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Selbst-Emancipation · 1892-02-01 · Heft 3 (1.2.1892) · p. Seite 32

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 3 (1.2.1892)
Date
1892-02-01
Page
Seite 32 (sequence 6)
Language
German
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Seite 32. Selbst-Emancipation Nr. 3. Die Culturaufgabe des neunzehnten Jahrhnndertes war, den Völkern die Freiheit zu gewähren, unser Zeitalter gibt den meisten Nationen die Möglichkeit, ihre Eigenthümlichkeiten zu entfalten. Warum sollten wir gerade vor allen Anderen zurückstchen, warum sollten wir eS nicht vermögen, unser Scheindasein aufzugeben und den Weg neuer.'eigener Thätigkeit zu besch reiten? Warum sollten wir nur bei anderen Völkern um Almosen betteln müssen? Allerdings sind wir spcciell während des letzten Jahrhnndertes in ein eigenes Fahrwasser gerathen: Wir sind nur noch Bettler oder Philanthropen, und sind irgendwo Judenhetzen, Judenausweisungen, dann kennen die in Ruhe lebenden Israeliten nur ein Mittel, nämlich ihre Brüder aus dem Feuer zu retten, und sie weiter zu trausportiren, ohne zu bedenken, daß sie selber den Zündstoff mitbringen. Ein Theil der russischen Judenheit — und man kann mit Recht sagen, der bessere — hat sich von diesem veralteten System losgesagt und anstatt der Wohlthätigkeit die Politik als Grundsatz aufgestellt. Wie wäre es, wenn die Israeliten — vorn-hmlich die verfolgte» — sich an einer Stätte vereinigen möchten, um daselbst ein culturnationales Leben zu sührrn? Warum könnten wir, welche wir unsere ausgeprägten nationalen Eigemhümlichkeiteii, unsere Traditionen unsere Geschichte, unsere Sprache unsere Literatur besitzen, nicht endlich eine Nation im vollkommenen Sinne des Wortes werden? Und wenn wir europäisches und hebräisches Wesen perbiudeu werden, könnten wir dann nicht eine bedeutende Nolle spielen, nähmlich diejenige der VölkerauZsöhnung und Völkervrrmittlung? Wir würden sicherlich dem Osten die Früchte des Westens bringen und vielleicht auf Millionen Schlummernder belebend wirken. Innerhalb des letzten Jahres haben die westeuropäischen Juden Gelegenheit genug gehabt, die russischen Inden zu bedauern — sie haben ihnen auch grandiose Hilfe gebracht, sie ahnen aber kaum, daß gerade unter den bedrängten, heimathlosen. Armen viele sich glücklicher fühlen, als sie selbst. Ueberhaupt hat Europa nur die Klagen unv den Jammer der mißhandelten, die Schmerzensrufe der wie Thiere rastlos gehetzten russischen Juden vernommen, hat den Strom der Auswanderer sich über alle westlichen Länder ergießen sehen und das wilde Fliehen derselben beobachtet, nur das düstere Bild wurde vor den Augen der gesitteten Menschheit entrollt, die Helle Lichtseite des Dramas blieb verhüllt, jene freiheitliche Regung, welche wir mit dem Worte „Nationaljudenthum" bezeichnen. Jener Reimgungs- und Läuternngsproceß, welcher im Innern des russischen Judenthums vor sich gegangen, welcher es moralisch emporgehoben und zu fieberhafter Thätigkeit aufgerüttelt, hat leider noch nicht die Würdigung seitens der westlichen Judenheit gefuuden, welche er verdient, ja er bleibt meistens unbekannt, was nicht zum geringen Theile durch die neueste jüdische Krankheit, durch die Furcht vor den Argusblicken des Antisemitismus bewirkt wird. Vielleicht wären dann die westeuropäischen Juden zur Ueberzeugvng gekommen, daß auch ihr Los nicht bcneidenswerth ist, oder ist eS nicht etwa ebenfalls ein großer moralischer Schmerz, wenn man mit ansehen muß, wie fast die gesammte Heranwachsende Jugend mit dem größten Hohn und Spott auf die Inden herabschaut, wie täglich sich tausende versammeln, um die niedrigsten Schmähungen und Verläumduugeu gegen uns auszustoßen, ohne daß wir gegen diese Volksbewegung etwas ausrichten