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Selbst-Emancipation · 1892-02-01 · Heft 3 (1.2.1892) · p. Seite 31

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1892
Issue
Heft 3 (1.2.1892)
Date
1892-02-01
Page
Seite 31 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3. Selbst-Emancipatioir Seite 31. schwatzen, geben den Gegnern das Schwert in die Hand, um uns zu erschlagen". Beruhige Dich, Wichtelmännchen, Dir wird nichts Sonderliches geschehen; Dir will niemand an's Leben. Was Dir geschehen kann, das ist gerade das, was Du' verdienst. Hier und da eine Abweisung deiner Zudringlichkeit. hier und da ein Fußtritt, vielleicht auch, o Glück!; hier und da eine Schmeichelei, die ärger ist als eine Beschimpfung. Wir aber, die echten „Nationaljudcn" wir fürchte» sie gor nicht, jene antisemitiscke Horde und Rotte. Hassen sie uns, so sind sie die Hasser, verachten sie uns. so sina sie die Berächter und Verachtete», beschimpfen sie uns, so sind sie die Beschimpfer und die Beschimpften, verfolgen sie uns. so sind sie die Verfolger, verleumde» sie uns, so sind sie die Verleumder und Lügner, berauben sie uns, so sind sie die Räuber, und ermorden sie uns, so sind sie die Mörder. Wer ist nun besser daran, sie die Unrechlthueuden oder wir die Unrechtleidenden. „Sei stets von den Gekränkten, den Nichlkrävkcnden und von den Verfolgten, den Nichtversolgenden", so hat uns der alte Weise gelehrt, und diesen Standpunkt halten wir fest, cs ist der L-tandpnnkt des Rechts und der Menschlichkeit. Wir brauchen auch keine „Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" und schade um den Pfennig, welcher unsererseits an solche Vereine gespendet und verschwendet wird. Wenn einsichtsvolle Menschen sich dennoch, um ihrem Gerechtigkeitsgefühle zu genüge», zu solchen Vereinen zusammentreten, so mögen sie es ja thun — ihretwegen aber nicht unseretwegen. Wir brauchen solche Vereine nicht; ans unserer Seite ist die Menschlichkeit und das Recht und die Zeit wird kommen, „da hervortritt unser gutes Recht klar wie der Tag und unsere gute Sache wie das Mittagslicht". Die antisemitischen Feinde und Gegner kümmern uns nicht; für sie haben wir weder ein Wort ter Vertheidigung noch ihrer Bekämpfung - wohl aber kümmern uns die Feinde und Gegner im Lager unseres eigenen Volksthums. Ich trete nicht gerne heraus aus meiner Reserve, habe gern alle Welt zu Freunden, — zwischen ihnen und uns ater sei das Tischtuch zerschnitten, bis sie reuevoll zurückkehren und sich gehobenen Sinnes und stolzn: Selbstgefühls, freudig und willig bekennen als echte „Natioiiaijureii" und den echtnationalen Schwur leiste» : „Wir wollen sein ei» einig Volk von Brüdern,in keiner'Noth uns Nennen und Gefahr." M e m e l. 24. Januar 1892. Dr. I. R ü l s. Nabbincr. Rede des cand. math. L. Mo; ki n, gehalten im russisch-jüd miss, Verein in Berlin a» dem IV. Stistungs- und Makkabäerftsie desselben vor einem zum größeren Theilc aus deutschen Jaden bestehenden Publicum. Die neiitfte Stiömuug unter den Juden, vielleicht die neueste ideale Bewegung in der Welt überhaupt, ist die national-jüdische, und wenn ich einige ernste Worte an Sie über dieselbe richte, so werde ich zugleich erklären, was unser Verein bezweckt, was sei» Leben ausmacht, und wie es gekommen, daß er während des letzten Jahres ein so. reges Leben entfaltet, so stürmische Versammlungen und so feurige begeisternde Diskussionen. Reden, Gespräche hervorgerufcn und das Interesse vieler fernstehender Kreise erregt hat. Da nicht jetzt die passende Zeit ist, eine Theorie zu entwickeln, so muß ich, um die Festesstimmung nicht zu stören, mich der größten Kurze befleißigen, aber ich hoffe, ja ich halte es für die Pflicht derjenigen, welche