Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 3 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092720--0834-3093827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 34. Selbst--Emancipation Nr. 3. des Witzes, die Feinheit der Dialektik and die bewunderungswürdige Frische und Lebendigkeit der eindringlichen Sprache des Herrn B r a n d e s zu schildern. Die in unserer Stadt vacante Stelle eines Rabbiners, hält diejenigen, denen die Angelegenheiten unserer Gemeinde am Herzen liegen, in Aufregung Mehrere Rabbiner haben bereits ihre „Probe-Drosches" gehalten. Auf üunsch vieler Mitglieder wurde vom Vereine , Zion" eine Generalversammlung, deren Tagesordnung die Rabbinerwahl war, einberufen. Rach vielem Debattiren kam man zu dem Resultate, eine Petition an den Vorstand unserer Gemeinde zu richten, in welcher um die Aufnahme eines Rabbiners, der der hebräischen Sprache vollkommen mächtig ist, über ein immenses talmudisches Wissen gebietet und dieses mit allgemeiner Bildung vereint, ersucht wird. Auch soll der neue Rabbiner öfters mit dem Volke in Contact treten, auch jede zweite Woche wenigstens eine Ansprache an das Volk halten. P. Deutsches Reich. Berlin, den 4. Jänner 1892. *) Das Chanukasest des Verba, des „Csra" und die Makkabäerfeier des „russisch-jüdischen wissenschaftlichen Vereines" haben auch in diesem Winter Zeugnis davon abgelegt, daß die Berliner Jüdisch-Nationalen, keineswegs an Ruhe denken. Während sich das Publikum von „Esra"^ mehr aus den mittleren Schichten der jüdischen Bevölkerung recrutirt, war auf dem studentischen Fest nur das feinere und feinste jüdische Element vertreten, wohlgemerkt nicht nur das russisch-, sondern auch das deutsch-jüdische. Es findet sich eben in allen Klassen und allen Schichten der jüdischen Bevölkerung ein fruchtbarer Boden für unsere Bewegung. Im Esra, wo Herr Dr. K a r p e l e s, Redacteur der assimilatorischen „Ällg. Z. Jdt.'. die Festrede hielt, verdienen besonders der vom Buchhändler Herrn Schildb e r g er gesprochene Prolog und die von Herrn Oanä. rnath. L. Mozkin im Namen des russisch-jüdisch, wissenschaftl. Vereines auf die jüdischen Bauern im Lande Israel gehaltene Rede hervorgehobcu zu werden. Es ist das erste Mal seit Jahren, daß, wie dies durch Herrn M o z k i n's Rede geschah, die nationale Idee unverblümt und ungeschminkt auf einem Esrafeste zum Ausdrucke kam, und der nicht endenwollende Beifall zeigte offenkundig, daß die neue Wahrheit des Nationaljudeuthums freudigen Herzens ausgenommen worden ist. Der Abend des russisch-jüdischen Vereines wurde durch einen Prolog „Weckruf an das jüdische Volk", welcher von einem deutsch-jüdischen Mitgliede des Vereines eigens gedichtet war, und von Frl. R o s c n t h a l gesprochen wurde, eingeleitet. Unter den künstlerischen Leistungen verdient besonders das Talent des 13jährigen jüdischen Violinvirtuosen F. Krisch rühmend hervorgehoben zu werden Die russische Festrede hielt der jetzige Vorsitzende Herr Dr. zur. L u r i a, die deutsche der frühere Vorsitzende Herr L. M o z k i n, der anderweitiger Ueberhäufung mit Arbeiten halber auf den Vorsitz freiwillig verzichtet hat. Aus welchen Gründen die sonst übliche hebräische Ansprache fortgeblieben ist, sind wir leider nicht in der Lage ergründen zu können. Beide Feste, deren jedes von etwa 300 Personen besucht war, sind äußerst glänzend verlaufen. Was den russisch-jüdischen wiff. Verein anbetrifft, so ist es in der That interessant zu beobachten, wie sich derselbe aus kleinsten Anfängen in kürzester Zeit zu dem angesehensten jüdischen Studentenverein in Berlin entwickelt hat. *) Für vorige Nummer zu spät eiugclaugt. Vor mehr als 2 Jahren hatten die etwa 12 Mitglieder ein kleines Zimmcrchen f r ihre