bekenntniß Erfolge, nur uns Zionisten könnte es schaden. Warum denn eigentlich? Weil unsere Idee noch nicht dem Kindesalter entwachsen sei, sagte man uns. Eben deswegen muß man trachten, sie aus den Kinderschuhen hcrauszuheben. Durch anlmerksames Lesen der erwähnten Enunciationen kann man sich übrigens überzeugen, daß wir für die nächste Zeit vornehmlich an eine Bethätigung des politischen Sinnes nach innen hin dachten. Wir sollen uns als politische Partei zu fühlen beginnen, damit wir uns die Vortheile einer solchen Partei aneignen, und nicht weiter, wie in dem abgelaufenen Jahrzehnt. unsere dem jüdischen Volke gewidmete Zeit mit „Wohlthäügkeit" und dergleichen zu verbummeln uöthig haben. All' dieser Flitter hat in uns die Organisationskraft gelähmt und eine einheitliche Zusammenfassung aller zionsfreundlicher Thätigkeit verhindert. Dieser Zusammenfluß ist nur durch die Organisirung einer zielbewußten, mit Geldmitteln und Talenten ausgestatleten politischen Partei möglich; sie kann alle Bedürsniffe unserer Sache, wechselnd nach Raum und Zeit, in den Kreis ihrer Geschäfte ziehen. Es gibt keine Grenze für ihre Wirksamkeit. Die Erweckung des jüdischen Nationalbewußtseins, die Hebung der jüdischen Volksmoral, die Pflege der hebräischen Sprache und Geschichte, die Colonisation Palästinas, alles das findet Platz in ihrem Programm; alles das gehört aber auch zum Zionsgedanken, wenn er ganz und voll, und nicht einseitig verkümmert, als ein „praktisches" Ansiedlnngswerk betrachtet wird. Die Organisation der zionistischen Partei ist die einzig mögliche Centralisativn der Zionsbestrebungen, dabei ist die Centralisation die Hauptsache und die Frage, w o das Centrum liegen soll, kommt erst in zweiter Linie in Betracht. Von dem Orgauisatiouscomite wurhe hiezu Wien erwählt, einfach schon aus dem Grunde, weil von Wien die Anregung zur Partcigründung ausging und man sich anderswo nicht so lebhaft mit der Sache beschäsnzt. Die Partei wird ja später in der Lage sei», diese Wahl mnzustoßen. Sie wird es aber nicht thun, wenn sie die Vortheile erwägen wird, welche Wien als Ccntrum bietet und die das Organisationscomile doch auch nicht ganz übersehen konnte. Wien liegt au der Grenze zwischen dem europäischen Osten und Westen. Es liegt in der Mitte einer nach Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung; cs ist der Punkt, wo deutsches und russisch-polnisches, aschkenasisches und scphardisches Judenthum zusammentreffen und am besten zu gemeinsamer Arbeit vereinigt werden; es ist wie geschaffen zum Centrum einer nationaljüdischen Agitation — diese aber wird wohl für lange Zeit die Hauptsorge unserer Partei zu sein haben. — Wien ist ferner eine deutsche Stadt, was für die Gewinnung des so wichtigen deutschjüdischen Elements in Oesterreich und Deutschland von größter Bedeutung ist. Wien ist schließlich die Hauptstadt eines Nationalitätenstaates, daher für unsere Bewegung ungleich geeigneter, wie z. B. Berlin. In Wien hat zwar die nationaljüdische Bewegung noch einen geringen Anhang; wo hat sie einen großen in Westeuropa? Wir wollen ja eben orgauisiren und centralisiren, um unsere zahlreichen Gesinnungsgenossen in Nußland, wo ein Eentrum nicht denkbar ist, mit den zerstreuten Zionisten in Westeuropa zu dem Zwecke zu vereinigen, um die Maßen des westlichen Judenthums zu gewinnen. Das aber kann von Wien aus beffer geschehen als z. B. von London oder New Jork — aus Städten, welche den zu bearbeitenden Massen allzu ferne liegen. — Wir brauchen auch keinen Rückhalt an diversen Finanzbaronen, an dem jüdischen Clerus oder der Tagcsprcffe von heute — man

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