können? Denen, welche sich trösten, einlullen und einreden lassen, daß der Judenhaß vorübergehen wird, wenn erst alle Menschen den Gipfel der Bildung erreichen werden — würden wir mit wirklichen, historischen Thatsachen beweisen können, daß die Civilisation. welche die Menschen keineswegs von ihren Schwächen zu befreien, sondern höchstens, dieselben zu bändigen vermag, auch den Judenhaß zu tilgen nicht im Stande ist, wenn auch die Messer, mit welchen unsere Feinde uns schneiden, immer feiner werden. Welche Ruhe zieht aber in die Gemüther derjenigen Israeliten ein, welch: den nutzlosen Kampf aufgeben, den Feinden die löbliche,Neigung lassen, uns zu hassen, und nur daran denken, eine gemeinsame Heimath auf dem Boden ehemaligen jüdischen Glanzes allen denen zu gründen, welche als Juden geschlagen oder gekränkt werden, oder auch den Schutz nicht eitragen können, daß wir nicht mehr so entstellt und herabgedrückt seien. Als vor etwa zehn Jahren die Nationaljuden in Rußland mit diesem dreifachen Programm: „W jeder- Verjüngung unseres Landes. Wiedervereinigung unseres Volke», Wie der - belebung unserer Sprache" aufgetreten sind, da erhob sich von allen Seiten ein großer Sturm gegen dieselben. Die Fanatiker sagten: „Was, ihr wollt die Erlösnng vor der Zeit herbeiführen, was soll aus dem Messiasglanben werden?" Die Freigeister riefen: Ihr werdet dadurch die Finsternis begünstigen", ohne zu bedenken, daß Freiheit sich noch niemals mit Finsternis gepaart. Die Feiglinge schrien : „Wehe, wehe, was werden die Ant ise» mifen dazu sagen': und vergaßen ganz daß den Inden ihre bisherige Selbstverleugnung auch wenig Nutzen gebracht. Die Opportunisten jammerte»: „Warum wollt ihr uns unsere Bequemlichkeit nehmen, wir haben uns so gut eingerichtet, werden uns schon mit der Zeit besser einrichten", ohne an die empfangmcn Hiebe zu denken. Die jüdisch-nationale Partei aber ließ sich durch keine Hindernisse ab» schrecken, prahlerische, salbungsvolle Lügenprophezeihungeu machten sie nicht irre, sie überwand alle Vorwürfe und Kämpfe, und. indem sie mit den Vorurtheilen der Väter und der Selbstverachtung der Jünglinge rang, vermochte sie es doch allmählich durch die Macht des Ideals durchzudringen und einen großen Theil des jungen Geschlechtes für sich zu gewinnen, hat sie es dahin gebracht, daß auf dem Boden der Väter ein nationales Leben aufkommt, daß schon jetzt jüdische Bauern und jüdische Bäuerinnen in den Gauen Palästinas herumwandeln, und die jvdäischen"Berge von hebräischen Liedern wiederhallen. Es ist ganz unzweifelhaft, daß es einer allgemeinen Volksbewegung gelingen muß, eine große jüdische Bevölkerung daselbst zu schaffen und auf d:n Ruinen Kanaans ein neues Israel aufzubauen. Durch ein solches Bestreben werden wir sicherlich an Achtung bei den Völkern gewinnen und es noch dahin bringen, daß die europäische Welt mit demselben Interesse, mit demselben Eifer, und derselben Begeisterung von der Befreiung Israels, wie von der Befreiung des griechischen und italienischen. Volkes sprechen wird. Die meisten Verdienste um die Erreichung dieses erhabenen Zieles aber erwirbt sich die jüdisch-nationale Jugend, welche sich dieserhalb den größten Opfern und Entbehrungen unterzogen, welche ihre ganze Thatkraft in den Dienst der Zionsidee eingesetzt, ohne sich durch Bespöttelung zurückhalten zu lassen. Es ist daher nur ein Akt der Gerechtigkeit, wenn ich Sie auffordere mit mir in den Ruf einzustimmen: Die jüdisch-nationale Jugend, welche Israel die Freiheit bringt und es von den Ketten befreit, die es sich selbst angelegt, welche eine neue Blüthezeit für das hebräische Volk Hervorrufen, welche dem jüdischen Fleiße und der jüdischen Energie neues Leben einhauchen will lebe hoch

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