Versammlungen, jetzt sind in jeder Versammlung rund 150 Personen anwesend. Der Verein hat sein großes Wachsthum vor Allem dem Umstande zu verdanken, daß er stets sein Augenmerk mehr auf den nationaljüdischen Gedanken als auf, die mehr sociale Palästinasache richtete. In der letzten Zeit hat sich leider in dieser Beziehung eine, wenn auch nur geringe Schwankung geltend gemacht Es wäre aber ein schwerwiegender taktischer Fehler, wollte man den Nachdruck auf Palästina und nicht auf die jüdisch-nationale Idee lege». Gewiß ist der Palästinagedanke mit dem nationalen aufs engste verknüpft, aber man muß ja beachten, daß nicht der Zionismus die Nationalidee, sondern diese den Zionismus geboren hat, Man glaube lja nicht, daß man jemanden zum ernsten,, festen und unwandelbaren Palästinenser machen kann, ehe mau ihn für das Nationaljudenthum gewonnen hat. Nur der zielbewußte Nationaljude wird nicht durch ein Einwanderungsverbot der Pforte oder sonst ein scheinbar unüberwindliches Augenblickshindernis von Zion sich ab- und transozeanischen Phantastereien zumenden Wir haben in dem Herzen Europas zu kämpfen, und in Asien zu siegen. Der Jordan wird an der Donau, Spree und Themse erobert. So lange wir den Zionsgedanken nicht als einen Theil und eine Consequenz der Nationalidee ansehen, so lange bleibt Palästina für uns unerreichbar. Es ist viel wichtiger, daß wir die Fesseln und Ketten brechen, in die Herz und Kopf geschlagen sind, als daß wir an die materielle Freiheit denken. Diese kann und darf nur eine Tochter der geistigen Freiheit sein. Wir müssen uns hüten, in diesen Punkten uns dem Verhalten hiesiger Rabbiner in der russischen Emigrationsfrage anzuschließen. Jene k ürfeu es, denn sie predigen nur für eine gewisse Anzahl reicher und reichgewordener jüdischer Glückspilze, wir aber arbeiten für das ganze israelitische Volk. Unser Kampf gilt in erster Linie den Vorurtheilen der Nation selber. Der . russ.-jüdisch. wiff Verein", der bisher dem Esra und anderen „Humanitätsvereinen" gegenüber allein folgericht g dieses Princip vertreten hat, würde sich selbst und unserer Sache schaden, wenn er hievon auch nur um Haaresbreite abgehen sollte Der richtige Weg ist: „Durch den nationalen Gedanken zum Zionismus"! Wenn hierin der russische Verein im Großen und Ganzen ein festes Ziel vor Augen hat und seine Pflicht thut, so hat er etwas anderes aus den Augen verloren, was auch nicht ganz unwichtig ist, nämlich die zielbewußte und planmäßige Agitation unter den deutsch-jüdischen Kommilitonen. Obwohl nämlich in jeder, selbst „russischen" Sitzung jedesmal ungefähr zehn bis fünfzehn Personen anwesend sind, die nicht ein einziges Wort russisch verstehen, so hat gleichwohl in diesem ganzen Semester noch kein einziger deutscher Abend staitgefunden, während in früheren Semestern die beiden Sprachen sich ungefähr die Stange hielten. Man darf dem Verein keineswegs daraus Vorwürfe machen, aber cs zeigt das auf's Neue, daß wir Recht hatten, als wir im vorigen Jahre bei der gleichen Gelegenheit aufforderten, eine Berliner „Kad mah" zu gründen. Günstiger Boden und die geeignete Zahl jüdisch-nationaler Studenten sind vorhandenes fehlt nur an einer Person, welche die Initiative ergriffe. Ferner möge man einen allgemeinen Verein mit den gleichen Zielen gründen, der sich nicht innerhalb der enggezogenen Schranken academischen Lebens hält. Aber diese Vereine müssen vor Allem offen und ehrlich Farbe bekennen und nicht unter cm Deckmantel der Geschichte oder Literatur sich feige verstecken. Unsere Idee ist viel zu ernst, als daß wir es nicht wagen dürften, frei und offen damit aus Tageslicht zu treten. Vergeht auch nicht, daß das deutsche Judenthum nur der Zahl nach '/ic der Gesammtjude heit.