Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 3 (1.2.1892)
- Date
- 1892-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092717-3092720--0833-3093826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Seile 33 Sebst-Emancipation Briginal-Correjpondenxen. Oesterreich-Ungarn. Men, den 24. Jänner 1892. Der hiesige Palästina- Colonisationsverein „Admalh Jeschurun" veranstaltete ge» stern abends in Robitschek's Restauration seinen ersten Dislusiionsabend. Diskusiionsthema waren .Die Principien des Zionismus", und bildete ein gleichnamiger Vortrag des Dr. Nathan Birnbaum die Grundlage der Diskussion. Letztere wurde sehr lebhaft und im Ganzen auch mit vielem Geschick geführt. Sowohl Zionisten, als auch einige erschienene Gegner vertheidigtcn tyre Standpunkte mit vieler Entschiedenheit und Nachdruck. — Der Besuch des Abends war ein ziemlich guter, obwohl die Ankündigung desselben etwas zu spät erfolgt war. In Zukunft wirb es gut sein, solche Abende von längerer Hand vorznbereiten, um eine Redeschlacht mit einer großen Zahl von Gegnern durchführen zu können. Daß wir Zionisten in einer solchen tüchtige Kämpfer stellen, haben wir gestern gezeigt. Men, den 27. Jänner 1892. Man kennt die unleidlichen Verhältnisse an der Wiener Universttät, was Antisemitismus betrifft. Samstag Nachmittags haben die deutschen Studenten wieder einmal gezeigt, welcher Liebenswürdigkeit sie fähig sind. Es war mit Bewilligung des Rectors und des Decans eine Versammlung einberufen worden, um über die Neugründung des vor sechs Jahren wegen antisemitischer Scanbale aufgelösten M e d i c i n is ch e n U u t e r st ü tz u n g s v e r e i n e s zu beralhen. Einberufer war der russisch-jüdische Mediciner B r o d s k y. Als solcher übernahm er auch den Vorsitz, welchen er aber bald an den von den in der Mehrzahl erschienenen deutsch-, nationalen antisemitischen Studenten gewählten ^octorandeu Z e r k e u d ö r f e r abtrctcn mußte. Die Antisemiten setzten sohin durch, daß der § 1 des Statutenentwnrfes welcher lautet: „Unterstützt wird jedes würdige und dürftige wirkliche Mitglied des Vereines", folgende Fassung erhielt: „Unterstützt wird jeder dürftige und würdige Hörer der medicinischen Facultät, soferne er in C i s l e i t b an i e n geboren ist". Diese Norm richtete sich offenbar gegen die russischen und ungarischen Inden. Nachdem dieses Beschluß war, verließ die „liberale" Minorität, wie die hiesigen Blätter sagen, in Wahrheit lauter Juden. „Deutsche", „Magyaren", „Russen" und Socialdcuiokraten jüdischer Abkunft, sowie einige Rationaljuden, unter idem Gejohle und Geschimpfe der Antisemiten den Saal. Bald darauf wurde die Versammlung von einem Delegirten des Decans aufgelöst. Der akademische Verein „K a d i m a h" hat ein in Folge diests neuerlichen Mißlingens eines Zusammenwirkens mit dcr deutschen Studentenschaft die Gründung eines Unterstützungsvereines für in Wien studirende arme jüdische Mediciner aller Länder ins Auge gefaßt und zu diesem Behufe, am schwarzen Brette der Universttät folgeuden Anfruf angeschlagen: „Jüdische C o m m i l i t o n e n! Der akademische Verein „Kadimah" fordert die an der Wiener Universität fludirenden Mediciner aller Länder aus. behufs Gründung eines Unterstützungsvereines für jüdische Mediciner zu einer derathenden Versammlung Samstag den 30. Jänner in Robitschek's Restaurant, l.» Wipplingerstraße 47, präcise 3 Uhr Nachmittags, zu erscheinen. Für den academischen Verein „Kadimah": Drd. med. Sieg. Werner, stud. med- Karl P o l l a k. Auskünfte: IX., Müllnergasse 13, von 6-8 UhrMbendS- Der akademische Verein „Kadimah" hat durch diesen Aufruf und einen zweiten, welcher