von dem neuen beseeligenden Gedanken an dieser Stätte zum ersten Male heute etwas vernehmen, daß sie nicht nach dem Feste einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern ihre Aufmerksamkeit im größten Maße dieser Idee zuwenden werden, um die Richtigkeit derselben zu erforschen. Das Natioualjudenthum zerfällt in zwei Tbeile, in zwei Strömmungen. in die Anerkennung der Vergangenheit und in die Hoffnung auf die Zukunft, wodurch wir einerseits unser Selbst -, andererseits unser Pflichtbewußtsein erwecken. Von der Thatsache ausgehend, daß wir nicht wenig zur Hebung menschlicher Gesittung, menschlichen Fortschrittes und menschlicher Geistesthätigkeit beigctragen, daß wir Juden eher wegen der Originalität und Ursprünglichkeit unserer Leistungen sowohl während unseres selbstständigen Lebens, als auch während unserer Wüstenwanderung seit der Zerstörung des jüdischen Gemeinwesens durch alle Welttheile eine besonders interessante Geschichte abgeben, kommen wir zu der Ueberzeugung, daß wir uns als Volk nicht nur nicht zu schämen und um andere Namen zu betteln brauchen, sondern das Recht haben, uns mit einem gewissen Stolz zu unserer Abstammung zu bekennen. Siolz ist nur unter bestimmten llmständen eine Tugend; wenn aber ein zurück-gestoßenes, getretenes und unterdrücktes Volk aut seine Abstammung stolz ist, dann ist es sicherlich eine Tugend, welche sich gegen die Ungerechtigkeit anfbäumt. Wir sagen unseren Feinden: Oeffnet nur die Blätter unserer wunderbaren Geschichte, schauer nur in das Innere unserer Erzeugnisse hinein, sehet unsere literarischen Denkmäler, unsere wissenschaftlichen Thaten an, betrachtet nur den colossaleu Umfang unserer GeisteSproducte, die Mannigfaltigkeit und Biegsamkeit unserer Fähigkeiten, bedenket daneben, daß wir unsere Schöpfungen mitten im Feiudeslager heivoegevracht, wo wir uns selten eine kleine Erholung auf unserer rastlosen Hetzjagd erlangt, waget es dann uns zu schmähen und zu verachten. Wir Natioualjuden sind der Ueberzeugung, daß wir Juden nur deswegen verspottet werden, weil wir nicht mit dem genannten -Grundsätze hervortreten, sondern uns meistens selbst verachten, weil wir uns als Volk zersetzen, weil wir in die Welt hinausposaunen, daß wir uns in andere Nationen aufgelöst haben oder anflöseu müssen, ein Jrrhlum. in welchem wir durch tausendjähriges Ghettoleben beim Anblick der Freiheit gerathen sind. So tief sind wir durch unsere Assimilations- Periode gesunken, so sehr sind wir gefallen, daß wir unsere Geschichte vergessen, unsere Sprache verlernt, unsere Ideale verlassen, ohne die fremden in uns ausnehmen zu können, und daher nur Halbes, Zwiespältiges schaffen. Wenn wir uns vertheiorgen wollen, daun erniedrigen wir uns, verleugnen wir unsere Existenz, und öffnen wir unser Innerstes, unser Heiligstes, so geschieht es nicht, um kund zuthun, vag wir Großes erzeugt, sondern, daß wir kein Christenb'.uc gebrauchen, daß wir keine Menschenfresser sind. B liebt es dann den Wirthsvölkern, uns als Fremde zu bezeichnen, dann sagen wir sogar, daß wir nicht wir sind, wir verlassen die Wahrheit, machen die schnellsten Metamorphose». Können wir da Achtung verlangen? Wie ganz anders klingt die Lehre der Nationaljudeu: Setzen wir die Wahrheit, heißt es, auf unsere Fahne, lernen wir uns selbst kennen, verleugnen wir nirgends unsere Abstammung, am wenigsten daun, wenn wir wegen derselben aus oie Anklagebank gezerrt werden, und weun^wir die Größe und Erhabenheit unserer Geschichte und die unbegrenzte, gewaltige intellectuelle Kraft unseres Volkes eingesehen, laßt uns selbst Schmiede unseres Schicksals werden, laßt uns zu normalem, selbstständigen Leben anfecstehn.

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