die Motive der Vereins« gründung angibt, bewiesen, daß er sich seines Zusammenhanges mit der nationaljüdischen Partei bewußt ist. deren oberster Grundsatz ja „Selbsthilfe" lautet. Ob er mit seiner Idee reussiren wird, kann bei dem Umstande, als die übrigen jüdischen Studenten Wiens vorläufig nur ein sehr kümmerliches Solidaritätsgefühl haben, nicht mit Bestimmtheit vorausgrsehe» werden. Hoffen wir das Beste, erwarten wir. daß sich die jüdische Studentenschaft von der Tagespresse. welche den Aufruf der „Kadimah" brachte und besprach, nicht länger auf das Aussterben des Universitäts- Alitisemitismus und auf weitere Experimente mit einem allgemeinen Vereine vertrösten lassen wird. Men, den 29. Jänner 1892. Mit Erlaß vom 27. d. M. hat die n.-ö. Statthaltern die Statuten des neugegründeten literarischen Geselligkeitsvereines jüdischer Mädchen „M o r i a" genehmigt. Der Hauptzweck des neuen Vereines ist Pflege der nationalen Geschichte und Literatur um, wie die Präsidentin der „Mori.i" Fräulein Franziska Reich jüngst gelegentlich eines Gesclligkeits-Abendes des akad. Vereines „Kadimah^ unter stürmischem Beifalle aussprach, auf oiese Weise das Wesen und den Werth des jüdischen Volkes näher kennen;n lernen und die Mitglieder des Vereines zu Vorkämpfeünnen für Judas Ehre und Freiheit auszubilden. Möge de: neue Verein wachsen und blühen und durch sein Beiiviel zur Nachahmung einladenj! T. Lemberg, 17. Jänner 1892. Unermüdlich mit Wort niid Schrift arbeitet der hiesig: national-jüdische Verein „Zion" für die Ideale unseres Volkes. Dieses beweisen die Broschüren, die der Verein herausgeqeben hat und die Vorlesungen. die gewöhnlich jeden Samstag abgehalten werden. Jin lanfenden Vereinsjahre wurden folgende Vorlesungen abgehalten : Zur Geschichte der Colonisation von sind. phil. O. T h o „, der Ursprung der Blntbcschuldigung bei den Inden von B. W. Segel. Ein Wort an die jüdische Jugend von I. S. R e n z e r. Culturbilder aus dem jüdibischen Leben in Galizien von N. S a m u e l i Unsere Freunde von E. L e i ß n e r. Die Geschichte der Makkabäer von demselben. Jehuda Halevi von Taubes. Wie die Makkabäerfeier ausgefallen ist, ist bereits hier berichtet worden. Für den jüngst in Odessa verstorbenen großen jüdischen Politiker Dr. Leon P i n s k e r wurde eine specielle Gedächtnißfeier veranstaltet. Herr B. W. Segel eröffnete den Abend mit einer meisterhaften und trefflichen Rede. Hierauf hielt Herr I. S. R e n z e r eine hebräische Ansprache. Zuletzt sprach der rühmlichst bekannte hebräische Schriftsteller R. A. Brandes. Rach einer entsprechenden Einleitung stellte der Redner den zahlreich versammelten Herren und Damen ein klares Bild jener Epoche vor. in welcher man für die Menschenrerte der Juden dem blinden Fanatismus mit Kühnheit entgegentrat. Die Inden vergaßen all' ihrer Leiden, glaubten sich unter den Ariern sicher genug und mit ihnen vereint, traten sie für Cultur und Zivil sation ein. Auch unser P i n s k e r war ein Jünger dieser Epoche und für die Ideale derselben so enthusiasmirt, daß er-zur Herausgabe eines russischen Organes mit den entsprechenden Tendenzen schritt. Wie sehr aber die Juden unsicher seien, wie sehr der Judenhaß eine unausrottbare Krankheit der Arier sei, lehrten bald Rußland und Rumänien Die Juden erwachten aus ihrem kurzen süßen Traum, mit ihnen P i n s k e r. Damals schrieb er die in der Geschichte der Jüdisch-Rationalen epochemachende Brochüre „Autoemancipation". P i n s k e r war aber nicht nur Theoretiker, sondern auch ein tüchtiger Praktiker. Die Colonisation Palästinas hat ihm vieles zu verdanken. Es gehört eine bessere Feder dazu, um die Schärfe